Orphea (2020)

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In ihrem Gemeinschaftsprojekt „Orphea“ schicken Khavn De La Cruz und Alexander Kluge die unerschütterliche Lilith Stangenberg in die Unterwelt. Wir folgen ihr gern.

Orphea (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Rock ’n’ Roll in High Heels

Bestimmt haben dies schon andere bemerkt, aber es muss auch hier direkt einmal festgestellt werden: Die Berliner Schauspielerin Lilith Stangenberg dürfte so ziemlich die coolste Person des deutschen Kulturbetriebs sein. Als experimentelle Fragestellung des Experimentalfilms „Orphea“ von Khavn De La Cruz und Alexander Kluge ließe sich deshalb Folgendes formulieren: „Wie lange können wir Stangenberg bei völlig verrückten Sachen zuschauen, ohne dass es öd wird?“ Spoiler: Die Antwortet liegt irgendwo zwischen „Sehr, sehr lange!“ und „Einfach für immer und ewig!!“

„Einst, vor Zeit und Aberzeit…“, heißt es zu Beginn. Dieser Film holt also recht weit aus. Er ist eine Neuinterpretation des bekannten Stoffes aus der griechischen Mythologie um den Helden Orpheus, der seine verstorbene Gattin Eurydike aus dem Totenreich zurückholen will. Die Geschlechter werden in dieser Version getauscht – und auch sonst ist alles ein bisschen anders. So befindet sich das Portal in die Unterwelt etwa in den Slums von Manila. Auf der Suche danach gerät die Titelfigur unter anderem in eine Orgie. Menschen tanzen ums Feuer, machen Musik und Lärm, sind nackt und sehr wild drauf. Und mittendrin gibt Stangenberg als Orphea wirklich alles.

Oft fragen wir uns im Laufe dieses Films „Wo sind wir? Was ist hier los?“ Oder auch: „Was passiert wohl als Nächstes?“ Und kurz darauf denken wir dann: „Ach, wirklich, *das* passiert als Nächstes?! Irre!“ Das liegt zum einen an der Gestaltung, die Kluge – einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films, Jahrgang 1932 – und der philippinische Regisseur, Dichter und Musiker De La Cruz (geboren 1973) für ihr zweites filmisches Gemeinschaftswerk nach Happy Lamento (2018) wählen. Es gibt sehr viele Zwischentitel. Einige davon sehen aus wie Folien einer Power-Point-Präsentation, bei denen sich die präsentierende Person mal so richtig ausprobieren wollte. Zudem gibt es unter anderem Animationen, eine betont billige Bluescreen-Optik sowie eingeblendete Zeichnungen und Fotografien. Es ist anzunehmen, dass De La Cruz und Kluge das alles nicht bierernst meinen, sondern bei solchen Entscheidungen durchaus mal kichern mussten. Und diese Vorstellung ist schön.

Zum anderen ist diese durchgehende Verblüffung beim Zuschauen jedoch in erster Linie Stangenbergs furchtloser Darbietung zu verdanken. Als sie relativ am Anfang ihre Lippen bewegt, spricht nicht sie selbst, sondern eine Männerstimme aus dem Off. Verfremdungseffekt! Bertolt Brecht! Theatrale Phänomene! Aber bald findet Orphea ihre eigene Stimme – und ist sodann nicht mehr aufzuhalten. Sie tanzt Rock ’n’ Roll in High Heels. Zu beherzt grausiger Klavierbegleitung exklamiert sie: „Es ist ein Mammut! Es ist ein Mammut!“ Im Hintergrund: ein Bild mit äußerst fröhlich galoppierenden Mammuts. Das ergibt schon Sinn. Dann singt sie Russisch in eine Flasche; es geht um schwere Herzen und um die Frage, warum Gott sie nicht einfach auf die Müllhalde kippt. Feel you, Orphea! Unterdessen verwandeln sich Menschen in Puppen. Totenköpfe werden emporgestreckt. Es wird vor Zorn gebrüllt („It’s a farce! It’s a curse!“).

Im Zuge dieses wüsten Spiels mit Masken, Kostümen, Kopfschmuck und filmischen Formaten (darunter auch Split-Screen- und Fast-Forward-Technik) wird Orphea irgendwann zu einer sehr beschäftigten sowjetischen Biokosmistin, die nach der Formel fürs ewige Leben forscht. Mit einer schwarzen Uschanka auf dem Kopf erzählt sie von Ameisen und von Schlangenbissen. Als sie wertvolle Tipps gibt, geht sie ins geheimnisvolle Flüstern über. Soll niemand sagen, dass wir hier nichts lernen. Dann folgt ein „Lamento für die tote Schlange“ – das ist angemessen melancholisch. Später wendet sich Orphea auch noch der Afterlife-Forschung im Silicon Valley zu. Es ist faszinierend, wie sich dieser Film einerseits als herrlich unterhaltsamer Nonsens und andererseits als anspruchsvoller kultureller Ritt rezipieren lässt. Auf beiden Ebenen funktioniert Orphea erstaunlich gut.

Orphea (2020)

„Orphea“ erfindet den Mythos von Orpheus und Eurydike neu – als Rock-Musical in einer grotesken und surrealen Interpretation des heutigen Manila.

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