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Mit ihrem neuen Film unterzieht Marie Kreutzer die historische Figur der Kaiserin Elisabeth von Österreich einer aufregenden Neuinterpretation, die mit den Mythen um Sissi gründlich aufräumt. Eine gelungene Re-Vision.

Corsage (2022)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im goldenen Käfig

Schon die erste Einstellung von Marie Kreutzers neuem Film „Corsage“ lässt aufmerken: Wir sehen zwei Bedienstete, die vor einer Badewanne stehen. In der befindet sich Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837-1898), mit dem Kopf unter Wasser und hält die Luft an, während die Zofen offensichtlich die Sekunden zählen und nach dem Auftauchen uneins darüber sind, wie lange es nun wirklich war. Auch wenn dieser Szenenauftakt im ersten Moment etwas unbestreitbar Spielerisches hat, wird im weiteren Verlauf schnell klar, dass dies keineswegs ein Zufall ist, sondern auch Ausdruck der Gefühlslage einer Frau, die am engen Zeremoniell des Hofstaates zu ersticken droht: eine Ertrinkende, getrieben von Ennui, (Todes)Sehnsucht und dem Wunsch, als das gesehen zu werden, was sie ist — ein Mensch mit Bedürfnissen, keine leblose Repräsentationspuppe.

Und doch wird genau das immer wieder von ihr erwartet — und immer wieder findet sie Wege, sich dem auf die ein oder andere Weise zu entziehen. Einmal sind es sorgfältig einstudierte Ohnmachten, die Elisabeth (Vicky Krieps) bei offiziellen Anlässen immer wieder einsetzt, dann wieder kleine Fluchten wie Reisen zu ihrer Schwester nach England, Affären wie jene mit einem englischen Reitlehrer, das gerade neu erfundene Heroin, ihr als harmlose Medizin gegen jede Art von melancholischen Verstimmungen angepriesen und schließlich sogar mithilfe der Kinematographie in Gestalt der Erfindung einer Kamera durch Louis Le Prince, die sich aber erst rund zehn Jahre später zugetragen hat. Vieles in diesem Film steht — und das ganz bewusste Form eingesetzt — auf wackligen Füßen.

Geschickt baut Marie Kreutzer immer wieder solche Brüche ein — sei es in Form von Popsongs oder einzelner, aber niemals aufdringlich ins Bild gesetzter Ausstattungsstücke, die die historische Illusion durchbrechen. Da sind an einer Stelle etwa moderne Putzutensilien zu sehen, dann wieder ein Telefon, das zu der Zeit gerade erst erfunden wurde. Und selbst wenn man unter Umständen davon ausgehen könnte, dass ein solcher Wunderapparat mit Sicherheit das Interesse der damaligen Elite erregt hätte, ist der im Bild sichtbare Apparat sicherlich nicht zeitgenössisch. Solche Brüche mit der sowieso immer nur konstruierten „Historizität“ rücken den Film in die Nähe von Sofia Coppolas ähnlich agierendem, aber viel flacheren Porträt einer anderen Monarchin — Marie Antoinette (2006).

Angesiedelt ist die Handlung des Films rund um das Jahr 1877, als Elisabeth von Österreich-Ungarn 40 Jahre alt wird. Und die Probleme, denen sie sich an der Schwelle dieses neuen Lebensabschnitts ausgesetzt sieht, haben sich bis heute nicht wirklich verändert, wie man mit Erschrecken feststellen muss. Zwar wird in jedem ihr dargebrachten Ständchen ihre Schönheit betont, doch die Korsetts, in die sie sich zwängen muss und die ihr fast die Luft rauben — auf konkrete Weise und auch im übertragenen Sinne. Sie sind Ausdruck des Drucks, unter dem sie steht; eine rigide Diät, der sie sich unterzieht, hat vermutlich längst die Ausmaße einer pathologischen Annorexia nervosa angenommen. In gewisser Weise erinnert sie an zahlreiche Schauspielerinnen (und genau das ist sie ja auch in ihrer Rolle als stets lächelnde, mildtätige Monarchin, die in den Irrenhäusern der Stadt Wien lilafarbene Bonbonnieren an die Insass*innen verteilt), die ab dem Überschreiten einer gewissen Altersgrenze ebenfalls aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Und genau diese Parallele macht diesen Film neben vielem anderen so erschreckend modern und aktuell: Die nach wie vor in der Gesellschaft verankerte Reduzierung von Frauen auf Rollen und Funktionen, ihr Verschwinden und Verstummen innerhalb einer Gesellschaft, die immer noch allen Errungenschaften der Emanzipation zum Trotz vorwiegend männlich geprägt ist und der nun sogar durch konservative und restaurative Kräfte weltweit ein Backlash droht.

Insofern ist Corsage nicht einfach nur ein hochmoderner und manchmal fast avantgardistischer Film über das, was wir Geschichte nennen, sondern auch ein radikal politisches Werk, das ein radikal neues Bild einer historischen Figur zeichnet, deren kollektive Imagination bis heute durch die aus den 1950er-Jahren stammende Sissi-Trilogie unter der Regie von Ernst Marischka und mit der jungen Romy Schneider in der Hauptrolle bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wurde. Und bei allen bewussten Brüchen und künstlerischen Freiheiten, die sich Marie Kreutzer erlaubt, ist Corsage mit großer Gewissheit der durch und durch wahrhaftigere Film über die Frau hinter der historischen Persönlichkeit.

Schade nur (und das ist wirklich der einzige Wermutstropfen), dass Corsage bei seiner Weltpremiere in Cannes nicht im Wettbewerb von Cannes zu sehen war, wo der Film ein heißer Aspirant auf eine Goldene Palme gewesen wäre, sondern nur in der Nebenreihe Un Certain Regard. Aber womöglich unterstreicht diese Ungerechtigkeit das subliminale Hauptthema des Films — die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen. Damals wie heute.

Corsage (2022)

Weihnachten 1877: Kaiserin Elisabeth von Österreich — eine gleichermaßen verehrte wie kritisch beäugte Stilikone und ein angehimmeltes Vorbild für viele junge Mädchen und Frauen ihrer Zeit — feiert ihren 40. Geburtstag. Sie ist damit offiziell eine alte Frau. Was wird ihre zukünftige Rolle sein, wenn sie nicht mehr angebetet, sondern lediglich respektiert wird? (Quelle: Alamode Film)

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