Paris Calligrammes (2020)

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Bevor Ulrike Ottinger („Freak Orlando“ / Prater) in den 1970ern und 1980ern zu einer der progressivsten Filmemacherinnen der Welt aufstieg, lagen hinter ihr bereits prägende Lehrjahre in Paris. In „Paris Calligrammes“ reflektiert die 77-jährige Universalkünstlerin ihre wilde Studienzeit an der Seine. 

Paris Calligrammes (2020)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Gästebuch der Erinnerungen

Auf der diesjährigen Berlinale mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet, berichtet Ulrike Ottinger in ihrem neuesten Film „Paris Calligrammes“ von ihrem Paris der 1950er und 60er Jahre. Einem Paris, das dank seiner Verewigung in den Künsten auch all jenen vertraut ist, die es nie selbst erlebt haben. Kaum ein Ort oder eine Zeit sind in der kollektiven Erinnerungskultur so nostalgisch verklärt und mythisch aufgeladen wie dieses Paris der Kunst. „Paris Calligrammes“ ist eine Liebeserklärung an diesen Ort und die Menschen, die ihn schufen. Es ist Ottingers ruhiger, bedachter Erzählung, voller Witz und Klugheit, geschuldet, dass der Film dabei den Fallstricken der Sentimentalität so tänzelnd entgeht.

Der Titel, Paris Calligrammes, ist einer Gedichtsammlung Guillaume Apollinaires entlehnt und der Film selbst ein intertextuelles Kunstwerk. Zusammengesetzt aus Aufnahmen des heutigen Paris, Archivmaterial, Filmausschnitten, Fotografien, Skizzen und versetzt mit Musik, Gedichten und Tonaufnahmen, verwebt der Film — einer Collage gleich — die unterschiedlichen Künste, von denen er berichtet. So wie im Werk der Malerin, Fotografin und Filmemacherin Ottinger unterschiedliche Kunstformen zusammenfinden, stehen sie auch in diesem Film gleichberechtigt nebeneinander, sodass es einem geradezu obszön vorkäme künstliche Grenzen zwischen ihnen zu ziehen.

Als die junge Ulrike Ottinger in den 1950er Jahren nach Paris zieht, ist die Stadt bereits der Ort schlechthin, um Kunst zu machen. So wie Ottinger in diesen Lehrjahren scheinbar rastlos Paris aufsaugte, vermittelt auch der Film das Gefühl einer schlaflos vibrierenden Zeit. Die Stadt erscheint als Schmelztiegel, in dem die unterschiedlichen Künste aufeinandertreffen, stets durchdrungen von den großen Fragen der Politik. Dabei werden Kontinuitäten und Brüche sichtbar. Die alte Avantgarde diskutiert in den Cafés und Ateliers mit den jungen Vertreter*Innen neuer Bewegungen. Die traumatischen Erlebnisse der deutschen Exilanten treffen auf die Erschütterungen des Algerienkrieges und die Gräueltaten des französischen Militärs und der Polizei. Paris Calligrammes ist das Portrait einer Zeit voller Gegensätze und Schwierigkeiten. Sehr persönlich und ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit, berichtet der Film von den Auseinandersetzungen der Kunst mit dem allgegenwärtigen kolonialen Erbe, den Spuren des NS-Terrors und dem Aufeinandertreffen konservativer Politik und revolutionären Geistes.

Wie zeichnet man das Bild einer Stadt, die so oft portraitiert wurde, dass sie droht zu ihrem eigenen Klischee zu werden? Ulrike Ottingers Film geht den Weg einer sehr persönlichen Beschäftigung. Im Rückgriff auf ihre eigene jugendliche Begeisterung und Neugier, überträgt ihr Werk das Gefühl einer Zeit, die trotz aller Schwierigkeiten hoffnungsvoll war, in ihrer Überzeugung, dass Kunst die Welt verändern kann. Paris Calligrammes zeigt zwei Ikonen in intimer Zweisamkeit und es ist eine große Freude lauschen zu dürfen, wenn Ottinger mit ihrem Paris ins Gespräch kommt, wie mit einer alten Freundin, ohne im Strudel der Nostalgie unterzugehen.

Paris Calligrammes (2020)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Ich hab’ mein Herz in Paris verloren

Mit 20 hat man frei nach Peggy March „noch Träume“. Zum Beispiel, „eine große Künstlerin zu werden“ (Ulrike Ottinger): natürlich in Paris. Wo sonst?! Mit demselben Aufbruchsgedanken und vielen künstlerisch-kreativen Begabungen im Gepäck war Ulrike Ottinger 1962 vom Bodensee aus in ihre himmelblaue, mit Eulen bemalte Isetta gestiegen, ehe ihre hehren Kunstideale durch einen Motorschaden gleich einmal empfindlich gestört wurden.

Durchaus selbstironisch und keineswegs rein melancholisch blickt die 77-jährige Künstlerin zu Beginn ihrer neuesten Filmcollage Paris Calligrammes auf ihre eigenen Jugendjahre an der Seine zurück. Um dem kultur- wie realpolitischen Mief der „Adenauer“-Jahre zu entfliehen, entschied sich die 1942 als Ulrike Weinberg in Konstanz geborene Universalkünstlerin, die heute international bekannt ist, dafür, sich dauerhaft in Paris niederzulassen zu wollen. Eine der ersten Stationen für Ulrike Ottinger war das damals legendäre Atelier Johnny Friedländers, wo die junge Deutsche Radiertechniken studierte und zugleich rasch Teil der überaus vitalen Pariser Bohème-Szene wurde. 

In berühmten Künstlercafés wie dem „Les Deux Magots“ und den nicht minder quirligen Jazzkellern im „Quartier Latin“ wehte nach den Schrecken der Shoa und des Zweiten Weltkriegs vor allem Sartres Geist des Existenzialismus mit weitreichenden Folgen für die europäische Kulturszene nach 1945. Von hier aus starteten junge Filmkritiker wie Jean-Luc Godard oder Jacques Rivette ihre späteren Regiekarrieren, genauso wie zahlreiche Chansongrößen von Juliette Gréco bis Jacques Pills, Charles Aznavour oder Georges Moustaki, deren Eltern vielfach Immigranten waren. 

Besonders prägend war für die Mittzwanzigerin zudem die intensive Zeit mit dem jüdischen Exilanten Fritz Picard, dem in Paris Calligrammes zurecht viel Platz eingeräumt wird. In dessen schmalem Antiquariat mit kleiner Auslage versammelte sich in jenen Jahren regelmäßig das Who’s who der deutschen Literatur- und Kunstszene. Egal ob Annette Kolb, Max Ernst, Paul Celan, Walter Mehring oder Hans Arp: Alle haben sich in Picards Gästebuch eingetragen, das Ulrike Ottinger nach langer Suche für ihren Film schließlich wiederfand. 

In zehn gewohnt enigmatisch-spielerischen Kapiteln plus einem kurzen Epilog lässt die seit 1973 in Berlin lebende Filmemacherin jene Jahre des intellektuellen Auf- und Umbruchs wunderbar lebendig Revue passieren. Dass sich die politisch-geistigen Kämpfe dieser Ära sehr bald auch auf die Straße verlagerten, wird gerade in den mittleren Kapiteln von Paris Calligrammes mittels packender Archivaufnahmen und einer Reihe einprägsamer O-Töne, die von Pierre Bourdieu bis Jean Rouch und Daniel Cohn-Bendit reichen, absolut erfahrbar. 

Kein Wunder, konnte doch die Wahl-Pariserin Ottinger während ihrer Studiensemester an der Sorbonne (u.a. bei prägenden Professoren wie Louis Althusser und Claude Lévi-Strauss) vom Fenster ihrer winzigen Dachkammer aus den blutigen Mai ’68 hautnah beobachten. Nach einem Ausflug in die französische Spielart der US-amerikanischen Pop-Art wuchs in Ulrike Ottinger bald immer mehr der Hunger nach Filmbildern, die sie schon als Kind eines Schaufensterdekorateurs und Kinomalers in ihrer Konstanzer Heimat das erste Mal in sich aufgesogen hatte. 

Und von eben dieser Liebe kam die spätere Filmclub-Gründerin und erst recht als eine der wegweisendsten Filmkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts im Grunde nie mehr weg. Denn obwohl sich Ulrike Ottinger in den Nachfolgejahrzenten auch als Malerin, Fotografin, Autorin, Kamerafrau oder Theatermacherin einen Namen in der Kunstwelt machte, wird sie im öffentlichen Diskurs bis heute vor allem als radikal-subversive, queere und ethnologisch-experimentierfreudige Filmregisseurin wahrgenommen. 

Ähnlich wie Margarethe von Trotha oder Volker Schlöndorff pilgerte sie in diesen bewegten Jahren fast täglich in Henri Langlois’ „Cinémathèque Française“: ihre Schule des Sehens. Vom deutschen Expressionismus bis zum poetischen Realismus sog sie alles fanatisch in sich auf, um später selbst immer wieder aus der Filmgeschichte zu schöpfen und diese mal spitzzüngig, mal ehrfurchtsvoll in ihre eigenen Arbeiten in poststrukturalistischer Manier zu integrieren. Im Kern ist Paris Calligrammes eine ebenso liebenswürdige wie erhellende Rückschau auf Ottingers künstlerische Lehrjahre in Frankreich sowie ihre Einflüsse und persönlichen Impulsgeber*innen. 

Im Geiste von Walter Benjamins „Passagen-Werk“ flaniert man mit ihr gleichfalls lustvoll wie mitreißend durch die pulsierenden Nachkriegsjahre in Paris und erfährt im selben Zug viel Neues über Ottingers mannigfaltige Künstlerinnen-Genese. Paris Calligrammes funktionierte dabei wie eine einzige klug durchdachte und sorgsam montierte Erinnerungslandschaft: Der sprichwörtliche „Abschied von Gestern“ des Neuen Deutschen Films trifft hier unentwegt auf den ersehnten „Aufbruch ins Jetzt“ und den „Blick ins Morgen“, für den der Name Ulrike Ottinger bis in die Gegenwart steht. 

Die diesjährige „Berlinale Kamera“-Preisträgerin bleibt mit ihrem einzigartigen Oeuvre weiterhin unverkennbar solitär in der Filmlandschaft. Schließlich kann man durch die Kunstwelt flanieren und gleichzeitig Geschichte, Sprache und Leben studieren und das selten besser als in ihren Film-Kunst-Werken. Bravo, Madame!

Paris Calligrammes (2020)

Ulrike Ottinger, die in den 1960er Jahren als junge Malerin in Paris lebte, verwebt in „Paris Calligrammes“ ihre persönlichen Erinnerungen an die Pariser Bohème und die gravierenden sozialen, politischen und kulturellen Umbrüche der Zeit zu einem filmischen „Figurengedicht“ (Kalligramm). Text und Bild, ergänzt durch Sprache, Ton und Musik fügen sich zu einem Mosaik, aus dem die Lebensfülle dieser Periode und zugleich die Brüchigkeit aller kulturellen und politischen Errungenschaften spricht.

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