Mein Sohn (2021)

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In ihrem Langfilmdebüt als Regisseurin erzählt Lena Stahl von einer Reise aus ernstem Anlass. Eine Mutter fährt ihren 20-jährigen Sohn nach einem von ihm verschuldeten Unfall zur Reha in die Schweiz. Anke Engelke und Jonas Dassler spielen das ungleiche Paar, das sich auf Konfliktkurs befindet.

Mein Sohn (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Ein Roadtrip mit der Mutter

Jason (Jonas Dassler) hat einen Unfall gehabt. Im Übermut seiner 20-jährigen Jugend hängte er sich auf dem Skateboard an einen Laster an, am Morgen nach einer Partynacht. Er krachte frontal mit einem Auto zusammen, als der Laster abbog. Seine Mutter Marlene (Anke Engelke) organisiert ihm einen Platz in der besten Rehaklinik in der Schweiz und fährt ihn aus Berlin sogar eigenhändig hin. Eigentlich passiert auf diesem Roadtrip nichts Weltbewegendes mehr – außer dem Hickhack zweier Personen, die nicht mehr zusammengehören und sich doch wie zwei Seiten einer Medaille präsentieren.

Nur weil Generationen von Müttern und Söhnen das Problem mit Nähe und Loslassen kennen, macht es das für Marlene und Jason nicht leichter. Das Langfilmdebüt der Regisseurin Lena Stahl versteht es, eine an sich zeitlos gültige Geschichte auf das persönliches Erleben der beiden Hauptfiguren herunterzubrechen. Das Ergebnis ist großes Kino, das sich wahrhaftig anfühlt und emotional bewegt. Die Reife des Drehbuchs von Lena Stahl beeindruckt und liegt sicherlich auch darin begründet, dass die Autorin bereits einige Erfahrung im Leben und im Drehbuchschreiben (Hangover in High Heels) besitzt. Stahl kann sich sowohl in die Gemütslage des jungen Draufgängers Jason hineinversetzen, als auch in jene der besorgten Mutter.

Jason hat als Skateboarder einen englischsprachigen Sponsor, er möchte es in dem Sport zu etwas bringen. Aber er liebt auch das Nachtleben. Risikofreude und Unbeschwertheit gehören zu seinem Selbstbild. Was aber will eine Mutter ihrem Sohn sagen, der so leichtsinnig mit seinem Leben spielte und nun mit blauäugigem Lächeln immer noch so tut, als wäre nichts Vermeidbares geschehen? Marlene will Jason zur Vernunft bringen, ihn wachrütteln, aber weit kommt sie damit nicht. Sie kann schon von Glück sagen, dass Jason sich einfach nur mitnehmen lässt in die Rehaklinik, obwohl er ihre Gesellschaft kaum erträgt. Sie merkt, wie wenig sie von ihm weiß, sie kennt die Ex-Freundin nicht, deren Anrufe er ignoriert. Auch jetzt reden Marlene und Jason nicht großartig miteinander. Denn welcher Sohn will schon mit der Mutter über die Liebe reden, über die Art und Weise, wie man eine Beziehung am besten beendet? Und für Marlene ist es nicht gerade angenehm, wenn Jason sie wohlwollend ermuntert, eine Lesebrille zu tragen. Denn eitel brauche sie in ihrem Alter nicht mehr zu sein. Oder wenn er ihr rät, doch weniger zu analysieren, als mehr anzupacken im eigenen Leben. Manchmal münden Provokationen in Schweigen, wiederholt aber fliegen zwischen den beiden verbal ganz schön die Fetzen!

Anke Engelke spielt die humorvollen Momente, die Situationskomik, die auch entsteht, wenn die beiden auf der Reise Besuche machen, sehr zurückhaltend. Sie hebt sie eher noch mit ihrem Ernst hervor. Ihre Stärke ist der flüchtige mimische Ausdruck. Auf dem Hoffest von Jasons ehemaliger Babysitterin Sarah (Hannah Herzsprung), die nun als Aussteigerin auf dem Land lebt, tanzt Marlene ausgelassen mit einem jungen Mann. Als sie jedoch bemerkt, dass Jason auf der Wiese aufsteht und mit seinen Krücken einer jungen Frau folgt, schaut sie sofort wieder besorgt drein. Wird er auf sich aufpassen? Es hat etwas Archetypisches, wie sich Mutter und Sohn gegenseitig hochschaukeln in den Rollen der Beschützerin und des Rebellen, wie es offen bleibt, wer von beiden mehr im Recht ist. Jonas Dassler spielt den Leichtfuß, der die Mutter gerne provoziert und die coole Fassade quasi verinnerlicht hat, wie eine Naturgewalt. Die Kamera sucht offensiv seine Nähe, verguckt sich aus allen möglichen Winkeln in seine blonden Haare, sein Schweigen und ist zur Stelle, wenn er aus einer entspannten, gar fröhlichen Stimmung brüsk wieder ausbricht.

„Was ist da zwischen euch?“, fragt ein Mann Marlene. Jason und seine Mutter sind zu Besuch in seiner kalt durchgestylten Wohnung, weil hier seine Tochter lebt, eine Bekannte von Jason. Mutter und Sohn treffen auf das gegenteilige Paar einer Tochter und ihres Vaters. Doch der Mann versteht nicht, was Marlene und Jason verbindet. Fast schon beiläufig wird im Film erwähnt, dass sich Jasons Vater absentierte, bevor das Kind zur Welt kam, dass Marlene auf eine Karriere als Fotografin in New York verzichten musste. Hier klingt die gesellschaftliche Rollenzuweisung der Mutterschaft an, ohne dass diese Karte jedoch klagend ausgereizt wird. Es ist aber ein dramaturgisch schöner Einfall, dass Marlene nun, in einer elliptischen Konstruktion, erneut verzichtet. Sie kümmert sich gerade lieber um Jason als um eine für sie so wichtige Ausstellung in Berlin. Bevor sie sich von ihrer Verantwortung freimachen kann, muss sie sich noch einmal einlassen.

Dass diese Verbindung auch eine latent erotische Komponente hat, hebt der Film gerne mit lustigen Anspielungen hervor. So nächtigen Mutter und Sohn gezwungenermaßen meistens in einem Doppelbett, was die ganze komplizierte Peinlichkeit dieses Trips quasi auf die Spitze treibt. Einmal wäscht sie ihm den Rücken, als er in der Wanne sitzt, und lässt die Finger für einen kurzen Augenblick spielerisch-zärtlich über seine Haut gleiten. Warum sollte der Sohn für die Mutter kein körperliches Objekt der Bewunderung mehr sein, sobald er der Zeit als Baby mit niedlichen Speckröllchen entwachsen ist? Ein solches hält Marlene hier übrigens einmal auch im Arm – ein simples Bild, um die alte Kraft ihrer Gefühle heraufzubeschwören.

Die Kamera wirkt impressionistisch mit ihrer Nähe zu den Gesichtern, will in den kurzen Szenen rasch zum Kern vordringen. Der visuelle Stil schafft mit seiner Dynamik eine starke Intensität, in der sich die Atmosphäre, das Ungesagte auf dieser Reise spiegeln. Von den Stationen der Reise wirkt keine aufgesetzt oder pflichtschuldig abgespult. Wie der Trip ausgeht, ist offen und doch irgendwie nicht, schließlich sitzt eine Mutter am Steuer. Manchmal wollen beide den Augenblick zusammen genießen, machen spontan einen Abstecher, aber die nächste Ernüchterung folgt auf dem Fuße. Das ist alles spannend anzuschauen, man lebt mit den beiden mit und spürt auch die Anstrengung, die die Reise beide kostet. Aber die Musik klingt oft leicht und tröstlich – zusammen etwas hinter sich zu lassen, gehört zum Abenteuer dieser Fahrt.

Mein Sohn (2021)

Erwachsenwerden ist niemals einfach, nicht für Jugendliche und schon gar nicht für deren Eltern. Nachdem Jason (Jonas Dassler) nur knapp einen schweren Skate-Unfall überlebt, wird die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter Marlene (Anke Engelke) auf eine harte Probe gestellt. Während Jason sich weiterhin unverwundbar fühlt, will Marlene ihn mehr denn je beschützen. Als Marlene beschließt, Jason quer durch die Republik zur Reha in die Schweiz zu bringen, beginnt eine hürdenreiche gemeinsame Reise, an deren Ende die Frage steht, wieviel Angst man zulassen darf und wieviel man bereit sein muss, für die Freiheit zu riskieren.

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