Kidnapping Freddy Heineken

Kidnapping Freddy Heineken

Eine Filmkritik von Martin Beck

Schuldig

Die Entführung von Freddy Heineken, dem Chef der gleichnamigen Brauerei, war 1983 eine große Schlagzeilen-Nummer in Holland, so dass es verwundert, warum erst "jetzt" gleich zwei Filme zu dem Thema entstanden sind. Die Heineken Entführung von 2011, mit Rutger Hauer als Heineken, ist ein phänomenal dichtes, spannendes "true crime"-Drama, und Kidnapping Freddy Heineken, um den es hier gehen soll, das genaue Gegenteil. Also eine achselzuckende Austauschproduktion, die über ihren pan-europäischen Steuersparmodellen das mit der Spannung und Motivation völlig außen vor gelassen hat.
Auch die Motivation für den Film an sich bleibt im Dunkeln, weil für eine parallele Entwicklung mit Die Heineken Entführung zu viel Zeit und für ein Remake zu wenig Zeit dazwischen liegt – mal ganz davon abgesehen, dass alleine die räumliche Produktionsnähe (=Holland, beziehungsweise Holland / Belgien / England) Film Nummer 2 wie einen geklonten Bruder mit aufgepeppter Besetzung erscheinen lässt. Und einem wesentlich schwachbrüstigeren Drehbuch, das die strukturierte Entwicklung von Film Nummer 1 gegen endloses Gekabbel flacher Papp-Charaktere eintauscht.

Bei Die Heineken Entführung gibt es die Vorbereitung der Entführung, die Entführung selbst und die Ereignisse danach. Bei Kidnapping Freddy Heineken steigt man fast aus dem Stand mit der Entführung ein, verbringt dann gefühlte Ewigkeiten mit Diskussionen und Machtspielchen und lässt die anschließenden Folgen völlig außen vor. Vielleicht schwebte Drehbuchautor William Brookfield eine Art holländische Reservoir Dogs-Variante vor, doch stattdessen wird der Zuschauer einfach mit austauschbaren Figuren alleingelassen, die die reizvollen Elemente eines Heist-Films, namentlich eine ausgetüftelte Vorbereitung, die nervöse Durchführung und die danach anschwelende Spannung, ob/wann der Plan ein Loch offenbart, fast komplett ignorieren.

Irgendwie ein komischer Film, dieser Kidnapping Freddy Heineken. Die Darstellerriege (Anthony Hopkins, Sam Worthington, Ryan Kwanten und Jim Sturgess) kann sich absolut sehen lassen, der Regisseur, Daniel Alfredson, hat unter anderem Vergebung und Verdammnis inszeniert, die inhaltliche Grundlage ist das allseits gelobte Tatsachenbuch De ontvoering van Alfred Heineken von Peter R. De Vries – und trotzdem passt einfach nichts zusammen, kommt man zu keiner Sekunde ins Geschehen. Wäre es nicht mindestens möglich gewesen, Die Heineken Entführung einfach 1:1 zu übernehmen?

Alleine die Entscheidung, die Vorbereitung des Coups fast ganz auszulassen: nein, nein und nochmal nein – besonders wenn man sich vorstellt, was zum Beispiel Michael Mann zu diesem Thema hätte einfallen können. Am Anfang des Films kommt ein bisschen Action, die mit ihren Wackelkameras, hektischen Schnitten und Zooms auf schlechtes Handwerk schließen lässt, und wenn dann Anthony Hopkins auftaucht, ist es um die Fähigkeiten des Regisseurs leider ganz geschehen. Rutger Hauer gibt Freddy Heineken eine ungemeine Bandbreite und damit Fallhöhe. Anthony Hopkins stellt sich einfach nur hin und fängt dann an zu wispern, ganz cool, ganz leise und mit der emotionalen Sprengkraft eines Komaanwärters.

Warum das alles, warum überhaupt Kidnapping Freddy Heineken? Vermutlich eine ungesunde Mischung aus Unvermögen, Steuersparmodellen und einem attraktiven pre-sales-Paket, hinter dem fast alles andere ziemlich egal war. Das einzig Gute an dem Film ist, dass der völlig zu Unrecht ziemlich untergegangene Die Heineken Entführung dadurch nochmal neuen Anschub erhält. Alles weitere hier fällt unter die Binsenweisheit, dass auch eine schicke Aufmachung und große Namen in uninspirierte Langeweile münden können.

Kidnapping Freddy Heineken

Die Entführung von Freddy Heineken, dem Chef der gleichnamigen Brauerei, war 1983 eine große Schlagzeilen-Nummer in Holland, so dass es verwundert, warum erst "jetzt" gleich zwei Filme zu dem Thema entstanden sind.
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