Moskau Einfach! (2020)

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Kommunistenangst und Kommunistenhatz in der Schweiz: Im Herbst 1989 schleust sich ein junger Zürcher Polizist ins Schauspielhaus ein, dort wird linksradikales Gedankengut vermutet… Moskau einfach! ist Polizeiparanoia-Satire, Theatersatire und Zeitgeschichtsaufarbeitung. Und sehr lustig.

Moskau Einfach! (2020)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Fünfte Kolonne, überall

Es ist eine andere Welt. Verwinkelt, wuselig, lebendig. Und höchst verdächtig! Da wird vom eisernen Vorhang geflüstert, von explosiven Auftritten! Viktor Schuler alias Walo Hubacher (Philippe Graber) ist höchst alarmiert. Er ist undercover im Einsatz, und das heißt, dass er ganz aus sich rausgehen muss. Muss auf der Bühne frei tanzen, wie er sich gerade fühlt, und muss ein Tier improvisieren. Das sind die Schauspiel-Lockerungsübungen, Schuler hat sich als Statist ans Zürcher Schauspielhaus engagieren lassen. Und hat zuvor sein altes Leben abgelegt. Orden von der Wand und Che Guevara und Anti-Atomkraftsticker hingeklebt, Hosen mit Bügelfalten gehen gar nicht, Schnurrbart ab, Haare verwuschelt: Fertig ist der angebliche Linksradikale, der die echten Linksradikalen unter den Schauspielern und Regisseuren infiltrieren soll.

Schuler ist braver Polizist in Zürich, eigentlich. Sein Leben ist bestimmt von Grau und Beige. Es sieht aus wie die Stasi in diversen mehr oder weniger satirischen DDR-Komödien – und man argwöhnt als Zuschauer, ob diese stereotype Darstellung des Geheimpolizeimilieus vielleicht doch realistisch ist. Micha Lewinsky spielt in seinem Film Moskau einfach! mit diesen Klischees von Bebilderung und Vorstellung, weil sein Film ja ohnehin um Verstellung geht, um das Wahre im Falschen und andersrum: Der Polizist Viktor, der sich als Matrose Walo ausgibt, um am Theater in Shakespeares „Was ihr wollt“ mitzuspielen, ist eine schöne dramaturgische Metapher für die Windungen und Verdrehungen, denen sich solche Leute wie Schuler ausgesetzt sehen, dessen einfaches Weltbild sich plötzlich verkompliziert: Er ist ein Befehlsempfänger, ein Mitläufer, sein Leben lang eingesponnen von reaktionärer Paranoia. Der Ostblock! Die Linken! Aufruhr, Terror, Militärschlag! Und die Schweiz mittendrin im Zielfernrohr von Moskau! Und dieser Viktor Schuler merkt so langsam, dass nicht jeder mit anderer Meinung am feindlichen Umsturz arbeitet.

Die Handlung beginnt im Oktober 1989, da ist einiges los. Gorbatschow ist natürlich nicht zu trauen, der Warschauer Pakt ist angeschlagen und gerade deshalb am gefährlichsten, eine Volksabstimmung ist angesetzt zur Abschaffung Schweizer Armee, und am Schauspielhaus wird Max Frischs „Jonas und der Veteran“ uraufgeführt, reine linksradikale Propaganda! Weshalb sich Schuler dranmacht, eine ganze Nacht lang streift er ums Theater, pinnt in seinem Büro Fotos an die Wand, mit roten Fäden verbunden, um Beziehungen herzustellen, alles hängt mit allem zusammen! So macht man das als Polizist, auch wenn sich’s bloß um ein Großraumbüro und eine Stellwand handelt und er nicht der Kommissar, sondern nur der kleine Typ ist, der das linke Untergrund-Radio mithört. Und auch wenn der Chef mit den ganzen angehäuften Überstunden gar nicht so recht zufrieden scheint, ihn dann aber inoffiziell einschleust in diese Löwengrube des revolutionären Linksterrorismus.

Der Film ist (scharfe) Satire auf staatliche Paranoia, aber natürlich auch (freundliche) Satire auf den Theaterbetrieb, mit allen den Aussteigern, den Schleimern, den Eitlen, den Salonkommunisten – sanft gespiegelt in den Proben zu „Was ihr wollt“. Das ist sehr vergnüglich auf Pointe hin geschrieben und inszeniert, zumal der deutsche Regisseur des Stücks (Michael Maertens) sowieso der DDR ideologisch nahe steht (wahrscheinlich) und den Text „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist“ mit den Gedanken an Ausbeutung und Utopie auflädt – oder aber möglicherweise auch vor allem der Schweizer Gage nachrennt, um sie eilends und unversteuert zur Bank zu bringen. Und zumal die Schauspielerin Odile Jola (Miriam Stein) nicht nur alsbald zum heimlichen Objekt des Schwärmens für Schuler/Hubacher wird, sondern selbst auch eigentlich jemand anderes ist, nämlich die Tochter eines Oberst der Bundessanwaltschaft, der nichts unversucht lässt, sie mit seinem ganzen erdrückenden Überwachungsstaat zurück ins bürgerliche Leben zu führen. Womit geschickt die beiden Sphären Polizei und Theater verknüpft werden – und mittendrin Schuler.

Denn drittens ist Moskau einfach! ein Historienfilm, der eine der großen Sünden der Schweiz ins Visier nimmt: Die Bundesanwaltschaft nämlich hat heimlich und völlig widerrechtlich, im tiefen inneren Selbstverständnis als einzig wahre Hüterin der einzig wahren Schweiz, fast eine Million Akten anlegen lassen von all denen, die anderer politischer Meinung sind. Ein Register, das letztlich Berufsverboten gleichkam und das erst im Herbst 1989 öffentlich wurde. Ein rechtsreaktionärer Staat im Staate, der im deutschen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt – Stichwort Mauerfall zur gleichen Zeit… Dieser weltpolitische Umsturz macht die ganze bitterböse Absurdität des Staatsmachtmissbrauchs deutlich, weil halt ganz offenbar wird, welche Schimären benutzt wurden, um einen illegitimen Überwachungsstaat zu schaffen – nicht das geringste Verdienst dieses Films, darauf aufmerksam zu machen.

Gegen Ende nimmt ein gewisser romantischer Einschlag ein bisschen Überhand – aber das schmälert nichts an dem Vergnügen dieses Films.

Moskau Einfach! (2020)

Herbst 1989: Während in Berlin bald die Mauer fällt, überwacht in der Schweiz die Geheimpolizei Hunderttausende. Viktor (Philippe Graber), ein braver Polizeibeamter, wird von seinem Vorgesetzten (Mike Müller) verdeckt ins Zürcher Schauspielhaus eingeschleust, um Informationen über linke Theaterleute zu sammeln. Als er sich in die Schauspielerin Odile (Miriam Stein) verliebt, jene Person die er eigentlich observieren soll, gibt es kein Zurück mehr: Er muss sich entscheiden zwischen seinem Auftrag und seinem Herzen.

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