Annette (2021)

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Nach seinem großartigen „Holy Motors“ verfällt Leos Carax in seinem neuen Werk, dem Musical „Annette“, in alte Muster und widmet formal interessant, inhaltlich aber höchst problematisch den Wirrungen der Amour fou. Das Ergebnis fällt dementsprechend zwiespältig aus.

Annette (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Strippenzieher und Puppenspieler

„So may we start?“ Der Auftakt zu „Annette“, dem mit Spannung erwarteten neuen Film von Leos Carax, ist ohne Zweifel furios und vermittelt von der Leinwand herab eine Energie, die den Kinosaal zum Erbeben bringt. Sehr viel weniger war nach dem Erfolg von „Holy Motors“ aber auch kaum zu erwarten. Und dass der Film zudem im Mai 2021 das pandemiegeplagte Filmfestival in Cannes nach einem Jahr der unfreiwilligen Pause eröffnete, war ein weiteres sicheres Indiz dafür, dass Carax wieder einmal das Kino neu zu erfinden gedachte.

Doch zurück auf Anfang: Dort nimmt in einer Art Prolog das Drama respektive Musical seinen Lauf, entsteht ein Film aus dem Geist der Musik beziehungsweise eines Songs, der just die Magie des Beginnens einfängt. (Wir erinnern uns: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“) Für den zeichnen, wie überhaupt für die gesamte Musik dieser Arthouse-Oper, die US-amerikanischen Glam-Exzentriker Ron und Russell Mael a.k.a. Sparks verantwortlich, die in dieser Auftaktszene ebenso zu sehen sind wie Leos Carax selbst, der ebne jene magischen Worte spricht, die den Startschuss geben: „So may we start?

Ein Auftakt, der einiges (und das nicht immer ganz freiwillig) vorwegnimmt, was später folgen und sich als Grundcharakteristikum dieses Films erweisen wird: das Primat von Musik und Regie über die Figuren, die im Verlauf dieser initialen Prozession erst spät hinzukommen und zunächst noch reine Staffage sind, die Nummerndramaturgie, die sich den Songs und den Beats völlig unterwirft, die visuelle Anmutung irgendwo zwischen die Videoclip-Ästhetik und Cinéma du Look.

 

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Nachdem auf diese Weise die Bühne bereitet und die Konstruktionsmechanismen ausgebreitet wurden, nimmt die Geschichte erst ihren Lauf. Bei der steht zunächst ein ungleiches Paar im Mittelpunkt: Henry (Adam Driver) ist ein Stand-up-Comedian, der wie ein Boxer im Bademantel mit hochgezogener Kapuze in den Ring beziehungsweise auf die Bühne steigt, der ebenso misanthrop wie misogyn das Lachen förmlich aus seinem Publikum herausprügelt — und damit erstaunlicherweise große Erfolge feiert. Ganz anders, doch mindestens ebenso erfolgreich ist die gefeierte Opernsängerin Ann (Marion Cotillard), die Frau, die er liebt und die sich wiederum in diesen zumindest auf der Bühne unmöglichen Kerl verguckt hat. Zwar ist die Liebe groß, und schließlich kommt dann auch noch die gemeinsame Tochter Annette auf die Welt, doch die ist ein — daraus macht der Film gar keinen Hehl, im Gegenteil — seltsames Kind, das Arme und Beine hat wie eine Gliederpuppen und einen Kopf aus Pappmaché. 

Man ahnt schnell, dass dem Glück, das der Film zuvor auch über die Grenzen des Kitsches hinaus gefeiert hat, keine Dauerhaftigkeit und Stabilität beschieden sein dürfte, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Henrys zunehmende Aggressivität und sein Hass auf alles und jeden, dazu (womöglich von Ann nur geträumte) Vorwürfe wegen sexueller Belästigung. Nur: Warum lässt Carax dies so halbgar und an der Grenze von Fantasie und Realität in der Gegend herumstehen? Dann Anns Tod und das Mysterium, das Henry in seiner Trauer eines Nachts entdeckt: Immer wenn ein Licht auf seine Tochter scheint, beginnt diese mit engelsgleicher Stimme zu singen. Und so schnappt sich Henry, der am Ende immer mehr dem Regisseur Leos Carax ähnelt, gemeinsam mit seinem Freund, dem Dirigenten und früheren Geliebten seiner verstorbenen Frau (Simon Helberg), das Kind und begibt sich unter Ausbeutung von Annettes Talent auf Welttournee — als Strippenzieher und Puppenspieler, an dessen Fäden das Kind hängt und von dem es abhängt. Diese Reise um die Welt wird aber alles verändern — noch einmal und ganz entscheidend und zwar für alle Beteiligten.

Viel hat Leos Carax in diesen Film hineingepackt — und es sind neben wiederkehrenden Motiven (beispielsweise dem mittlerweile mindestens fragwürdig gewordenen Konzept einer amour fou, die sich dennoch hartnäckig im französischen Kino hält) auch eindeutig autobiographische Bezüge: das Mädchen, zu dem Carax anfangs in seinem eigenen Film die Wörter sagt und dem der Film auch gewidmet ist, ist seine eigene Tochter Nastya Golubeva Carax, die aus der Beziehung zu der früh verstorbenen Schauspielerin Yekaterina Golubveva hervorging. Diese wiederum kam (ähnlich wie Ann) 2011 ums Leben, die genaue Todesursache liegt bis heute im Verborgenen. Weiß man um diese Details, sieht man diese wilde Geschichte voller Liebe und Eifersucht, Raserei, Ausbeutung, Schuld und Vergebung plötzlich mit ganz anderen Augen, kommt dem eigentlichen emotionalen Kern der Story näher und erkennt dabei auch, dass weder Leos Carax noch sein Alter ego Henry sonderlich sympathische Zeitgenossen sind, sondern vielmehr exzentrische Egoisten, die manchmal auch über Leichen gehen. 

Annette ist eine hochenergetische, prallvolle und mit nahezu allen Mitteln des Kinos arbeitende Wundertüte, in deren Mitte sich ein bitterer Kern verbirgt und die vielleicht auch so etwas wie eine filmgewordene Suche nach Erlösung und Absolution darstellt. Ob Henry am Ende verziehen wird oder nicht, dazu positioniert sich der Film klar. Ob Carax selbst Ähnliches widerfahren ist und ihm seine Tochter manches verziehen hat, darüber kann man am Ende nur mutmaßen.

Annette (2021)

Leos Carax‘ neuer Film Annette erzählt die Geschichte eines Stand-up-Comedian, der mit dem Tod seiner Frau, einer Opernsängerin, zurecht kommen muss. Durch einen Zufall findet er heraus, dass seine zweijährige Tochter über eine ganz spezielle Begabung verfügt, die sein und ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

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Meinungen
Ralf · 10.12.2021

Ein irrer Trip, voller Scherz, Satire und tieferer Bedeutung. Und am Ende mit dem grandiosesten, Song-Duett der (Film)musical-Geschichte. Bitter-süß, romantisch, unerbittlich. Aber wer "Holy Motors" nicht mochte, wird auch "Annette" nie verstehen...

Sven · 09.10.2021

Really not a good movie. Repeating all the time boring and senseless facts. Maybe that's how musicals tempt to be... But that like 20% off all cinéma visitors in the cinema room (Lisbon) left the movie, shows that we were not the only ones very disappointed..

Daniel · 07.07.2021

Diesem Film fehlt alles was ein guter Film ausmacht. Schlechte Musik, Handlung, Dialoge, Inszenierung, einfach alles Grottenschlecht. Ein absoluter Reinfall. Schade um die Zeit.

Andreas · 14.07.2021

Fabulous movie, super music and the acting and photography is absolutely stunning definitely 10/10.

Joachim · 07.10.2021

kompletter Idiot. Keine Ahnung von Filmen und Musik. Simple as that. Hat auch mit Geschmack nicht viel zu tun.

Kommentare