The Power of the Dog (2021)

Log Line

Jane Campion ist zurück und seziert Männlichkeit im untergehenden Wilden Westen.

The Power of the Dog (2021)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Spiel mir das Lied vom Seidentuch

Bei einem Picknick legt eine junge Frau ihre Hand auf die Schulter ihre frischangetrauten Ehemanns und versucht, ihm Walzerschritte beizubringen. Sie bewegen sich eine Runde zögerlich im Takt, dann kehrt er ihr den Rücken, damit sie seine Tränen nicht sieht: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich einmal nicht einsam sein könnte.“ Sie lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Die Kamera kreist um sie, fängt das Paar inmitten grüner Hügel ein. Kurz glaubt man, das könnte jetzt kitschig werden. Doch das ist nur eine falsche Fährte, die Jane Campion hier für ihre Zuschauer legt.

Mehr als zehn Jahre hat es gedauert, bis die neuseeländische Regisseurin einen neuen Spielfilm gedreht hat. Als Vorlage nahm sie sich nun für The Power of the Dog, der im Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig läuft, den gleichnamigen Roman des amerikanischen Autors Thomas Savage. Sie macht daraus einen Thriller, bei dem man auf jedes Detail achten sollte, um am Ende nicht völlig verdutzt dazusitzen. Wie jede gewitzte Regisseurin, gibt Campion schon zu Beginn alle Hinweise, wohin die Reise hier geht, man vergisst sie eben nur über all die Haken, die die Handlung wie ein Präriehase auf der Flucht schlägt.

Von denen, also den Hasen, kommen auch einige Exemplare im Film vor, denn die Handlung spielt in Montana 1925. Zwei Brüder leben auf einer großen Ranch. Phil (Benedict Cumberbatch) ist der Ältere, der die Farm mit viel Härte führt. George (Jesse Plemons) ist weicher, hat weniger Verständnis fürs wirtschaftliche, oder wie Phil nicht müde wird ihn zu erinnern, „noch nicht einmal das College geschafft“. Beide Männer könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Phil mit seinen Cowboys Rinder treibt, Felle gerbt und in abgetragenen Hemden herumläuft, deren Schnitte noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammen, ist George der Moderne erlegen. Er hat ein Auto gekauft, trägt feine Wollmäntel und weicht sich gern stundenlang in der Badewanne ein.

George versucht sich Phils Kontrolle durch die Heirat mit Rose (Kirsten Dunst), der jungen Witwe aus dem Nachbarstädtchen, zu entziehen. Auch sie sieht sich als moderne Frau in der Prärie. In ihrem Gasthof hatte sie ein Pianola aufgebaut, das regelmäßig von Gästen in Flapper-Hüten zum Tanz gespielt wurde. Schon beim ersten Besuch des Gasthofs sind die Fronten klar: Phil brüllt die Tanzenden an, ihn in Ruhe essen zu lassen und steckt sich mit den aus Papier-Blüten, die Roses Sohn ursprünglich für das Grab seines Vaters hinterm Haus gebastelt hat, eine Zigarette an. Den Jungen hält er für verweichlicht.

George wiederum tröstet Rose erst und bringt sie dann als Ehefrau in das große Haus seiner Familie am Rande der Berge — das kurz Picknick mit den Walzerschritten war ein Zwischenstopp auf dem Weg dorthin, für Rose soll es einer der wenigen Momente des Glücks sein. Denn einmal auf der Ranch angekommen, wird klar, dass Phil sie weder schätzt, noch akzeptiert. Sie sei nur hinter dem Erbe her, hat er seinen Bruder gewarnt. Als sie etwas verloren in der Eingangshalle der dreistöckigen Ranch steht und Phil freundlich als „Bruder“ begrüßt, weist er diese Anrede brüsk zurück.

Man müsste Phil als scheußliche Person ob all seines Verhaltens als scheußlichen Charakter empfinden. Benedict Cumberbatch sorgt dafür, dass man dieser Figur trotz allem Sympathien entgegen bringt. Er reißt den Film an sich, mal weil Campion ihm Gelegenheit dazu gibt (etwa wenn er den sinnlichsten Gebrauch eines Seidentuchs in der Filmgeschichte vollführen darf), mal weil er so viel mehr in diese Figur investiert, als Drehbuch und Regie ihm gegen haben können. Es ist schwer zu sagen, ob Campion all das, was er transportiert, überhaupt so in ihrer Geschichte haben wollte, an dieser Frage wird man sich wohl auch nach mehrmaligem Sichten des Films noch abarbeiten können.

The Power of the Dog hat definitiv genug interessante Einfälle, um ihn nicht nur einmal anzuschauen. Da ist die brillante Idee, das die Duelle hier über Instrumente statt wie im Western sonst üblich über Revolver ausgetragen werden. Das Vorspiel fand in Roses Gasthof am Pianola statt, das Phil als unwürdigen Krach abtat. Die endgültige Konfrontation wird über einem richtigen Flügel stattfinden. Rose hatte gegenüber George erwähnt, dass sie mal Piano gespielt hat, also lässt er Phils Cowboys das schwere Instrument durch den Schlamm ins Haus tragen. Einmal an den Tasten zeigt sich, dass Rose weder Talent noch Praxis hat. Phil beginnt sie mit einem Song zu tyrannisieren, den sie für einen Gouverneursbesuch spielen soll. Campion lässt Rose am Tasteninstrument gegen Phil auf seinem Banjo antreten. Cumberbatch macht daraus ein Duell der Instrumente, das sein Phil klar gewinnt — seine Finger fliegen über die Seiten, zupfen sie härter und immer schneller, dazu schießt er Blicke voller Verachtung auf Rose, die tödlicher treffen als Kugeln. Schwäche ist etwas, das er verachtet. Er gesteht sie sich nicht einmal selbst zu, den Grund wird man erst spät erfahren. Als Rose ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) während seiner Semesterferien auf die Farm holt, um sie aus ihren trüben Gedanken zu reißen, findet langsam eine Verschiebung der Machtverhältnisse statt.

Neben der brillanten Regie ist es auch das Spiel zwischen Smit-McPhee und Cumberbatch, das diesen Film so sehenswert macht. Sie ringen um Macht, spielen mit Verführung, kämpfen ums persönliche Glück, und tun das in höchster handwerklicher Kunst mal durch Blicke beim Ziehen an einer gemeinsamen Zigarette, mal beim Festzurren der Lederstreifen beim Fertigen eines Lassos, mal beim Jagen und Töten eines Präriehasen. Campion seziert anhand der beiden kaltblütig Vorstellungen von Sexualität und Männlichkeit, und sie tut es absolut meisterhaft.

The Power of the Dog (2021)

„The Power of the Dog“ ist die Adaption des gleichnamigen 1967er Romans von Thomas Savage und erzählt von zwei reichen Brüdern und Farmbesitzern mit gegensätzlichen Persönlichkeiten. Die Brüder Phil und George Burbank besitzen in den 1920er Jahren gemeinsam eine große Ranch in Montana. Als George heimlich die Witwe Rose heiratet, führt ein wütender Phil einen unerbittlichen Krieg, um sie zu vernichten, indem er ihren Sohn Peter als Schachfigur benutzt.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare