Malmkrog (2020)

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Ein Gutsbesitzer lädt reiche Freunde ein, um über christliche Moral, die Sinnhaftigkeit von Krieg und europäische Identität zu diskutieren. Der rumänische Regisseur Cristi Puiu setzt mit „Malmkrog“ dem russischen Philosophen Vladimir Solovyov ein 200-Minuten-Denkmal.

Malmkrog (2020)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Diskussionen über Gott und die Welt

Schnee bedeckt einen kahlen weitläufigen Garten, an dessen Ende die schwarze Silhouette einer Frau in Rock und Mantel steht. Dass es eigentlich noch ein kleines Mädchen ist, wird erst erkennbar, als dieses ins Haus gerufen wird. Die Totale, in der die Kamera diese Szene aufnimmt, täuscht darüber hinweg, dass das Kind nur aufgrund der niedrigen Obstbäume in der Entfernung so groß erschien. Die Kamera folgt dem Lauf des Kindes, schwenkt dabei um 180 Grad und gibt den Blick frei auf ein rosafarbenes langgezogenes Herrenhaus, an dessen Eingangsstufen die Amme steht und das Mädchen ermahnt, nicht zu schnell durch den rutschigen Schnee zu laufen. Im Hintergrund läuten Kirchenglocken, irgendwo fährt eine Eisenbahn. Von links läuft ein Schäfer mit seiner Herde ins Bild. Cristi Puiu lässt sich Zeit, Setting und Ton für „Malmkrog“ zu setzen. Oder besser, er nimmt sie sich einfach, denn der gesamte Film ist 200 Minuten lang.

Malmkrog ist Puius Versuch, den Essayband Three Conversations von Vladimir Solovyov (1853-1900) zu verfilmen. Solovyov ist einer der wichtigsten Philosophen Russlands, von ihm heißt es, er sei die Inspiration für Dostojewskis Brüder Karamasow gewesen. Er grenzte sich stark vom Positivismus ab und diskutierte in seinen Schriften die Idee der westlichen Zivilisation und des orthodoxen Christentums. In den Three Conversations befasst er sich mit den Themen seiner Zeit: Tolstois absoluten Moralismus, der Hybris der Gesellschaft und der wirtschaftliche Materialismus. Puiu wird diese Diskussionen in kammerspielartiger Atmosphäre inszenieren, denn nachdem das Kind ins Haus zurückgekehrt ist, verlässt die Kamera diese Räume (mit einer kurzen Ausnahme) nicht mehr.

In dem großen Landhaus des weltmännischen Grundbesitzers Nikolai (Frédéric Schulz-Richard) treffen sich ein Politiker, ein General mit seiner Frau und eine russische Gräfin. Zwischen Essen und Gesellschaftsspielen diskutieren sie über den Tod und den Antichrist, über Glaube und Atheismus, Fortschritt und Moral, Nationalbestrebungen und europäische Ideen. Puiu unterteilt die Konversationen in sechs Kapitel, jedes nach einem der Anwesenden benannt. Das heißt jedoch nicht, dass die Person als Handelnde in diesem Kapitel in den Mittelpunkt rückt, vielmehr erfährt man — manchmal ganz beiläufig — mehr über sie. So ist etwa das zweite Kapitel István gewidmet, der das Landhaus als Kammerdiener seines Herren bedient. István (István Téglás) führt das Haus mit harter Hand, bestraft die ihm untergebenen Diener auch bei kleinen Fehlern. Dies wird in einer kurzen Szene gezeigt, in der er den Tee im Samowar bemängelt. Über weite Teile seines „eigenen Kapitels“ bleibt er marginal. Doch die Nennung seines Namens erinnert die Zuschauer explizit an die Existenz derjenigen, die dafür sorgen, dass die reichen Herrschaften sich über Stunden ihren Diskussionen hingeben können. Als hätte es nur des Namens bedurft, achtet man plötzlich auf diese Nebenfiguren und entdeckt die Umrisse von Istváns Gesicht im Spiegel hinter der langen Festtafel, wo er still darauf wartet, weitere Speisen auf- und abzutragen.

Es sind diese Kleinigkeiten, die Puiu durch seinen ruhigen Bildaufbau und die Kameraarbeit heraushebt. Wie schon in Sieranevada, der 2016 im Wettbewerb von Cannes lief, nutzt er dabei Kamera und Schnitt, um seine Inhalte zu unterstreichen. Fast das gesamte erste Kapitel kommt ohne Schnitt aus, die Kamera steht als zusätzlicher Beobachter im Raum und nimmt dabei den kommentierenden „Point of View“ eines weiteren Gastes ein. Die Konversation läuft um sie herum, doch sie folgt nicht immer demjenigen, der spricht, sie bleibt an den anderen Gästen hängen, folgt der Gutsbesitzerin ins Nebenzimmer, hält ihre Reaktion auf das Gesagte fest, schwenkt wieder zum Sprechenden zurück, folgt diesem. Bei all den Spielereien, die in den vergangenen Monaten um das Arbeiten ohne sichtbaren Schnitt gemacht wurden (1917) zeigt sich hier, dass diese Technik am wirksamsten ist, wenn sie nicht um ihrer selbst willen, sondern als künstlerisches Mittel verwendet wird. Das erste Kapitel führt die Figuren ein, lässt Zeit, um das herrschaftliche Haus mit seinen Brokatstoffen, den barocken Kerzenhaltern und den großen Ledergebundenen Büchern in der Bibliothek in Augenschein zu nehmen und die Räume mit ihren fließenden Übergängen von Speisesaal zu Bibliothek und Salon zu etablieren.

Erst wenn sich die Konversation zuspitzt, wenn es um die Idee eines geeinten Europas geht, über das sich die Gäste hier aufs schärfste (aber immer noch mit so viel Respekt, wie man ihn sich bei solchen Diskussionen in den Sozialen Netzwerken wünschen würde) angehen, dann unterteilt auch der Schnitt ihre Gedanken, trennt sie voneinander so stark ab, wie die Ländergrenzen damals noch verliefen. Es sind diese Diskussionen von Nationalismus und den Ideen einer westlichen Vorherrschaft, die auch heute wieder (oder noch immer) aktuell sind und die einen nach diesem Film sofort zum Essayband greifen lassen wollen, um sich noch tiefer mit den geschichtlichen und gedanklichen Parallelen zu befassen.

Und dann ist da noch die zweite Ebene, die über all den Diskussionen hängt und die Puiu hier einfließen lässt: Während die Reichen an der gedeckten Tafel sich ihn ihren Wortgefechten über ehrenhafte Kriege und christliche Moral verlieren, zieht außerhalb des Sichtbaren etwas Größeres herauf. Wie die Tätigkeit der Bediensteten zeigt Puiu das nur am Rande. Man muss aufpassen, um es mitzubekommen (etwa wenn István dem alten bettlägerigen Grundbesitzer während der Pflege in drei Sätzen erklärt, warum die Arbeiter mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden sind). Schon das Pfeifen des Zuges in der Anfangsszene zeigte die Moderne an, die zwar schon auf diesem Landsitz noch nicht angekommen ist. Doch auch sie wird unvermittelt über dieses Landhausidyll hereinbrechen.

Die Idee, einen Essay zum Spielfilm zu machen, ist waghalsig. Puiu macht daraus ein gefilmtes Essay-Theaterstück, das seinen Zuschauern (wie auch das Lesen eines Essaybands) Geduld und Konzentration abverlangt. Wer die mitbringt, wird das Kino schlauer verlassen als zuvor.

Malmkrog (2020)

Zum Ende des Jahres treffen sich einige Adlige auf dem Anwesen der Familie Apafi, um dort miteinander Weihnachten zu verbringen. Doe Zeit vertreiben sie sich mit ausgedehnten Festmahlen, Spielen und langen Diskussionen über den Tod und das Leben, den Teufel, über Fortschritt und moralische Fragen, Der neue Film des rumänischen Regissseurs Cristi Puiu beruht auf dem Buch “Three Talks” von Vladimir Soloviev.

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