Schwesterlein (2020)

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Ganz eng sind die Zwillinge Lisa (Nina Hoss) und Sven (Lars Eidinger). So eng, dass sie glauben, dass auch der aggressive Krebs, der Sven zu schaffen macht, nicht zwischen sie kommen kann. Doch die Krankheit erweist sich als letzter Akt, der gleichsam auch ein erster ist. Anfang und Ende sind miteinander verbunden.

Schwesterlein (2020)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Hänsel und Gretel in der Krebsklinik

Am Anfang gibt Lisa (Nina Hoss) ihr Blut und Knochenmark und weiß, dass damit alles gut werden wir. Ihr Zwillingsbruder Sven (Lars Eidinger) wird gesunden und kann dann wieder zurück auf die Bühne, wo er als großer Theaterschauspieler brilliert. Und bis dahin kümmert sie sich um ihn. Ist sie doch sein „Schwesterlein“ und sind die beiden doch irgendwie allein und verloren in der Welt, ganz wie Hänsel und Gretel.

Stéphanie Chuat und Véronique Reymonds Film klingt erst einmal nach einem klassischen Krebsdrama, wie man es im Kino schon im Dutzend zu sehen bekam. In kühlen blau-grauen Farben erzählen die Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen von einem Geschwisterpaar, das sich sehr nah ist, geradezu symbiotisch vereint und nun vom Krebs bedroht erst recht aneinander festhält. Doch Schwesterlein dreht sich nicht um die Krankheit an sich und um das Leiden. Vielmehr dient diese als ein Katalysator das Leben zu befragen. Was macht die Existenz eigentlich aus für diese beiden Menschen? Für Sven und Lisa ist die Frage ganz klar. Sie sind Theatermenschen. Geboren in eine Familie aus lauter Theatermachern. Und wenn man da nicht schreibt oder auf der Bühne steht, wenn man seine Seele nicht im kreativen Prozess trainiert und gleichsam zermartert, dann ist man nichts. Dann ist man schon tot. Ohne das Theater, ohne die Kreativität ist man nur eine Hülle. Und so gesehen ist Lisa am Anfang des Films viel elender dran als ihr Bruder. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ist sie in die Schweiz gezogen, weg aus ihrem geliebten Berlin und zergeht nun dort in der Provinz. Die ehemals erfolgreiche Theaterautorin schreibt nichts mehr. Die Krankheit des Bruders, das Abgeschottetsein und der Verlust der Heimat haben ihre Spuren hinterlassen. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der das gehobene und geradlinige Leben in der Schweiz genießt, ist Lisa schon fast daran erstickt. 

Als es Sven zunehmend schlechter geht, setzt sie alles daran ihn zu schützen und ihm eine Rolle zu besorgen, denn sie glaubt daran, dass das Schauspielen ihm neue Lebenskraft geben wird. Doch Sven und Lisa haben ihre Rechnung ohne ihre Umwelt gemacht. Der Film platziert die Geschwister in die Oberklasse mit Menschen, die Geld haben und die der Leistungsgesellschaft mitsamt ihrer Idee des Immer-Funktionieren-Müssens und der stetigen Selbstoptimierung gänzlich erlegen ist. Und so ein zerfallender Körper wie Svens passt da nicht rein. Selbst in den Kreisen, in denen man intellektuell aber auch dank Geld und Netzwerken die bestmöglichen Chancen hat mit Krankheit umzugehen, kommt keiner klar. Und auch Lisa, die um den Bruder bangt, ist diesem Druck unterlegen. Die Geschwister funktionieren nicht mehr und so werden sie verstoßen. Nicht einmal die Mutter, die noch selig die alten Zeiten des politischen Theaters von Brecht beschwört, will sich der unbarmherzigen Ehrlichkeit des Sterbens stellen. 

Und so diskutiert Schwesterlein nicht nur das Sterben und die Macht der Kreativität, sondern auch den Wert des Menschen, wenn er nichts mehr nützt auf seine leise und oft (wort)karge Art und Weise. Dies könnte furchtbar spröde sein, denn Chuats und Reymonds Film erlaubt sich keine überbordenden Emotionen und auch nicht viel Gerede. Vielmehr zeigt er seine ProtagonistInnen ganz oft mit größtmöglicher Contenance und Zurückgenommenheit. Dass dies nicht kippt und zu geschlossen ist, um das Publikum auf die Reise mitzunehmen, verdankt der Film der Genialität von Nina Hoss. Wie schon in Christian Petzolds kargen Filmen, vermag sie es wie keine andere allein mit ihrer Mimik und Gestik so viel zu sagen und zu zeigen, dass Worte und Taten gar nicht mehr nötig sind. Allein durch ihr inneres Spiel vermag sie die Dramatik nicht nur zu portraitieren, sondern sie ganz unmerklich immer höher zu schrauben. Die Verzweiflung erreicht die Zuschauenden auf eine regelrecht subkutane und umso heftigere Art und dies noch weit bevor der Film selbst sich eine gewisse Dramatik erlaubt. Ihr Gegenüber spielt Lars Eidinger anfänglich noch eklektisch, dann immer leiser auf Höchstniveau. Erstaunlich wie effektiv auch er immer noch ist, wenn der Wahnsinn, das Röhren und Rumoren, für die er bekannt ist, enden, und er sein Spiel nur noch in feinen Nuancen vollzieht.

Zusammen mit der überfordert-neurotischen Mutter (Marthe Keller) und dem stets unerträglicher werdenden Ehemann Martin (Jens Albinus) trägt dieses Ensemble Schwesterlein ganz leise aber stetig ganz hinauf auf den schauspielerischen Olymp und lässt diesen Film zu einem solch eindringlichen Werk wachsen, dass man erschöpft aber mit größtem Respekt aus ihm herauskommen wird.

Schwesterlein (2020)

Lisa, einst brillante Theaterautorin, schreibt nicht mehr. Sie lebt mit ihrer Familie in der Schweiz, doch mit dem Herzen ist sie in Berlin geblieben, es schlägt im gleichen Takt wie das ihres Bruders Sven, des berühmten Theaterschauspielers. Seit Sven an einer aggressiven Leukämie erkrankt ist, ist die Beziehung zwischen den Zwillingen noch enger geworden. Lisa will diesen Schicksalsschlag nicht hinnehmen, sie setzt alles in Bewegung, um Sven wieder auf die Bühne zu bringen. Für ihren Seelenverwandten vernachlässigt sie alles andere und setzt sogar ihre Ehe aufs Spiel.

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