Walchensee Forever (2020)

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Talking Heads und Strandbilder aus Mexiko: Eine deutsche Familienfrauengeschichte.

Walchensee Forever (2020)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Mehr als 100 Jahre Leben

Wenn sich Familiengeschichten über viele Jahre, Jahrzehnte erzählen lassen, bieten sie ganz besondere, persönliche Perspektiven auf Zeitgeschichte, auch jenseits des totgerittenen Tolstoi‘schen Diktums, dass jede unglückliche Familie „auf ihre eigene Weise unglücklich“ sei.

Und es träfe für Walchensee Forever noch nicht einmal hinreichend genau zu, denn dass Janna Ji Wonders‘ Familie unglücklich sei, kann man gar nicht wirklich sagen; auch wenn sich in ihr genug Unglück findet, Trauer und Unausgesprochenes. Zugleich aber, und das macht ihre eigene Geschichte für die Filmemacherin natürlich interessant, verdichtet sich hier doch Zeitgeschichte auf eine Art und Weise, die für Unvorbereitete überraschend sein muss.

Denn es beginnt sehr bodenständig am Walchensee, der dem Film seinen Titel gibt und der bis zuletzt irgendwo im Hintergrund bleibt, von vager Bedeutung, aber sicher als geographischer Anker. Heruntergelassen hat ihn die Generation von Wonders‘ Urgroßmutter, die hier auf Fotos und in altem Filmmaterial auftaucht: Hager, großgewachsen, immer sorgfältig gekleidet. Apa hat viele Jahre das Ausflugscafé am See geleitet, das seit 1920 von der Familie betrieben wird; ihre Tochter Norma wird es später übernehmen, wohl mehr aus Pflichtgefühl denn aus Hingabe. So ganz genau erfährt man das nicht mehr von der alten Dame, die 105-jährig noch zu sehen ist und schließlich friedlich im Bett stirbt – die Bilder suggerieren, dass man sie noch in ihren letzten Stunden im Bett liegen sieht, schlafend vielleicht, nur ein großer Zeh wippt.

Wobei die Suggestion hier schon andeutet, wie viel der Film in Schnitt und Zusammensetzung behauptet, andeutet, antäuscht oder vielleicht auch tatsächlich zusammenbringt. Wonders greift auf alte Videos zurück, auf alte Filmaufnahmen der Familie, auf Fotos und gelegentlich Zeitungsausschnitte. Nicht immer ist ganz klar, wie sich Bilder und Erzählung zueinander verhalten; das Gros des Textes wird gesprochen von Wonders und ihrer Mutter Anna, im Zwiegespräch direkt in die laufende Kamera hinein. Manches wird aus Tagebüchern, Briefen und niedergeschriebenen Erinnerungen vorgelesen.

Es ist schon ein kleines Wunder, dass es so viel Filmmaterial gibt – oder auch nicht; Anna ist Fotografin, hat mit ihrer Schwester Frauke die USA bereist. Jodelnd, Zither spielend: Traditionelle Volksmusik, möchte man meinen, aber beide stiegen dann tief ein die Gegenkultur der Hippies, Frauke nahm in Mexiko an Peyote-Ritualen teil.

Zwei suchende Schwestern, voller Träume für eine gemeinsame Zukunft voll Musik und neuen Möglichkeiten. Sie kamen nach Deutschland zurück, dann wurde es anders, konstatiert Anna. „Die Träume haben sich ganz schleichend verabschiedet.“ – „Warum?“ – „Da kamen Männer in unser Leben.“

Es ist primär eine Geschichte der Frauen, die Janna Ji Wonders erzählt; Männer tauchen immer mal wieder auf, als Bezugspunkte, aber nie dauerhafte Familienmitglieder. Der Großvater kehrt aus dem zweiten Weltkrieg zurück, auf einmal auch bedrohlich und mürrisch, „er brachte den Krieg mit ins Haus“. Wonders‘ Vater lernt ihre Mutter Anna in Mexiko kennen, als sie nach dem ungeklärten Tod ihrer Schwester erneut auf die Suche geht; aber vorher und nachher wird sie mit Rainer Langhans zusammenleben, mit dem auch schon Frauke befreundet war.

Langhans ist der einzige Mann, der hier direkt in die Kamera erzählt (oder erzählen darf), das ordnet manche Dinge ein wenig weiter ein, wirkt aber auch bei ihm sehr auf sich selbst bezogen. So wie der Großvater, der dann nach München zog, um dort als Maler ein neues Leben aufzubauen; so wie Wonders‘ Vater, der nach ihrer Geburt sich lieber in einen getrennten Schlafraum begab, um zu meditieren.

Walchensee Forever stellt einen physischen Ort ganz nach vorne in seinen Titel. Es ist dann der Ort, zu dem die Frauen zurückkehren, um ihre Mütter und Großmütter zu begleiten; am Ende stirbt eine sehr alte Dame und ein sehr junges Kind wird geboren.

Obwohl die Geschichte ausgebreitet wird, obwohl sich Mutter und Tochter so entspannt vor der Kamera abwechseln, obwohl alle frei zu sprechen scheinen, Tränen fließen, sehr persönliche Aufzeichnungen vorgelesen und die Reaktionen darauf fast schon unbarmherzig festgehalten werden: Der Film lebt gerade davon, dass mit all diesen Berichten und Gedanken ganz offenbar noch immer sehr viel unausgesprochen oder wenigstens hier für die Aufzeichnung nicht fassbar bleibt.

Weil vielleicht das entscheidende ist, dass jede Familie auf ihre eigene Art und Weise geheimnisvoll, unvollkommen und mindestens ein wenig unglücklich ist, man könnte es auch banal menschlich nennen; und Janna Ji Wonders füllt mit einem Spektrum von den fleißigen Menschen am Walchensee bis zum Harem von Rainer Langhans schon sehr viel deutsche Geschichte in 110 Minuten – und die Lücken, die Leerstellen, sie sagen ebenso viel über dieses Leben aus wie die kleinen Gesten, Streitereien und Zärtlichkeiten, die nebenbei auch zu sehen sind.

Walchensee Forever (2020)

Wenn es so etwas wie ein Familiengedächtnis gibt, das sich fortschreibt, dann bestimmt es das Handeln jeder Generation. Die Regisseurin erzählt die Geschichte der Frauen ihrer Familie zwischen Walchensee, dem Summer of Love, Hippie-Träumen und dem Harem um Rainer Langhans.

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