The Assistant (2019)

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Mit ihrem eindrücklichen Thriller „The Assistant“ hat Kitty Green einen wichtigen Film zur #MeToo-Bewegung geschaffen, der mit seiner intelligenten Erzählweise auftrumpft.

The Assistant (2019)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Die Wurzeln des Missbrauchs

Als sich im Jahr 2017 aus dem Hashtag #MeToo eine lange überfällige Debatte um Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz entwickelte, sahen sich viele der Frauen und Männer, die mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit traten, mit einer konkreten Frage konfrontiert: Warum das lange Schweigen? Genau dieser Frage nimmt sich nun Kitty Greens Spielfilmdebüt „The Assistant“ an und gestaltet das eindrückliche Portrait einer Arbeitskultur, die von Stress, Abhängigkeit und menschlicher Gleichgültigkeit gezeichnet ist.

Missbrauch und strukturelle Gewalt ziehen sich als Themen durch das bisherige dokumentarische Werk Greens, so zuletzt auch in Casting JonBenet (2017), einem Film über den gewaltsamen Tod der sechsjährigen Schönheitskönigin JonBenét Ramsey. The Assistant beschäftigt sich nun mit den Voraussetzungen unter denen Übergriffe und Gewalttaten unter aller Augen in der Öffentlichkeit des Arbeitsplatzes stattfinden können. Im Zentrum der Handlung steht ein Tag im Arbeitsalltags Janes (Julia Garner), die seit zwei Monaten als Assistentin eines erfolgreichen und mächtigen Filmproduzenten tätig ist. Während ihr Umfeld ihr zu dieser großen Chance gratuliert, bestehen ihre scheinbar nicht enden wollenden Arbeitstage aus quälender Routine – sie telefoniert, kopiert, organisiert und räumt das benutzte Geschirr und die Essensreste ihres Chefs weg. Mehr noch als die Eintönigkeit der Aufgaben ist es aber die Missachtung durch die Kollegen, die Jane zu schaffen macht. Als Assistentin wird sie von den anderen Mitarbeitenden voller Herablassung behandelt, kein freundliches Wort, kein aufmunternder Blick ist von ihnen zu erwarten. Der Chef selbst kommt dabei nie ins Bild, er bleibt eine wütende Stimme am Telefon und doch dreht sich alles um ihn. Dabei scheint außer Jane niemand verwundert, dass der Mann mitten am Tag verschwindet, um seine neu eingestellte zweite Assistentin, eine sehr junge Kellnerin aus Idaho, in ihrem Hotel zu besuchen, oder dass er auch nach Arbeitsschluss noch alleine Castings mit jungen Schauspielerinnen in seinem Büro durchführt. Janes Versuch über das Beobachtete als etwas Unrechtes zu sprechen, wird mit kalter Aggression begegnet. Gedemütigt, ist sie es, die sich in der Folge bei ihrem Chef entschuldigt, nicht umgekehrt.

The Assistant ist ein sehr kluger Film, gerade weil Jane nie selbst Opfer sexueller Übergriffe wird. Paradoxerweise schafft es der Film genau darin die ganze Abgründigkeit eines Systems zu offenbaren, welches einigen wenigen Menschen so viel Macht über andere verleiht, dass sie willkürlich über deren Schicksal entscheiden können. Jane bleibt nicht verschont, weil noch irgendwelche Schutz-oder Abwehrmechanismen intakt wären, sondern schlicht, weil sie nicht seinem Typ entspricht. Stilistisch verzichtet The Assistant dabei völlig auf große Gesten. Stets ganz nah an seiner Protagonistin, deren unterdrückte Angst, Wut und Scham, beeindruckend genau von Julia Garner auf die Leinwand gebannt werden, hat der Film fast schon eine dokumentarische Qualität. Die nüchterne Genauigkeit und Präzision der Beobachtungen lassen erschaudern und in der unentrinnbaren Strenge der filmischen Form, die auch bis zum Ende keinen Ausbruch duldet, vermittelt sich das verstörende Gefühl der Vereinzelung, der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins, die den Nährboden des Schweigens angesichts sexueller Übergriffe und anderer Form von Machtmissbrauch ausmachen.

Indem The Assistant den Chef nie auftreten lässt, verschiebt der Film den Fokus. Es geht nicht um Täterprofile, nicht um Motive oder Hintergründe. Vielmehr zeichnet der Film das beklemmende Gefühl völliger Abhängigkeit nach. In seiner formalen Strenge schafft es The Assistant die Isolation seiner Protagonistin körperlich spürbar zu machen und wird damit zur künstlerischen Reflexion über eine Arbeitskultur, in der jede Menschlichkeit verloren gegangen ist, in der die Anforderungen so hoch sind, dass alle nur für sich alleine kämpfen, und in der es Assistent*innen für alles gibt und keine Grenze gewahrt bleibt – kurz: eine Kultur, welche die Möglichkeiten zum Missbrauch bereitstellt und in der es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie jemand nutzt.

The Assistant (2019)

„The Assistant“ handelt von einem Tag im Leben von Jane, die als Assistentin für einen mächtigen Medienunternehmer arbeitet. Auf den ersten Blick ist es einganz normaler Tag., angefüllt mit all jenen Tätigkeiten, die man gemeinhin Assistent*innen zuschreibt- Kaffee machen, den Kopierer mit Papier bestücken, Mittagessen bestellen, Reisen buchen und neue Mitarbeiter anlernen. Doch in dieser scheinbaren Routine offenbart sich zunehmend ein System des Missbrauchs, die ständig wiederkehrende Erfahrung von Erniedrigung, gegen die sich Jane zu wehren beginnt.

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