Capone (2020)

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Tom Hardy verkörperte bereits den Batman-Bösewicht Bane, Mad Max und den berüchtigtsten Häftling Großbritanniens. Nun spielt er einen weltberühmten Gangster – allerdings ganz anders als erwartet.

Capone (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Letzte Arie eines Mobsters

Alphonse Gabriel „Al“ Capone (1899-1947) war schon zu Lebzeiten eine Legende. In den 1930ern diente die Chicagoer Unterweltgröße einigen Charakteren in Gangsterfilmen als Vorbild. Der von Paul Muni gespielte Antonio „Tony“ Camonte in „Scarface“ ist der bekannteste. Nach Capones frühem Tod verkörperten so namhafte Schauspieler wie Rod Steiger, Jason Robards, Ben Gazzara und F. Murray Abraham den Mobster. Im kulturellen Gedächtnis haften geblieben ist stattdessen die Nebenrolle eines anderen Stars. So schillernd Capones Leben war, auf der großen Leinwand hat es bislang keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Tom Hardy könnte das jetzt ändern – nicht zuletzt deshalb, weil sich Regisseur Josh Trank seinem Sujet ungewöhnlich nähert.

Als wir dem von Hardy verkörperten, ehemaligen Gangsterboss zum ersten Mal begegnen, hat er seine besten Tage hinter sich. Zehn Jahre Gefängnis haben ihm zugesetzt. Die Langzeitfolgen einer Neurosyphilis plagen ihn schwer. Dement und inkontinent dämmert er in seiner Villa in Florida dahin. Seine Frau Mae (Linda Cardellini), sein Sohn „Sonny“ (Noel Fisher) und seine rechte Hand Ralphie (Al Sapienza) weichen nicht von seiner Seite. Dass Mae ein neues Kapitel aufschlagen möchte, zeigt bereits ihre Wortwahl. Das Familienoberhaupt wird von allen Fonse“ genannt. Der alte Spitzname aus Gangstertagen ist auf dem weitschweifigen Anwesen tabu. Doch die Vergangenheit lässt Capone nicht los.

Irgendwo sind zehn Millionen Dollar versteckt, was das FBI auf den Plan ruft. Unter dem Kommando des Agenten Crawford (Jack Lowden) lauern die Ermittlungsbehörde in Büschen, hinter Hecken oder gar in der Badewanne, um wichtige Informationen zu erhaschen. Capones unehelichen Sohn Tony (Mason Guccione) haben sie ebenso für ihre Zwecke eingespannt wie seinen Leibarzt Karlock (Kyle MacLachlan). Doch so sehr der geistig abwesende Gangster, von Hardy mit leerem Blick und schwer verständlichem Nuscheln gespielt, auch in seinem Oberstübchen kramt, er kann das Versteck nicht erinnern. Stattdessen spielen ihm die dabei freigesetzten Erinnerungen Streiche.

Josh Trank hätte vieles aus dieser Ausgangslage machen können: einen Krimi über den Verbleib der Moneten, ein Beziehungsdrama über die letzten Tage eines Mobsters, ein Kammerspiel über Krankheit, Schuld und Sühne. Stattdessen geht er einen anderen, überaus ambitionierten, mitunter überambitionierten Weg. Nach seinem Debüt, dem innovativen Superheldenfilm Chronicle (2012), waren die Erwartungen an den 1984 geborenen Regisseur, der seine Filme oft selbst schreibt und schneidet, groß. Doch Tranks nicht uninteressantes und unterbewertetes Update der Fantastic Four (2015) floppte. Sein dritter abendfüllender Spielfilm könnte nun schon so etwas wie ein Schicksalsfilm sein, der entscheidet, welche Richtung Tranks Karriere künftig einschlägt. Und ausgerechnet dieser Film blieb (wie so viele andere) vom Schicksal nicht verschont.

Aufgrund der Corona-Pandemie schaffte es Capone nicht einmal in seinem Herkunftsland in die Kinos. Dabei schreien die Bilder von Kameramann Peter Deming und die von Trank geschriebenen Szenen geradezu nach der großen Leinwand. Nicht ganz ein Jahr nachdem der Film in den USA im Internet seine Premiere feierte, ist er in Deutschland nun auf DVD, Blu-ray und als Video-on-Demand zu haben. Auf dem kleinen Schirm entfalten die wunderschön choreografierten Sequenzen zwar nicht annähernd dieselbe Wirkung wie im Kino, doch wir können uns vorstellen, wohin Trank damit steuern wollte.

So unzuverlässig wie Fonse“ Capones Erinnerung ist die Narration des gesamten Films. Immer wieder führt uns Trank hinters Licht. Schon der Auftakt, in der die Hauptfigur mit einem Schürhaken bewaffnet durch die Hausflure schleicht, mutet wie eine Szene aus einem Thriller oder Horrorfilm an und entpuppt sich als Versteckspiel mit Kindern. Später steigt Capone in den Keller seiner Erinnerungen hinab. Dort wartet ein glamouröser Auftritt von Louis Armstrong (Troy Anderson), aber auch eine unappetitliche Szene. Und auch bei seinem alten Weggefährten Johnny (Matt Dillon), den er um Hilfe bittet und auf sein Anwesen einlädt, geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.

Dass Trank seinen Film völlig um seine Hauptfigur kreisen lässt, ist (noch) keine Schwäche, dass er darüber die Nebenfiguren aus den Augen verliert hingegen schon. In den wenigen Momenten, die Linda Cardellini, Matt Dillon, Kyle MacLachlan oder Al Sapienza mit Hardy vor der Kamera teilen, sind sie großartig. Doch leider begreift Tranks Drehbuch ihre Figuren zu sehr als Erfüllungsgehilfen für Hardys einmal mehr beeindruckende Performance und zu wenig als Bausteine eines komplexen Dramas. Andernfalls hätte daraus ein wirklich grandioser Film werden können.

Was bleibt, ist trotzdem sehenswert – und gewagt. Denn für den nächsten Blockbuster dürfte sich Trank mit diesem Film nicht bewerben. Dafür ist Capone zu eigenwillig, zu theatral, zu sperrig. Eine letzte Arie unter der Sonne Floridas, in der Realität, Erinnerung und Paranoia kunstvoll miteinander verschwimmen. Ein Drama wie im Delirium.

Ob Tom Hardy mit dieser Rolle das mediale Bild Capones nachhaltig prägen wird, bleibt abzuwarten, ist aber nicht anzunehmen. Dafür dürfte es Tranks Film schlicht und einfach an Reichweite fehlen – und an den Vorlieben des Publikums. Denn wir erinnern selbst Antihelden lieber in der Blüte ihres Lebens wie Robert De Niro im eingangs erwähnten Auftritt in Brian De Palmas Die Unbestechlichen (1987) als am ernüchternden Lebensende. Warum eigentlich? Spannend ist Tranks Dekonstruktion des Gangstermythos allemal.

Capone (2020)

Nach zehn Jahren im Gefängnis ist Al Capone mittlerweile 47 Jahre alt und leidet unter beginnender Demenz sowie unter seiner von Gewalt geprägten Vergangenheit.

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