Bloody Nose, Empty Pockets (2020)

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Die Brüder Bill und Turner Ross haben in einer Bar in Las Vegas am letzten Tag vor der Schließung gedreht. Herausgekommen ist ein Film über das Kneipensterben und das Kneipenleben, der nicht das ist, was er vorgibt zu sein.

Bloody Nose, Empty Pockets (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Letzte Runde in Sin City

Eine Bar an den Ausläufern von Las Vegas schließt für immer ihre Pforten. Die Stammgäste kommen ein letztes Mal zusammen, um gemeinsam das Glas zu erheben und zu tief ins Glas zu schauen. Zwei Kameras dokumentieren das Geschehen. Das ist die Ausgangslage. Die Bar steht allerdings gar nicht in Amerikas Glücksspielhauptstadt, sie wird auch nicht geschlossen und dieser Film ist kein Dokumentarfilm – zumindest keiner im strengen Sinn. Doch der Reihe nach.

Die Kneipe heißt Roaring 20’s Cocktail Lounge und ist liebevoll eingerichtet. Hinten in der Ecke stehen zwei Sofas, auf denen die Gäste zwischendurch ein Nickerchen machen, wenn ihnen der Alkohol zu Kopf steigt. Der Rest versammelt sich am langen Tresen, der so typisch ist für amerikanische Spelunken. Hier kommen Alt und Jung, Reich und Arm, Rechts und Links zusammen. Und manche, wie der arbeitslose Schauspieler Michael, der sich früh morgens erst einmal auf der Toilette rasiert und immer einen Stapel Bücher unter dem Arm hat, scheinen hier zu wohnen.

Gebechert wird schon zum Frühstück. Zwischendurch klingelt das Telefon. Einer der Gäste wird an seinem Arbeitsplatz vermisst. Andere Gäste geleiten ihn zur Hintertür, wo schon ein Taxi auf ihn wartet. Ob er in seinem Zustand noch arbeiten kann, ist zu bezweifeln. Aber auch das ist Amerika. Nicht nur das Land des Heuerns und Feuerns, wo man wegen jedes noch so nichtigen Verstoßes vor die Tür gesetzt werden kann, sondern auch ein Land der Niedriglöhner, auf die die Chefs angewiesen sind, selbst wenn sie sturzbetrunken am Arbeitsplatz aufkreuzen.

Je länger dieser letzte Tag dauert, desto bunter und betrunkener werden die Gäste. Und die typischen Verhaltensweisen machen sich breit: Manche werden melancholisch, andere sentimental, manche anhänglich, andere aggressiv. Es wird geflirtet und gestritten. Es wird getanzt und gemeinsam gesungen. Es werden Brüste gezeigt und eindeutig zweideutige Angebote gemacht. Beinahe kommt es zu einer Schlägerei. Die Barkeeper, die in zwei wechselnden Schichten arbeiten, sind gefragt. Am Ende haben sich aber alle lieb, denn irgendwie ist diese Bar für alle ein Zuhause und ihre Gäste sind eine große Familie. Nasen bluten keine, aber die Taschen sind leer.

Das Kinopublikum kann daran andocken, denn es war wohl schon jede*r mindestens einmal im Leben in so einem Laden, von denen es immer weniger gibt. Hier darf noch geraucht werden und der Alkohol ist erschwinglich. Eine Mischung aus der Kneipe in Cheers (1982-1993) und der in Barfly (1987). Ein Treffpunkt für die Einsamen und Verlorenen. Schon ihr Name erinnert an eine untergegangene Zeit. In den Goldenen Zwanzigern steckte Las Vegas noch in den Kinderschuhen. Die Stadt in der Wüste Nevadas wurde erst 1905 offiziell gegründet. Die ersten Hotelcasinos öffneten in den 1940er-Jahren ihre Pforten. Wild waren die 1920er-Jahre hingegen in New Orleans, wo die Roaring 20’s Cocktail Lounge tatsächlich steht. Dort leben auch die Filmemacher Bill und Turner Ross.

Die Brüder Ross sind Dokumentarfilmer, die für die Kunstfertigkeit ihrer Filme wahlweise gefeiert oder gescholten werden. Für ihren jüngsten haben sie einen experimentellen Ansatz gewählt. Bloody Nose, Empty Pockets basiert auf den Beobachtungen, die sie über Jahre hinweg in unzähligen Kneipen gemacht haben. Doch weil es eine solche Kneipe wie in ihrem Film in Las Vegas nicht mehr gibt und eine solche Konstellation an Gästen in dieser Anhäufung auch nirgends sonst zu finden war, haben sie eine Bar in New Orleans gemietet, sie nach ihrem Geschmack eingerichtet, Kneipengänger aus anderen Bars gecastet und vor ihrer Kamera versammelt. Der Tagesablauf war gesteuert, es war aber nichts gescripted oder gespielt. Die Menschen, die Begegnungen, die Gespräche sind echt.

Wer um die Ausgangslage nicht weiß, wird Bloody Nose, Empty Pockets für einen Dokumentarfilm halten. Denn das Ergebnis dieser sozialen Versuchsanordnung kommt der Realität verblüffend nah. Geschulte Augen fallen nicht so leicht darauf herein. Besonders der Nebenstrang um den Sohn der Barkeeperin und seine zwei Kumpels, die im Hinterhof der Kneipe abhängen und sich zudröhnen, kommt einem schnell spanisch vor. Letztlich hätte aber auch dieser Teil so oder so ähnlich passieren können. Im Wein liegt wohl doch ziemlich viel Wahrheit.

Bloody Nose, Empty Pockets (2020)

Die letzte Runde vor dem Aus einer Bar am Rand von Las Vegas. Konsequent observierend lässt der Film die Zuschauer*innen an der familiären Nähe unter den Stammgästen teilhaben und den Eindruck entstehen, als säße man selbst mit am Tresen.

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