Spurlos - Die Entführung der Alice Creed

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein fast perfekter Plan

Alles ist minutiös geplant, durchdacht und von langer Hand vorbereitet. Was jeder Zuschauer weiß und jeder Gauner nicht wahrhaben will ist aber, dass es das perfekte Verbrechen nicht gibt. Dass das Verbrechen misslingt, um das es in J Blakesons überaus sehenswertem Regiedebüt Spurlos – Die Entführung der Alice Creed geht, liegt aber weniger an unberechenbaren Größen wie Zufall oder Schicksal, sondern vielmehr an dem menschlichen, allzu menschlichen Verhalten der Beteiligten, getreu dem Satz von Elise Broach: „But really, there are no coincidences. Coincidences are just other people’s choices, plans you don’t know about.“ Wie wahr dieser Satz ist, das zeigt der Film mit bemerkenswerter Konsequenz und überaus überzeugend.
Dabei war der ursprüngliche Plan der beiden Ganoven denkbar einfach: Vic (Eddie Marsan, der bislang vor allem als cholerischer Fahrlehrer in Mike Leighs Happy-Go-Lucky auffiel) und sein jüngerer Kumpel Danny (Martin Compston) haben Alice Creed (Gemma Arterton), die Tochter eines Multimillionärs entführt und verlangen nun ein Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Pfund. Der jungen Frau gegenüber verhalten sie sich zielstrebig und wenn nötig mit brutaler Konsequenz, ohne dabei aber jemals sadistisch zu sein. Während der dominante und etwas ältere Eddie die Wohnung immer wieder verlässt, um zu telefonieren oder Bilder und Videoclips der Entführten an deren Vater zu schicken und die Lösegeldübergabe zu organisieren, ist Danny stets vor Ort und überwacht das Wohlbefinden der Geisel. Was Eddie nicht ahnt: Danny und die Entführte kennen sich und waren einmal ein Paar. Und neben seinem eigentlichen Plan gibt es mindestens noch einen zweiten, den er nicht kennt. Je näher die Übergabe des Geldes rückt, umso mehr spitzt sich die Situation zwischen den beiden Entführern und der Geisel zu. Denn auch die beiden Männer verbindet eine geheime Verknüpfung, von der Alice, die ihre Chance wittert, nichts ahnt. Und so eskaliert das verzwickte Beziehungsgeflecht zwischen den dreien, bis keiner mehr durchschaut, wer hier eigentlich die Fäden zieht und die Richtung vorgibt und wer nur reagiert. Ständig werden die Karten neu gemischt, die klare Trennung zwischen Opfer und Tätern verschwimmt und bringt immer neue Konstellationen und Koalitionen hervor, so dass bis zum bitteren Ende niemand ahnt, wer mit Leib, Leben und zwei Millionen Pfund davonkommt.

Ein Plan, drei Menschen und nahezu ein einziger Handlungsort – mehr braucht J Blakeson in Spurlos – Die Entführung der Alice Creed nicht, um einen feinen, wendungsreichen und überaus spannenden Thriller zu inszenieren, der von menschlichen Verstrickungen, den Gefahren der Liebe und der Abhängigkeit und von diversen Versuchen, sich daraus zu befreien erzählt.

Dass der Film trotz seiner selbst auferlegten Beschränkungen niemals steril oder wie ein feinsinniges Experiment wirkt, verdankt er neben dem ausgezeichneten Drehbuch (das ebenfalls von J Blakeson stammt), vor allem seinen hervorragend aufgelegten Akteuren. Neben dem Ex-Bond-Girl Gemma Arterton, die hier als sichtlich gezeichnetes Entführungsopfer Mut zur Hässlichkeit beweist, zeigen auch die beiden bislang vor allem als Nebendarsteller auffällig gewordenen Eddie Marsan und Martin Compston, dass sie es durchaus verstehen, einen Film durch ihre Präsenz zu tragen. Wie sie sich gegenseitig belauern, wie sie Stärken und Schwächen, Liebe und Verrat, Misstrauen und den Wunsch nach bedingungsloser Liebe, Verzweiflung und Hoffnung mit minimalen Gesten und Bewegungen glaubhaft machen, trägt viel zum Gelingen dieses herrlich durchtriebenen, bitterbösen und dann wieder fast ironischen Filmes bei.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 galt Spurlos – Die Entführung der Alice Creed als einer der Publikumslieblinge. Er ist zweifelsohne ein Film, der neugierig macht darauf, was J Blakeson als nächsten Streich seiner noch jungen Karriere aushecken könnte. Ginge es in der Filmwelt mit rechten Dingen zu, müsste eigentlich morgen Hollywood an die Tür klopfen, um nach den Rechten für ein Remake dieses schmutzigen kleinen und äußerst unterhaltsamen Thrillers zu fragen.

Spurlos - Die Entführung der Alice Creed

Alles ist minutiös geplant, durchdacht und von langer Hand vorbereitet. Was jeder Zuschauer weiß und jeder Gauner nicht wahrhaben will ist aber, dass es das perfekte Verbrechen nicht gibt.
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Meinungen

Martin Zopick · 23.12.2023

Es gibt ja hunderte von Filmen über eine Entführung. Am Ende ist alles wieder FFE und die Welt in Ordnung. Aber der hier zählt zu den spannendsten Brit-Thrillern der letzten Jahre. Der Anfang ohne Worte macht neugierig. Dann steigt die Spannung und wird bis zum Ende hoch gehalten. Man ist gepackt von den wirklich unerwarteten Wendungen. (Ich habe insgesamt sieben gezählt!) Und das Tollste ist das Ende, das es so auch noch nicht gegeben hat.
Die beiden Entführer Victor und Danny (Eddie Marsan, Martin Compston) bilden mit der Titelfigur Alice (Gemma-Tamara-Arterton) eine hervorragende Front von Akteuren. Sie schenken sich nichts. Viel geschieht durch vielsagende Blicke oder umherliegende Dinge offenbaren einen Verrat. Die Hackordnung unter den Gangstern muss hergestellt, das ‘große und das kleine Geschäft‘ der Geisel öffentlich erledigt werden. Wilde Szenen wechseln mit äußerst sensiblen Einstellungen. Nervenaufreibend auch das gegenseitige Misstrauen von Danny und Victor. Besonders tragisch kommt es für Danny, der sich zwischen homo und hetero entscheiden muss Da kann es sein, dass er eine Patronenhülse verschlucken muss, um sich nicht zu verraten. Knallhart auch der Showdown am Ende. Es bleibt die Frage, ob Alice glücklich ist, nachdem sie ihre Situation erkannt hat? Der Zuschauer kann entspannt durchatmen. Spannung und Action sind eine Superklasse für sich!