A Tale of Three Sisters (2019)

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In seiner neuen Arbeit „A Tale of Three Sisters“ beschäftigt sich Emin Alper mit dem Leben einer Familie in einem anatolischen Bergdorf – und den Zwängen, denen sich die Mitglieder unterworfen sehen.

A Tale of Three Sisters (2019)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Zwischen Märchen und Sozialdrama

„A Tale of Three Sisters“ – die dritte Regie- und Drehbucharbeit des türkischen Filmemachers Emin Alper – beginnt mit einer Fahrt auf einer Serpentinenstraße. Die Fahrt endet in einem abgelegenen Bergdorf in Anatolien. Ein Mädchen mit Tränen in den Augen wird dort abgesetzt und begibt sich in eine Hütte.

Erst nach und nach erfahren wir die Hintergründe dieser Eröffnungssequenz. Havva (Helin Kandemir) lebte als Pflegekind und Dienstmädchen bei einer Familie, wird nach dem frühen Tod des Sohnes der Familie jedoch zu ihrem verwitweten Vater Şevket (Müfit Kayacan) zurückgeschickt. Auch Şevkets älteste Tochter Reyhan (Cemre Ebüzziya) wohnt wieder in der kleinen Hütte, nachdem sie bei ihrem Aufenthalt in einer Pflegefamilie schwanger wurde. Rasch wurde Reyhan daraufhin mit dem einfältig wirkenden Hirten Veysel (Kayhan Açikgöz) verheiratet, der sowohl von seinem Schwiegervater als auch von seiner Gattin zumeist verspottet wird. Kurz nach Havvas Ankunft taucht zudem Şevkets dritte Tochter Nurhan (Ece Yüksel) wieder auf: Weil sie sich im Umgang mit einem der Kinder zu grob verhielt, ist ihr Pflegevater Necati (Kubilay Tunçer) unzufrieden mit ihr.

Wenn Şevket und Necati gemeinsam mit dem Dorfvorsteher (Hilmi Özçelik) darüber debattieren, was mit den drei titelgebenden Schwestern passieren soll, während die jungen Frauen selbst kaum Einfluss auf ihre eigene Zukunft nehmen können, zeigt Alper deutlich die Grausamkeit des Patriarchats auf. Es gelingt dem Film auch, in einigen seiner zahlreichen Dialogpassagen eine spürbare emotionale Spannung zu erzeugen – etwa wenn sich Veysel uneingeladen zu den drei Männern hinzugesellt, um den Stadtmenschen Necati um Arbeit zu bitten. Wie der mittellose Viehhüter seine Not schildert und sich – leider wenig geschickt – darum bemüht, seine Chance auf ein besseres Dasein für sich, seine Ehefrau und deren Kind zu ergreifen, ist von großer Dringlichkeit. Hier werden existenzielle Angst und soziale Ungerechtigkeit sehr pointiert illustriert.

Ebenso werden diverse familiäre Probleme glaubhaft angerissen. Die eher ungewollt wiedervereinte Familie lebt auf engstem Raum; nur der Vater hat ein eigenes Schlafzimmer – der Rest muss zusammen im Wohnbereich an der offenen Feuerstelle nächtigen. Reyhan, Nurhan und Havva wollen so bald wie möglich wieder weg von hier – und auch Şevket möchte das Trio schnell wieder loswerden. Es herrschen raue Sitten; zwischen den Schwestern gibt es oft eher ein Gegeneinander statt ein Miteinander. So ist A Tale of Three Sisters zum einen ein klassisches Familiendrama mit gesellschaftskritischen Tönen, das auf eine Katastrophe zusteuert und nach einem Zeitsprung dessen Konsequenzen einfängt. Von geschwisterlicher Rivalität über den Kampf gegen Krankheit bis hin zur Hoffnung auf Vergebung nach schwerer Schuld werden dabei etliche Themen behandelt – und doch vermag der Film nicht durchweg für sich einzunehmen. Die szenische Auflösung beschränkt sich zuweilen zu sehr auf eine Abfolge von Nah- und Großaufnahmen im Schuss-Gegenschuss-Prinzip; der Aufarbeitung der Vergangenheit sowie den Diskussionen über die gegenwärtige Situation haftet in vielen Momenten etwas Theaterhaft-Dröges an.

Zum anderen lässt sich Alpers Werk allerdings auch als bitteres Märchen auffassen – zumal eine genaue zeitliche Einordnung des Geschehens schwierig ist. Wenn sich die Inszenierung dem Heulen des Windes, den bedrohlichen Geräuschen der Nacht oder dem Knistern des Feuers widmet, wird das Gespür des Regisseurs für die Umgebung erkennbar. Einmal verschwinden alle Menschen aus den Bildern und die Kamera folgt den umherkrabbelnden Skorpionen, die sich in der Hütte einnisten. Ein paar starke Aufnahmen der herbstlichen und später winterlichen Landschaft, die in ihrer Schönheit einen Kontrast zur Tristesse bilden, oder von einer Purzelbäume schlagenden Nachbarin hat A Tale of Three Sisters zu bieten. In der Ausleuchtung orientierte sich Alper am Chiaroscuro-Stil aus der Spätrenaissance- und Barockmalerei, wodurch die märchenhafte Atmosphäre noch unterstützt wird. Visuelle Ambition sowie inhaltliche Relevanz und eine gewisse Trockenheit in der Entfaltung der Konflikte stehen sich somit gegenüber und ergeben einen nicht in jeder Hinsicht zwingenden, aber in Teilen durchaus sehenswerten Film über festgefahrene Strukturen.

A Tale of Three Sisters (2019)

Drei Schwestern aus einem armen Dorf in Zentralanatolien werden zu Pflegefamilien geschickt in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sie.

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