The Father (2020)

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Wenn alles verschwimmt: In der ebenso sensiblen wie bewegenden Leinwandadaption seines eigenen Theaterstücks taucht der französische Dramatiker Florian Zeller tief in die Wahrnehmung eines Demenzkranken ein und fordert dem Publikum dabei einiges ab.

The Father (2020)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Keine Gewissheiten mehr

Ähnlich wie manch andere verdiente Hollywood-Größe – man denke etwa an Robert De Niro – zeigt sich Leinwandlegende Anthony Hopkins im Spätherbst seiner Karriere nicht gerade wählerisch. In den letzten Jahren war der für seine Darbietung in „Das Schweigen der Lämmer“ mit einem Oscar bedachte Waliser wiederholt in anspruchslosen bis stumpfsinnigen B-Movies zu sehen. „Ruf der Macht – Im Sumpf der Korruption“, „Collide“, „Transformers: The Last Knight“ und der Ende August 2021 in Deutschland in die Kinos kommende Thriller „The Virtuoso“ sind Filme, die man schnell vergessen hat, die von Hopkins nicht verlangen, seine Fähigkeiten ernsthaft abzurufen. Dass er auch im fortgeschrittenen Alter noch zu furiosen Auftritten imstande ist, beweist der 1937 geborene Mime nun in der Bühnenadaption „The Father“ als renitenter, an Demenz erkrankter Rentner, der die Welt um sich herum immer weniger zu fassen kriegt.

Regiedebütant Florian Zeller lässt die Verfilmung seines eigenen weltweit gefeierten Theaterstücks Le Père halbwegs gewöhnlich beginnen: Anne (Olivia Colman) besucht ihren in einer gediegenen Londoner Wohnung lebenden Vater Anthony (Anthony Hopkins), nachdem sich dieser mit seiner bisherigen Pflegerin überworfen hat. Behutsam schwört sie ihn darauf ein, dass sie in Kürze der neuen Liebe wegen nach Paris ziehen werde und daher nicht mehr regelmäßig kommen könne. Ein Hinweis, der Anthony verwirrt und auch verunsichert, obwohl er Anne deutlich zu verstehen gibt, dass er alles unter Kontrolle habe. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt blitzt Hopkins‘ darstellerische Bandbreite auf, wirkt seine Figur doch gleichzeitig selbstsicher und verletzlich.

Für erste handfeste Irritationen – nicht nur bei Anthony – sorgt das Drama, dessen Drehbuch Zeller in Zusammenarbeit mit Christopher Hampton (Eine dunkle Begierde) verfasste, wenn der Protagonist urplötzlich in seinem Heim auf einen fremden Mann (Mark Gatiss) trifft, der sich als Paul, Annes Gatte, vorstellt. Tatsächlich befinde sich Anthony in der Wohnung des Paares, das ihn bei sich aufgenommen habe. Perfekt ist die Konfusion, als eine unbekannte Frau (Olivia Williams) nach Hause kommt, bei der es sich um Anne handeln soll. The Father – das wird in diesen Momenten deutlich – erzählt nicht in klassischer Manier von einem Demenzpatienten und seinen engsten Vertrauten, sondern taucht tief in die zunehmend getrübte Wahrnehmung des alten Mannes ein. Von kleinen Ausnahmen abgesehen dominiert die Perspektive Anthonys, die, bedingt durch die voranschreitende Krankheit, hochgradig unzuverlässig ist. Personen ändern, wie oben beschrieben, ihr Erscheinungsbild (nur wenig später schlüpft Rufus Sewell in die Rolle Pauls). Szenen und Äußerungen wiederholen sich. Sicher geglaubte Handlungsinformationen, zum Beispiel der anstehende Umzug nach Paris, werden plötzlich in Frage gestellt.

Der Film führt uns in ein Labyrinth aus falschen und verdrängten, auch traumatischen Erinnerungen, komplett erfundenen Erlebnissen und löst zum Ende hin nicht alle Unklarheiten auf. Selten zuvor wurde auf der großen Leinwand die Erfahrung eines an Demenz erkrankten Menschen derart konkret und eindringlich geschildert. Was es wirklich heißt, wenn auf einmal Gewissheiten wegbröckeln, wenn einem die Umgebung immer rätselhafter und unbegreiflicher erscheint, wenn kein Halt mehr in Sicht ist, arbeitet The Father mit einer dem Thema angemessenen Feinfühligkeit heraus. Parallel werfen Zeller und Hampton zudem Seitenblicke auf die Kraftanstrengungen, die Angehörige und Pflegepersonal unternehmen. Wie sich aus der Handlung herauslesen lässt, kümmert sich Anne mit großem Einsatz um ihren Vater, gerät dabei aber auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Welches Fingerspitzengefühl medizinische Fachkräfte benötigen, um auf einen Patienten mit schwindendem Gedächtnis beruhigend einzuwirken, wird mindestens an einer Stelle auf kraftvoll-berührende Weise unterstrichen.

Bei aller erzählerischen Balance ist die Bühnenadaption auf einen versierten Mimen wie Hopkins angewiesen, um ihre schmerzhafte Wucht vollends zu entfalten. The Father ist Schauspielerkino par excellence. Der Hauptdarsteller nutzt den Raum allerdings nicht, um sich mit effekthascherischen Mitteln zu profilieren. Egal, ob er Anthonys charmante, ulkige Seite, seinen Starrsinn, seine Wut, seine Verwunderung oder seine Verzweiflung zum Ausdruck bringen muss – nie entsteht der Eindruck, hier schiele ein Kinostar nach seinem nächsten Oscar. Gewonnen hat der Waliser im April 2021 seinen zweiten Academy Award ganz einfach deshalb, weil sein ehrliches Interesse am und sein Verständnis für das Schicksal der Figur in jeder Szene spürbar ist. Prägnant sind vor allem die kleinen Gesten, ein unsicheres Nesteln an der Kleidung oder ein gespielt verschämt auf den Mund gelegter Finger nach einer allzu offenherzigen Äußerung, die das Porträt des Demenzkranken lebendig machen. Viele Darsteller hätte der emotionale Ausbruch in den Schlussminuten heillos überfordert. Hopkins jedoch legt die beängstigende Erkenntnis Anthonys mit traumwandlerischer Sicherheit offen und trifft die Zuschauer*innen damit mitten ins Herz.

Obschon Zellers Regiedebüt von seiner zentralen Performance lebt, wartet das fast ausschließlich in statischen Einstellungen gedrehte Drama des französischen Dramatikers auch mit filmischen Qualitäten auf, die uns den Geisteszustand des alten Mannes veranschaulichen. Eine besondere Bedeutung kommt Peter Francis‘ ausgeklügeltem Szenenbild zu, das sich in kleinen Details immer wieder ändert. So begreifen wir nach und nach, dass sich im Kopf des Protagonisten verschiedene Orte zu einer Lokalität vermischen. Anthonys wachsende Orientierungslosigkeit drückt sich ferner aus, wenn er Türen in der Wohnung öffnet und durch sie unverhofft einen vollkommen neuen Schauplatz betritt. Nichts ist mehr sicher, alles im Fluss – und gerade darin liegt der Schrecken der Demenz.

The Father (2020)

Anne hat sich jahrelang um ihren 80-jährigen Vater Anthony gekümmert, doch nun verliert sie zunehmend die Geduld mit ihm. Anthony muss in der großen und geschmackvoll eingerichtete Wohnung in London betreut werden, denn er ist hochgradig dement. Anne erzählt ihm, dass sie nach Paris zieht, um dort mit dem Mann zusammen zu leben, den sie liebt. Als die attraktive neue Betreuerin Laura ihren Dienst antritt, überschlägt sich Anthony mit Komplimenten, doch Anne warnt sie, dass der alte Mann nicht immer so charmant ist. 

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Meinungen
Geli Breutel · 11.10.2021

Wir würden uns der Kritik von Frau Berenbold anschließen! Nach den Trailern die man im Fernsehen gezeigt bekam, um für den Film zu werben, bekam man dieses Hinundher nicht mit! Weil Hopkins den Oskar als männl. Hauptdarstarsteller gewonnen hatte und lange nicht in Filmen zu sehen war wollten wir uns den Film unbedingt ansehen! Aber dieses Durcheinander der Szenen haben wir auch ganz schwer verarbeiten können und haben uns immer nur wieder ganz groß angesehen!??! Ich habe mir vorgenommen ihn mir evtl. diese Woche nochmal anzusehen !??!

Michaela Berenbold · 21.09.2021

Hopkins war sehr gut aber ich kenne keinen Patienten der solche Halluzinationen hatte. Der Wechsel zwischen Realität und Einbildung fand ich anstrengend und eben nicht sehr glaubhaft.

Kommentare

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