Exil (2020)

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In seiner Firma fühlt sich der aus dem Kosovo stammende Pharmaingenieur Xhafer von seinem Arbeitskollegen drangsaliert, gemobbt und ins Abseits gestellt und will sich das alles nicht länger gefallen lassen. Doch verhält sich das alles wirklich so, wie es scheint?

Exil (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Heimat, fremde Heimat

Ein Film zur richtigen Zeit mit dem richtigen Thema — das ist derzeit gar nicht so einfach zu realisieren. Zu langwierig sind die Zeiträume innerhalb derer Filmprojekte entwickelt, finanziert und realisiert werden, zu schnell die gesellschaftlichen Entwicklungen und Verschiebungen, deren Zeugen wir gerade werden. Dennoch kommt es vor — und zwar nicht gerade selten -, dass ein Film genau im richtigen Moment auf der Leinwand erscheint. „Exil“, der dritte Spielfilm des aus dem Kosovo stammenden Regisseurs Visar Morina, ist genau so ein Fall: Exemplarisch zeigt er das Gift des Misstrauens, das der strukturell allgegenwärtige Rassismus nicht nur bei jenen, die ihn betreiben, sondern auch bei denen, die ihn erleiden, erzeugt, ohne dabei in allzu schnelle Vorurteile zu verfallen.

Im Mittelpunkt steht der aus dem Kosovo stammende Pharmaingenieur Xhafer (Mišel Matičević), der gerade mit seiner Frau Nora (Sandra Hüller) zum dritten Mal Vater geworden ist. Bei der Arbeit steht gerade die Zulassung eines neuen Produkts an und dementsprechend liegen die Nerven blank. Besonders Xhafer bekommt das immer wieder zu spüren: Mal wird er für unvollständige Daten verantwortlich gemacht, dann fühlt er sich von wichtigen Informationen abgeschnitten und auch sonst immer wieder übergangen und an den Rand gedrängt. Für ihn ist der Fall völlig klar: Er wird vor allem auf Grund seiner Herkunft gemobbt. Und dann kommt es zu weiteren Vorfällen, die seinen Verdacht bestärken: Eine tote Ratte am Gartentor zeigt, dass jemand ganz genau weiß, dass er ausgerechnet vor diesem Tier eine regelrechte Phobie hat. Dann gerät der vor dem Haus abgestellte Kinderwagen in Brand und Xhafer mag nicht an einen Zufall glauben, sondern sieht darin vielmehr einen gezielten Anschlag. Hinter all dem vermutet Xhafer seinen Kollegen Urs (Rainer Bock) — und so stellt er ihn zur Rede. Doch der streitet alles ab. Allerdings ereignen sich auch weiterhin mysteriöse Vorfälle und das setzt Xhafer und seiner Familie ganz schön zu, sodass die bis dahin intakte Beziehung zwischen ihm und seiner Frau langsam bröckelt.

Dass Exil, der bei der Berlinale 2020 in der Sektion Panorama gezeigt wurde, nicht im Wettbewerb lief, hat nichts mit der Qualität des Films zu tun, sondern vielmehr damit, dass der Film zuvor bereits in Sundance zu sehen war. Ohne Zweifel wäre Exil sonst nämlich ein starker Kandidat für den Wettbewerb der Berlinale gewesen.

Mit Exil ist Visar Morina ein überaus sehenswerter, atmosphärisch dichter Film gelungen, dem es geschickt gelingt, die Mechanismen und Wirkungsweisen eines alltäglich gewordenen Rassismus einzufangen, ohne ihn dabei auf eine eindeutige Lesart festzulegen: Während für Xhafer zweifelsfrei feststeht, dass er von seinem Kollegen (oder vielleicht sind es ja auch mehrere) systematisch gemobbt wird, stellt sich die Sache von außen schon differenzierter dar, ohne das Geschehene und Erlebte eindeutig zu beurteilen.

Doch es geht in dem sich langsam entwickelnden, genau beobachtenden und mit pointiertem Musikeinsatz versehenen Psychodrama nicht allein um Rassismus, sondern auch um Heimat und Identität, Zugehörigkeit und Zerrissenheit, um den Verlust der Sicherheit und das schleichenden Gift des Misstrauens, von dessen verheerender Wirkung wir derzeit viel zu häufig lesen und hören müssen, weil die Realität die Fiktion immer wieder übertrifft.

Morinas feinfühlige Inszenierung rückt immer wieder Bildhintergründe in die Unschärfe und sorgt so dafür, dass ähnlich wie in der Gefühlswelt seines Protagonisten die Konturen verschwimmen und das Gesamtbild schwer deutlich zu erfassen ist. Zudem sieht man förmlich, wie es in dem von Mišel Matičević herausragend verkörperten Xhafer arbeitet und brodelt, wenn sein Gesicht äußerlich unbewegt bleibt, man aber dennoch in seine Seele hineinzuschauen vermag. Die von Sandra Hüller gleichfalls eindrucksvoll gespielte Nora versucht anfangs ihren Ehemann zu beruhigen, reagiert dann aber zunehmend genervt auf den vermeintlichen Wahn Xhafers, seine nächtlichen Albträume von Ratten und seine sich steigernde Wut und Unbeherrschtheit.

Die sommerliche Hitze, die allen Beteiligten die Schweißperlen auf die Stirn und ins Gesicht treibt, tut ihr Übriges dazu, dass die Situation buchstäblich immer wieder hochkocht und in einer eher unbestimmte Bedrohlichkeit einzelne Schockmomente immer wieder aufrütteln.

Überaus effizient und subtil erzählt und gespielt ist Exil ein Film geworden, der packt und durchrüttelt und der zudem nach dem Verlassen des Kinos für einigen Gesprächsstoff sorgen dürfte.

Exil (2020)

Der Film erzählt die Geschichte eines Ingenieurs ausländischer Herkunft, der sich in seiner Arbeitsstelle diskriminiert und gemobbt fühlt und dadurch in eine Identitätskrise gerät. 

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