Die Zähmung der Bäume - Taming the Garden (2021)

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Fast ohne Menschen, sondern nur mit detailversessenen Aufnahmen eines Transports eines riesigen Baumes erzählt Salomé Jashi von Umweltzerstörung, und der Dekadenz der Reichen und Mächtigen im heutigen Georgien.

Die Zähmung der Bäume - Taming the Garden (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein schwebender Riese

Was für ein Bild! Ein riesiger Baum schwebt scheinbar über das Meer. Aufrecht stehend und vielfach gegen das Umkippen gesichert, in seiner alten Heimat buchstäblich entwurzelt und einer neuen, ungewissen entgegensteuernd, ist er ein machtvolles Symbol der Verhältnisse und Hierarchien in Georgien.

Langsam, mit statischen Einstellungen und großer Langsamkeit entfaltet die georgische Regisseurin Salomé Jashi von diesem Urbild ausgehend eine Geschichte, die so absurd klingt, dass man sie kaum glauben kann. Im unsichtbaren, da nie benannten und nie gezeigten Zentrum dieser Story steht der schwerreiche Milliardär und ehemalige Premierminister Bidzina Ivanishvili, der seine Heimat nach prachtvollen Baumriesen durchforstet, diese mit enormen Aufwand ihres ursprünglichen Standplatzes beraubt und sie seinem künstlich angelegten Anwesen einverleibt und diese dorthin verpflanzt.

Schritt für Schritt begleitet die Kamera diesen Weg und zeigt mit großem Interesse für das Wie und die unglaublichen Mühen, die hinter diesem Mammutprojekt stecken die technischen Abläufen, die nötig sind, um den Riesen auf seine letzte Reise zu schicken: Das Ausgraben des Baumes mitsamt des gigantischen Wurzelwerks, die Rohre, die in das Erdreich hineingeschlagen werden, die Schneisen, die in den Wald geschlagen werden müssen, um die Strecke von hier bis zur Verladung im Meer überhaupt erst passierbar zu machen, das Planieren eines Weges, den der Schwertransport dann nehmen kann, das Verladen und den nächtlichen Transport, der beinahe gespenstisch anmutet.

Zurück bleibt nicht nur ein riesiges Loch im Erdreich und die Frage, ob dieses jemals wieder aufgefüllt wird oder ob es nicht vielmehr wie eine klaffende Wunde den Verlust des alten Baumes für lange Zeit sichtbar macht. Zurück bleibt auch eine Dorfgemeinschaft, die verwirrt ist und trauert, die sich aber scheinbar regungslos ihrem Schicksal ergibt, weil sie keine Möglichkeit sieht, diesem Unrecht etwas entgegenzusetzen und die schlichtweg auch einfach auf die Einkünfte aus dem Verkauf des Baumes angewiesen ist.

Ohne jeglichen Kommentar fragt man sich lange Zeit, was man da wirklich sieht und wer diese geheimnisvolle Kraft ist, die hinter all dem steckt. Taming the Garden — Die Zähmung der Bäume ist das Gegenteil eines investigativen Dokumentarfilms und nicht wenige Zuschauer*innen dürften genau damit, mit dem Vorenthalten des Kontextes und der stillen, fast schon meditativen Darstellung der Ereignisse ihre Schwierigkeiten haben. Doch es lohnt sich, diesem sehr besonderen Film mit Geduld zu begegnen, denn mit der Zeit entwickeln der ruhige Fluss der Bilder und die Alltagsgespräche der Menschen eine derartige Kraft, dass man sich ihrer Anmut und dem Ausmaß der ihnen innewohnenden Zerstörung nicht entziehen kann.

Am Schluss wandelt die Kamera durch das Anwesen Ivanishvilis, das sich mittlerweile zu einem vielbesuchten Sehenswürdigkeit entwickelt hat. Wir sehen nun die majestätischen Bäume in ihrem neuen, sorgfältig angelegten und durch und durch künstlichen Habitat, bei dem nicht nur die Sicherungsseile verdeutlichen, dass diese Bäume hier eigentlich nicht hingehören. Werden sie jemals von ihren Fesseln befreit werden können? Werden sie jemals Wurzeln schlagen? Und es drängt sich der Verdacht auf, dass diese Fragen nicht allein für die Bäume gelten, von denen der Film erzählt, sondern auch für die Menschen, die einst in ihrem Schatten saßen, die neben und mit ihnen lebten und die nun eines Stücks Heimat beraubt wurden.

Die Zähmung der Bäume - Taming the Garden (2021)

Ein mächtiger Mann, der auch der ehemalige Premierminister von Georgien ist, kauft alte, bis zu 15 Stockwerke hohe Bäume entlang der georgischen Küste, um sie in seinen privaten Garten zu verpflanzen. Für den aufwändigen Transport der Bäume werden andere Bäume gefällt, Stromkabel verlegt und neue Strassen durch Mandarinenplantagen gepflastert. Die dramatische Migration hinterlässt etwas Geld, vernarbte Dörfer und verwirrte Gemeinschaften. (Quelle: Mirafilm)

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