Donbass (2018)

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Sergei Loznitsas neues Werk "Donbass" fasst den hybriden Bürgerkrieg in der Ostukraine in einen ebenso verwirrenden wie erhellenden Bilderreigen voller Wut, Zynismus, Hyperbeln und alternativer Realitäten und erschafft so einen kraftvollen Metadiskurs über Lüge und Wahrheit in Zeiten des Krieges.

Donbass (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Lügen und Wahrheit in Zeiten eines vergessenen Krieges

Seit dem Jahre 2014 herrscht im Osten der Ukraine ein wechselweise kalter oder heißer hybrider Krieg zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen, der mittlerweile so undurchsichtig und unübersichtlich geworden ist, dass die Weltgemeinschaft anscheinend beschlossen hat, ihn zu ignorieren. Sergei Loznitsa allerdings zerrt mit seinem neuen Film genau diesen Konflikt wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und dekliniert an ihm nicht nur die verheerende Lage in der Ostukraine durch, sondern zeigt vielmehr in einem satirisch zugespitzten Welttheater die Verkommenheit einer Welt, die durch Machstreben, Gier, Anarchie sowie vielfachen Brechungen und Re-Inszenierungen der Wahrheit geprägt ist.

Wie bereits in seinem letzten Film Die Sanfte, der 2017 im Wettbewerb von Cannes zu sehen war, schickt der ukrainische Regisseur auch in seinem neuen Werk Donbass – dieses Mal in der Reihe Un Certain Regard zu sehen – eine Person auf eine Odyssee durch ein Land am Rande der Auflösung. Mit einem gewaltigen Unterschied: Dieses Mal ist es keine filmische Person, sondern vielmehr der Zuschauer selbst, der hier auf eine irrlichternde Reise geschickt wird. Das gelingt unter anderem dadurch, dass es in Donbass keine Hauptpersonen mehr gibt, sondern vielmehr nur ein auswechselbares Personal, das eine, manchmal auch zwei Episoden lang seinen Auftritt hat, um dann einfach zu verschwinden (im günstigsten Fall) oder durch einen plötzlichen Todesfall aus dem Film entsorgt zu werden. Das mag sich nun vielleicht zynisch anhören, doch Loznitsa macht buchstäblich keine Gefangenen in seiner kaleidoskopartigen Ansammlung von Vignetten, die weniger durch ihre individuelle Ausformung als vielmehr durch die Zusammenschau der einzelnen einander ergänzenden, kommentierenden und manchmal auch sich widersprechenden Elemente verstanden werden können und gesehen werden wollen. Sofern nicht sowieso in diesem Krieg alles Fake ist, Inszenierung, Lüge oder ein groß angelegter Schwindel aus unklaren Motiven, von denen Nationalismus nur als ein Ventil für die universelle menschliche Niedertracht erscheint.

Und so sehen wir eine wütende Politikerin, die sich an einem Journalisten rächt, der über ihre Korruption geschrieben hatte, wir sehen schmierige Geschäftemacher, die notleidende Bevölkerung, die stets aufs Neue verarscht und ausgenommen wird, lachen über einen deutschen Journalisten, der durch das Land irrt und von allen Soldaten, mit denen er spricht, immer wieder aufs Neue ins Bockshorn gejagt wird, bis ihn schließlich eine Geschützsalve erlöst. Wir sehen eine ausgelassene Hochzeit, von der ein Trupp von Freischärlern zum nächsten Angriff mit Stalinorgeln auf einen Bus aufbricht, um kurz darauf selbst einem Hinterhalt zum Opfer zu fallen. Ärzte, die sich an den Hilfsgütern bereichern, vermeintliche Aufklärer von Korruption, die selbst üble Geschäfte machen. Töchter, die versuchen, ihre Mütter wieder zu einer Rückkehr in die Normalität zu bewegen, einen spontanen Akt der Lynchjustiz, in der ein vermeintlicher oder tatsächlicher Kämpfer der Gegenseite öffentlich zur Schau gestellt, bespuckt, geschlagen und als Trophäe für Selfies missbraucht wird.

All diese Grausamkeiten und Grotesken reiht Loznitsa manchmal mehr, manchmal weniger (vor allem über die Figuren) verbunden aneinander und fragmentiert so die Story zu einer verdichteten und überdrehten Ansammlung von Geschichten, die nur auf den ersten Blick wie pro-ukrainische Propaganda erscheinen. Doch kann man diesen Geschichten und damit dem Film selbst überhaupt trauen? Oder ist nicht vielmehr jeder filmische Versuch, sich einem Konflikt wie diesem anzunähern, von vorneherein zum Scheitern verurteilt? Ist ein Krieg, gerade in Zeiten der Massen- und sozialen Medien, nicht stets auch ein Krieg der Bilder? Und ist damit nicht jeder Filmemacher stets auch ein Kombattant und als solcher ein höchst unzuverlässiger Vermittler von Wahrheiten?

Mit der Rahmung, mit der Sergei Loznista seinen Film beginnt und auch wieder enden lässt, thematisiert er genau dieses Dilemma und hinterfragt damit die eigene Rolle als Schöpfer von Bildern, die stets vor den ein oder anderen Karren gespannt werden: Hier wie dort, am Anfang wie am Ende von Donbass wird der Zuschauer Zeuge der Vorbereitungen zu einem Filmdreh, der offensichtlich dazu dienen soll, scheinbar authentische Berichte über einen Anschlag der Gegenseite herzustellen. Am Ende wird dann ein Soldat alle Mitwirkenden in diesem Film erschießen und die Szenerie unbehelligt verlassen. Dann rücken Polizei- und Rettungskräfte an, die den Tatort eines 12-fachen Mordes hermetisch abriegeln, doch selbst hier bleiben Zweifel, ob es sich nicht wiederum um eine Inszenierung handelt, um einen weiteren Film-im-Film, der weniger zur Aufklärung als vielmehr zur weiteren Verwirrung beiträgt. Wo endet die Wahrheit, wo beginnt die Lüge? In Zeiten wie diesen und Konflikten wie dem hier gezeigten, der aber durchaus als exemplarisch für zahlreiche Konflikte gesehen werden muss, ist die Wahrheit das erste Opfer.

Donbass (2018)

Im Donbass, einer Region in der östlichen Ukraine findet ein Konflikt statt, in dem sich offene Kriegshandlungen mit den Raubzügen lokaler Banden zu einem merkwürdigen Gebilde formen. Hier kommen Krieg und Hass im Gewand der Liebe einher, hier wird Propaganda die Wahrheit genannt. Doch es geht dabei nicht (nur) um eine Region, ein Land, ein politisches System, sondern um Humanität und Zivilisation im Allgemeinen. Es ist mit anderen Worten ein Konflikt, der jeden von uns betrifft.

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Uwe · 03.09.2018

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