Der Verräter (2019)

Log Line

Tommaso Buscetta war einer der ersten Pentiti, die gegen den herrschenden Clan der Corleonesi vor der Justiz auspackten und damit den Weg ebneten für die großen Prozesse der 1980er und 1990er. Marco Bellocchio hat diesem Mann einen Film gewidmet.

Der Verräter (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ehrenmänner unter sich

Kann ein skrupelloser Vertreter der Cosa Nostra zugleich ein Ehrenmann sein? Anhänger einer starken Zivilgesellschaft würden dies wohl mit einigem Recht verneinen, die Betroffenen freilich sehen das ganz anders. Er sei gar kein Verräter, heißt es an mehr als einer Stelle aus dem Munde von Tommaso Buscetta (wieder mal eine Paraderolle für Pierfrancesco Favina). Vielmehr sei er ein Mann hoher moralischer Prinzipien und vertrete den Geist der alten Cosa Nostra, die mit Drogenhandel nichts am Hut habe. Sein Kontrahent Pippo Calò Fabrizio Ferracane wird später Ähnliches für sich reklamieren, auch er sei natürlich ein Ehrenmann und der andere die Ratte, der Verräter, das Schwein.

Der feine Score aus der Feder von Nicola Piovani tritt in die Fußstapfen großer italienischer Filmkomponisten und besitzt ohne jeden Zweifel Ohrwurmqualitäten, die auch lange nach dem Film noch nachwirken. Überhaupt steht Bellocchios Film in der Traditionen großer Mafia-Epen und könnte bei oberflächlicher Betrachtung als Variation und Nachfolger von Der Pate durchgehen, wäre da nicht eben doch der andere Geist des Filmes zu spüren, der die kriminelle Vereinigung nicht glorifiziert, sondern auf vielerlei Weise die Grausamkeit und Bestialität der Cosa Nostra verdeutlicht. Gleich zu Beginn, als der Krieg zwischen den Corleones und den traditionellen Palermitaner Familien (die sogenannte “Achse Bontade-Inzerillo-Badalamenti”) zu Beginn der 1980er ausbricht, zeigt Bellocchio einige der Mordanschläge, mit denen die Gefolgsleute von Salvatore “Toto” Riina sich gegen ihre Widersacher durchsetzen. Dazu zeigt ein Text-Insert in Form eines Zählers an, um den wievielten Mord der “blutigen Ernten” es sich handelt. Insgesamt werden es um die 1000 Tote sein, die dieser Konflikt fordert.

Der Film erzählt streng chronologisch und nur von gelegentlichen Flashbacks und Halluzinationen durchbrochen von Buscettas Wandel vom loyalen Gefolgsmann zum Kronzeugen gegen die Corleonesi und ihre Verbündeten, lässt dabei aber ein wenig unter den Tisch fallen, dass es neben anderen Motiven auch die schiere Verzweiflung war, die Buscetta und andere Mitglieder der unterlegenen Seite zum Auspacken bewegte. Bemerkenswert ist dabei, dass sich Bellocchio trotz der Stringenz nicht stur an einen Stil und eine Erzählform hält, sondern durchaus variabel inszeniert: Szenen voller Hochspannung (wenn etwa die brasilianische Polizei Buscetta nach dessen Festnahme auf bestialische Weise zu einer Aussage bewegen will) und ausgelassene Feierlichkeiten wie zu Beginn der Films werden kontrastiert von der mit großer Nüchternheit und Ausführlichkeit erzählten Gerichtsverhandlung gegen die Corleonesi, bei der Buscetta als Hauptbelastungszeuge auftritt.

Auch hier verschiebt Bellocchio immer wieder den Fokus und zeigt in feinen, kleinen Beobachtungen, wie das Ganze mehr als nur einmal zu einer Farce zu werden droht und die Richter sowie das gesamte Justizsystem diesem Staat im Staate hilflos gegenüberstehen. Mit Ausnahme von Giovanni Falcone, dem zur Legende im Kampf gegen die organisierte Kriminalität gewordenen Richter, der auch für Buscetta eine wichtige Rolle spielte, ist diese Episode nicht gerade dafür gut, das Vertrauen in das politische System Italiens zu stärken. Diese ausführliche Behandlung eines Prozesses, der in Italien Justizgeschichte schrieb, fordert dem Zuschauer auch einiges Steh- bzw. Sitzvermögen ab — ebenso wie das Ende des Films, das den restlichen Lebensweg Buscettas in zahlreichen kurzen Szenen zeigt.

Die Wunden, die die jahrhundertelange Herrschaft von Mafia, Cosa Nostra und N’drangheta in Italien geschlagen haben, sind noch lange nicht verheilt. Aber Filme wie der von Marco Bellocchio oder La paranza dei bambini von Claudio Giovanesi, der im Februar im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, sind ein Hoffnungsschimmer, dass die Aufarbeitung begonnen hat — das liegt auch an Männern wie Tommaso Buscetta und Giovanni Falcone. Und letzterer ist nun wirklich ein Mann von Ehre.

Der Verräter (2019)

Der Film basiert auf dem Leben von Tommaso Buscetta, dem „Boss der zwei Welten“, der im Sizilien der 1980er Jahre der erste Informant gegen die Cosa Nostra war und später zum Kronzeugen in den großen Prozessen der 1980er und 1990er Jahre wurde. Aus Rache gegen den Verstoß des Schweigegebots Omertà ermordete die Cosa Nostra 14 seiner Verwandten.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.