Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? (2021)

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Es trifft Lisa und Giorgi wie ein Blitzschlag, als sie in den Straßen von Kutaisi buchstäblich ineinander laufen — Liebe auf den ersten Blick. Doch weil ein Fluch auf ihnen liegt, verändert sich über Nacht ihr Aussehen und sie erkennen einander nicht mehr wieder. Werden Sie sich finden?

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Liebenden von Kutaisi

Wer in den Himmel schaut, träumerisch vielleicht, der (oder die) läuft Gefahr, in jemand anderen hineinzulaufen. Und genau so beginnt — ohne dass wir es wirklich sehen, weil der Bildausschnitt nur die Beine von den Knien abwärts zeigt — die Liebesgeschichte von Alexandre Koberidzes magischem und märchenhaft versponnenen „Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?“

Vor einer Schule in Kutaisi prallen die Apothekerin Lisa (Oliko Barbakadze) und der Fußballer Giorgi (Giorgi Ambroladze) gleich zweimal ineinander. Ein Buch fällt zu Boden und wird aufgehoben, ein langer tiefer Blick  — vermutlich, denn wir sehen es ja nicht, weil auch wir Träumer sind, die auf eine Leinwand starren. Vor lauter Aufregung vergessen die beiden, sich ihren Namen zu sagen, doch man verabredet sich bei einer weiteren zufälligen nächtlichen Begegnung für den nächsten Tag in einem Café, da kann ja eigentlich nichts passieren, so denken sich die beiden. Falsch gedacht. 

Denn was sie nicht wissen, wohl aber ein allwissender Erzähler, der wie ein Spielleiter die beiden Hauptfiguren und das Publikum durch diesen merkwürdigen kleinen Kosmos voller Wunder führt: Auf ihnen liegt ein Fluch — und der sorgt dafür, dass sie beide am nächsten Morgen ihr Aussehen völlig verändert haben und sich deshalb schlichtweg einfach nicht erkennen. Und weil sie nicht nur ihr Aussehen verändert haben, sondern auch all ihre Fähigkeiten verloren gingen, müssen sie sich umorientieren. Aus der Apothekerin Lisa wird eine Kellnerin in jenem Café (nun gespielt von Ani Karseladze) in dem sich die beiden Liebenden in ihrem früheren Leben verabredet hatten. Und Giorgi (Giorgi Bochorishvili), der aus seiner Mannschaft fliegt, weil er nun keinen Ball mehr gerade treten kann, wird von einem Mann angeheuert, auf der nahegelegenen Brücke eine Attraktion zu betreuen, die eigentlich nur dazu dient, Besucher*innen in eben jenes Café zu schleusen, in dem Lisa nun arbeitet. So nah sind sich die beiden und doch so weit voneinander entfernt. 

Währenddessen geht das Leben in Kutaisi ungeachtet der Liebestragödie weiter seinen ganz gewohnten Gang — zumindest beinahe. Denn die Stadt erweist sich nicht allein wegen des Liebesfluchs als nahezu magischer Ort, in dem Hunde sich zu der bevorstehenden Fußball-WM verabreden, um die Spiele gemeinsam zu verfolgen und viele andere kleine und größere Wunder geschehen. Und zum Glück gibt es auch eine Filmcrew, die nach Kutaisi kommt, um hier nach sechs Liebespaaren zu suchen und diese zu porträtieren, die das vollkommene Glück verkörpern. Ein glücklicher Zufall — oder nennen wir es besser Schicksal? — das Lisa und Giorgi vielleicht ja doch wieder zueinander bringt. 

Wenn ein Regisseur mitten in seinem Film eine Warntafel anbringt mit dem Hinweis, bei einem Signalton die Augen fest zu schließen  und sie erst beim zweiten Ton wieder zu öffnen, dann gibt es wohl kaum ein Publikum auf der Welt, dass dieser Anweisungen ohne weiteres folgt — und im Fall von Alexandre Koberidzes Film Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen? Ist das kaum verwunderlich. Denn sobald man sich auf diesen Film eingelassen hat in seiner ganz eigenen, versponnenen Art und seinem lässig zerdehnten Rhythmus, dann will man sehr schnell keinen einzigen Moment mehr verpassen — und schon gar nicht jene Momente, die „verboten“ sind. 

Koberidzes Film ist etwas ganz Besonderes, eine sehr seltene Kostbarkeit: Ein Märchen, das dennoch den Blick geschärft hält für die Absurditäten und auch die schlimmen Ereignisse seiner Gegenwart. Ein Liebesfilm, der nicht nur die Liebe eines Paares zueinander beschreibt, sondern auch eine generelle Liebeserklärung ist — an das Leben und an die Menschen, an Kutaisi, jenen magischen Ort, den der Kameramann Faraz Fesharaki in zauberhafte Bilder taucht, die aus einer Mischung aus digitalen und analogen 16mm-Aufnahmen bestehen, an Hunde und Kinder, Fußball und natürlich vor allem an das Kino. Und vielleicht liegt auch darin ein wenig von dieser gewaltigen Magie, die von diesem Film ausgeht: Dass er in einer Zeit, in der das Kino und die große Leinwand bedroht sind wie noch nie, zeigt, was es immer noch sein kann. Pure Magie, rauschhafte Glückseligkeit und ein Versprechen, dass vielleicht doch auf wundersame Weise am Ende alles gut wird. Es ist ein Versprechen, dass man gerade sehr gut gebrauchen kann. Und eines, das man unbedingt auf der großen Leinwand sehen muss, um hineinzufallen und sich auffangen und trösten zu lassen in merkwürdigen Zeiten wie diesen.

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? (2021)

Eine zufällige Begegnung vor den Toren einer Schule im georgischen Kutaissi. Lisa und Giorgi stolpern ineinander, ein Buch fällt zu Boden. Sichtlich verwirrt verabreden sie ein Date, ohne einander ihre Namen genannt zu haben. Es ist Liebe auf den ersten Blick, und wie verzaubert fangen die Dinge an zu leben: Die Überwachungskamera wird zum bösen Auge, das Abflussrohr zum Orakel, Augen zu – und Gong! Über den Liebenden liegt ein Fluch, der sie dazu verdammt, am nächsten Tag mit einem anderen Aussehen zu erwachen. Doch gerade diese wundersame Erschwernis ihrer Wiederbegegnung wird zur Eintrittskarte in eine Welt, in der nur noch der Zauber des Alltags herrscht – in schlichter Schönheit, mit zärtlicher Komik und einer Fußballbegeisterung, die Junge wie Alte und sogar den phlegmatischen Straßenköter Vardy befällt.

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