Herr Bachmann und seine Klasse (2021)

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Herr Bachmann ist ein Rebell und genau das, was ein Klassenzimmer braucht. In seiner Klasse 6b geht es ums Ganze: in einem Jahr wird entschieden, ob die Kinder in die Realschule oder aufs Gymnasium gehen. Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“ zeigt den Alltag in der Schule, in der ein Lehrer gegen ein ganzes System ankämpft.

Herr Bachmann und seine Klasse (2021)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Jeden Tag spuckt die Buslinie 90 in Stadtallendorf in Hessen einen Haufen Kinder aus, die dort in die Georg-Büchner Grundschule gehen. 19 von ihnen gehen in die Klasse 6b bei Herrn Bachmann. Die Zwölf- bis 14-Jährigen sind genau in dem Jahr angekommen, in dem das deutsche Schulsystem über ihre Zukunft entscheidet: Gymnasium oder Realschule? Wie wahnsinnig dieser Schulalltag eigentlich ist, zeigt Maria Speths intime Doku „Herr Bachmann und seine Klasse“.

Es ist völlig egal, wie lange es her ist, dass wir in die Schule gingen, wir können uns alle an den einen, die eine Lehrerin erinnern, die wirklich etwas geändert und bewirkt haben. Dieser eine Mensch, der uns lobte, uns ermutigte, förderte und damit im Kleinen wie im Großen eine Auswirkung auf unser Leben hatte, die im Nachhinein erstaunliche Effekte hatte. Frau Guglielmi hieß meine Lehrerin und ohne sie wäre ich nicht, wo ich jetzt wäre, herrje, ganz ehrlich gesagt wäre ich vielleicht gar nicht mehr hier, hätte sie nicht interveniert und  aufgebaut, wo alles schon verloren schien. Solche Lehrer:innen gibt es selten. Und sie ändern alles. So ein Lehrer ist Herr Bachmann. Kurz vor der Rente, aber voller Energie schmeißt der den Laden. Im AC/DC-Shirt, stets mitt Wollmütze, lehnt er nonchalant in seinem Sitz und ermahnt und lehrt „seine“ Kinder mit einer Engelsgeduld. Sein Klassenzimmer ist voller Musikinstrumente, die er stets im Einsatz hat und mit den Kids jamt und singt und überhaupt alles macht außer Frontalunterricht. Man merkt schnell, der Bachmann ist ein ganz eigener Typ, unerwartet sind seine Methoden und doch ist eins ganz klar: Hier sitzt ein Humanist. Ein Mensch, dessen wichtigstes Leitprinzip ist, diese Kinder aufzubauen und zu fördern.

Dass er dafür einen unglaublichen Spagat über Sprach- und Kulturgrenzen, Machtdynamiken und Ängste machen muss, ist klar. Wir riesig diese Aufgabe ist, zeigt sich erst mit der Wirkmacht der Filmlänge. Fast vier Stunden lässt Maria Speth ihr Werk Herr Bachmann und seine Klasse laufen. Das mag zunächst überlang und unnötig anmuten, doch am Ende versteht man, wieso Zeit hier ein wichtiger Faktor ist. Denn erst sie zeigt die kleinen, manchmal kaum wahrnehmbaren Änderungen, die Herr Bachmann bewirkt. Dabei ist seine Klasse so einzigartig wie durchschnittlich. Stadtallendorf in Hessen ist einer dieser deutschen Orte, in denen die Geschichte von Einwanderung, Kriegen und Not einen ganz speziellen Abdruck hinterlassen hat. Die Stadt ist multikulturell und vielschichtig. Bachmanns Klasse auch. Kinder aus neun verschiedenen Ländern lernen hier zusammen und die Wissenspanne ist riesig. Einige von ihnen sind gerade erst in Deutschland angekommen und müssen erstmal Deutsch lernen. Schwer sich zu verständigen, geschweige denn in einem sozialen Konstrukt wie dem Klassenraum seine Rolle zu finden. Auch kulturelle und religiöse Brücken müssen geschlagen werden. Und noch dazu hält die Pubertät so langsam ihren Einzug. Kurzum, was Lehrer:innen wie Herr Bachmann täglich leisten müssen, ist enorm. Hier die Kinder immer fest im Blick zu halten, sie als Menschen zu fördern und zu respektieren — eine Heidenarbeit, vor der man am Ende dieses Filmes den Hut ziehen muss. 

Speths Film erlaubt sich einen Rhythmus ganz besonderer Art. Seine Langsamkeit, die dabei niemals die Präzision verliert, erlaubt ein Absorbieren der Energien, die in Bachmanns Klassenzimmer herrschen. Immer wieder knüpft sie in der Montage Fäden zusammen, die die Geschichten der Kinder erzählen, ohne dabei groß das Klassenzimmer zu verlassen. Speths Art sich ihren Subjekten zu nähern und doch stets Abstand zu halten, ihr Rhythmus im Schnitt und ihr Blick erinnern stark an Frederick Wisemans Werke. Wie er hat sie großen Respekt vor den Protagonist:innen und überlässt das Geschichtenerzählen lieber den eigentlichen Ereignissen, als sie mit der Kamera vor Ort oder im Schnitt zu forcieren. Eine weise Entscheidungen, denn so entfaltet sich das Menschliche des Klassenraums auch im Medium Film. Sowohl Speth als auch Bachmann sind konzentriert und haben stets den Überblick, selbst wenn es wimmelt im Klassenzimmer. Doch sie überschreiten keine Grenzen, sondern suchen immer wieder einen Austausch auf Augenhöhe. Dabei verknüpft Speth geschickt das Geschehen in der Schule mit der Geschichte, Infrastruktur und Gesellschaft dieses Ortes in Hessen, der exemplarisch für so viele deutsche Städte steht. Hier wird im Kleinen das verhandelt, was die deutsche Gesellschaft im Großen schon seit langem versäumt. Man möchte fast stöhnen und seufzen, denn klar ist, dass dieses Land viel mehr Menschen wie Herrn Bachmann dringend nötig hätte.

Umso tragischer der Schluss: Herr Bachmann geht in Rente.

Herr Bachmann und seine Klasse (2021)

Wo ist ein Mensch zu Hause? In der wechselvollen Geschichte der hessischen Stadt Stadtallendorf haben Fremde sowohl Ausgrenzung als auch Integration erfahren. Heute hilft dort der engagierte und empathische Lehrer Dieter Bachmann seinen Schüler*innen, sich zumindest so zu fühlen als wären sie zu Hause. Die 12- bis 14-jährigen Schüler*innen kommen aus verschiedenen Ländern und sprechen zum Teil noch kein Deutsch. Bevor er demnächst in Pension geht, möchte der Lehrer bei den angehenden Bürger*innen noch die Neugier auf ganz unterschiedliche Beschäftigungsfelder, Themen, Kulturen und Lebensentwürfe wecken.

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