When They See Us (Miniserie, 2019)

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Ava DuVernay widmet sich in ihrer Netflix-Serie „When They See Us“ dem erschütternden Fall der sogenannten „Central Park Five“: Fünf Jugendlichen aus Harlem, die für die Vergewaltigung einer Frau fälschlicherweise ins Gefängnis kamen.

When They See Us (Miniserie, 2019)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Was sie sehen

Zu Beginn von „When They See Us“ wird man mitten in die Leben von Kevin Richardson, Antron McCray, Yusef Salaam, Korey Wise und Raymond Santana geworfen. Sie sind Teenager in Harlem, die einen ganz normalen Tag verbringen. Sie kommen aus der Schule, sie essen etwas, sie treffen eine Freundin oder Freunde, sie machen Scherze, albern herum. Freiheit, Familie, Freunde sind selbstverständlich für sie, so wie es im Leben eines Teenagers sein sollte. Aber es wird der letzte unbeschwerte Tag im Leben dieser fünf Teenager sein. Fortan wird man nicht mehr ihre Namen kennen, sondern sie werden zusammengefasst als die „Central Park Five“.

Am Abend des 19. April 1989 ziehen Antron McCray (Caleel Harris), Kevin Richardson (Asante Blackk), Yusef Salaam (Ethan Herisse), Raymond Santana (Marquis Rodriguez) und Korey Wise (Jharrel Jerome, Moonlight) mit anderen Jugendlichen durch den Central Park. Am selben Abend wird Trisha Meili – die „Central Park Joggerin“ – vergewaltigt und fast zu Tode geschlagen. Für die Polizei und Linda Fairstein (Felicity Huffman) ist der Fall klar: Wenn eine weiße Frau in der Nacht misshandelt wird, in der schwarze Jugendliche durch den Central Park ziehen, muss es einen Zusammenhang geben. Obwohl die ersten Indizien darauf hindeuten, dass sie von einem einzelnen Täter angegriffen wurde, erkennt Linda Fairstein in dem Moment, in dem sie hört, dass „a bunch of turds“ in dem Park verhaftet wurde, eine andere Geschichte: Jugendliche, die sich wie Tiere auf die Frau gestürzt haben. Fortan steht das Narrativ: diese Jugendlichen, allesamt of color, müssen weggesperrt werden, die unschuldige (weiße) Bevölkerung muss vor diesen wilden Horden beschützt werden.

Der Rassismus von Fairstein und der fast ausschließlich weißen Cops ist so selbstverständlich, dass es ihnen noch nicht einmal auffällt. Es ist eine nahezu stillschweigende Übereinkunft, dass diese Jungen etwas getan haben müssen. Also erstellen sie eine nachgerade zufällige Liste mit Namen aus der Gruppe der Verdächtigen. Korey Wise steht noch nicht einmal auf dieser Liste. Aber als sein Freund Yusef Salaam auf der Straße verhaftet wird, begleitet er ihn auf die Polizeistation, weil er dessen Mutter nicht verärgern will.

Die erste Folge von Ava DuVernays When They See Us zeigt die Verhaftungen, die Verhöre, das schnelle Entstehen dieses Narrativs, das von den Medien und der Öffentlichkeit allzu begierig und weitgehend unhinterfragt übernommen wird. Es ist schmerzhaft mitanzusehen, wie diese 14- bis 16-jährigen Jungs auf der Polizeiwache festgehalten werden. Sie werden ohne erwachsene Begleitperson verhört werden, ihnen wird Schlaf und Essen verweigert, sie dürfen nicht auf die Toilette, sie werden geschlagen. Obwohl sie immer wieder beteuern, dass sie nichts getan haben, gestehen sie schließlich diese Tat, weil ihnen versprochen wird, sie könnten dann nach Hause. Sie machen Aussagen, die einander widersprechen. Sie kennen einander ja noch nicht einmal. Aber der Druck ist zu groß. Und wie lange dieses Verhalten durch die Polizei schon besteht, machen insbesondere eine kurze Szenen mit Antrons Vater Bobby McCray (Michael Kenneth Williams, The WireI) deutlich: Ein Cop erpresst ihn mit seiner Vergangenheit, er kann diesem Druck nicht standhalten, er weiß, was nun kommen wird. Er weiß, dass er als Afroamerikaner von der Polizei nichts zu erwarten hat. Es ist eine erschütternde Machtlosigkeit gegenüber einer Autorität, der man gänzlich egal ist.

Bereits hier konzentriert sich Ava DuVernay vor allem auf die emotionale Erfahrung dieser Verhöre. Eingefangen in beeindruckenden Bildern von Bradford Young zeigt sich die intime Brutalität dieser Situation. Insgesamt ist in dieser Serie die Kameraarbeit bemerkenswert, in ihnen wird die Freiheit wie die Sehnsucht nach ihr deutlich; sie fassen das New York der 1990er Jahre und zugleich den tristen Justizalltag ein.

Die zweite Episode konzentriert sich auf den Prozess, in dem eine Jury trotz fehlender physischer Beweise, trotz Aussagen von Zeugen, trotz dem offenkundigen Manipulieren der Geständnisse zu einer Verurteilung kommen. Eine weiße Frau, die angegriffen wurde, als vier Schwarze und ein Latino in der Nähe waren, das reicht aus, eben nicht nur für die Ermittler, sondern auch für die Jury und den Richter. Sie schieben sämtliche Einwände offenbar einfach beiseite. Staatsanwältin Elizabeth Lederer (Vera Farmiga) scheint selbst an dem Fall zu zweifeln. Aber der öffentliche und politische Druck ist zu groß – und sie bringt eher fünf Unschuldige ins Gefängnis als sich diesem Druck entgegenzustellen. Geschickt montiert Ava DuVernay hier Hinweise auf die Gegenwart ein: Damals hat Donald Trump mit einer ganzseitigen Anzeige in den wichtigsten Tageszeitungen in New York die Todesstrafe für die Angeklagten gefordert. Wer sich also heute von seinem Rassismus erschrocken zeigt, hätte einfach nur hinhören und hinschauen müssen.

Die angeklagten Jugendlichen aber halten an ihrer Unschuld fest. Sie sind nicht bereit, etwas zu gestehen, was sie nicht getan haben, um eine geringere Strafe zu bekommen. Und sie werden an dieser Haltung auch nach ihrer Verurteilung festhalten, zwischen sechs und 13 Jahre bekommen sie. Und der 16-jährige Korey Wise kommt in ein Erwachsenengefängnis.

Es ist ein Urteil, das ihre Leben für immer verändern wird. Die vorletzte Episode konzentriert sich auf Antron (Jovan Adepo), Kevin (Justin Cunningham), Yusef (Chris Chalk), Raymond (Freddy Miyares), die im Jugendgefängnis waren und nun entlassen werden. Doch die Welt gibt ihnen keine zweite Chance: Sie sind bekannte Verbrecher, müssen sich als Sexualstraftäter registrieren lassen und haben Mühe, überhaupt eine Anstellung zu finden. In der letzten Episode dann geht es vor allem um Korey Wise (weiterhin Jharrel Jerome), der nur einen Freund auf die Polizeistation begleitet hat – und fortan jahrelang misshandelt wurde und in Einzelhaft gesessen hat. In dieser Folge gerät einiges zu hastig: Koreys Transgender-Schwester wird eingeführt, obwohl sie vorher keine Rolle spielte. Auch sind die halluzinierten Gespräche in ihrer Ausführlichkeit zu lang geworden. Aber indem sich diese Folge mehr auf Koreys Geschichte konzentriert als auf die Aufarbeitung des Justizskandals, verweist sie auch darauf, dass es hier keine selbsternannten oder offiziellen Ermittler*innen gab, die Zweifel an dem Fall hatten und nachforschten. Vielmehr war es ein Zufall, dass Korey Wise dem wahren Täter im Gefängnis begegnete und dieser dann gestand. Erst dieses Geständnis sorgt dafür, dass der Fall neu aufgerollt und sie entlastet wurden. Sie erfahren es – durch Zufall.

Sicherlich trägt When They See Us gerade in der musikalischen Untermalung bisweilen allzu dick auf. Manches wird von Figuren ausgesprochen, was bereits im Bild zu sehen war. Aber Ava DuVernay erzählt eindrücklich vom systemischen Rassismus im Justizsystem und der Gesellschaft der USA. Er beginnt bei rassistischen Polizisten und setzt sich fort durch den Geldmangel, der verhindert, dass gute Anwälte bezahlt werden, Mütter ihre Söhne im Gefängnis besuchen oder diese korrupte Wärter bestechen können. Ava DuVernay macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite sie steht. Sie versucht nicht, Gründe für das Handeln von Polizei und Staatsanwaltschaft zu finden, sondern konzentriert sich auf die persönlichen Folgen, die der systemische Rassismus für fünf Familien hatte und fängt damit die emotionalen und psychischen Belastungen und Folgen ein. Damit fügt sich When They See Us nahtlos an ihren Dokumentarfilm 13th precint, in dem sie den Zusammenhang von Sklaverei und der hohen Inhaftierungsrate von Schwarzen in der USA deutlich macht.

When They See Us ist keine minutiöse Rekonstruktion des Falls – wer das sucht, dem sei der Dokumentarfilm The Central Park Five empfohlen. Vielmehr konzentriert sich DuVernay auf die fünf jungen Männer, denen Leben, Identitäten und Namen von einer rassistischen Justiz genommen wurden. Sie konzentriert sich auf Antron McCray, Kevin Richardson, Yusef Salaam, Raymond Santana und Korey Wise.

When They See Us (Miniserie, 2019)

Die Miniserie When They See Us verfolgt den wahren Fall von fünf Teenagern aus New York City, die als die „Central Park Five“ bekannt wurden. Sie wurden für eine Vergewaltigung verurteilt, die sie nicht begangen hatten. Die Serie, bei der Ava DuVernay Regie führt, umfasst einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren und verfolgt den Fall bis zu dessen Beendigung im Jahre 2014.

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Meinungen
Lana · 06.06.2019

Die Serie hat mich von der ersten Folge an gepackt. Ich habe lange nicht mehr so etwas bewegendes gesehen. Traurig, dass so etwas noch passieren kann...

Brigitte · 04.06.2019

Ich bin tief ergriffen von dieser Serie. Die vierte Folge hat mich viele Tränen gekostet. Ich wünschte jemand hätte sich das Ganze ausgedacht... aber nein! Es ist tatsächlich so (oder ähnlich) geschehen.

Kommentare

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