The Card Counter (2021)

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Paul Schrader verhandelt in „The Card Counter“ die Trauma der jüngsten amerikanischen Geschichte und gibt Oscar Isaac eine Rolle, in der er alles überstrahlt.

The Card Counter (2021)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Schuld und Sühne am Pokertisch

Der schöne Nebeneffekt von Filmfestivals ist, dass man, wenn ein Schauspieler sehr fleißig war, seine Arbeiten einem direkten Vergleich unterziehen kann. Bei der 78. Biennale in Venedig ist Oscar Isaac unbestritten der fleißigste Schauspieler. Auf dem Filmfestival präsentierte er Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos „Dune“ (in dem er Paul Atreides’ Vater mit staatsmännischer Gravitas gibt) und die HBO-Miniserie „Szenen einer Ehe“ (in der er den hipsterbärtigen intellektuellen Ehemann mit Eheproblemen spielt), die herausragendste Rolle aber hat ihm Paul Schrader in „The Card Counter“ gegeben.

Mit schwarzer Lederjacke, Sonnenbrille, exakt gescheiteltem Haar und schmaler dunkler Krawatte durchstreift er darin als Wilhelm Tell Spielcasinos. Im Knast hat Tell das Abzählen von Karten gelernt, er nutzt sein Können beim Black Jack, um Summen mit nachhause zu nehmen, die noch keine Casino-Sicherheitsleute alarmieren. Isaac gibt dieser Figur die stoische Ruhe und Kraft, mit der Humphrey Bogart seinen Rick Blaine in Casablanca anlegte. Ein Mann, der zu viel vom Leben gesehen hat, um noch nach wilden Versuchungen zu suchen, ein Mann, der eigentlich nur seine Ruhe haben will und den dann doch die Vergangenheit wieder einholt. Für Tell kommt sie nicht in Gestalt einer schönen Frau hereinspaziert, sondern als junger Mann (Tye Sheridan), der mit ihm über seinen Vater reden will.

Schrader setzt hier fort, was er zuletzt in First Reformed tat: den Blick auf die Untiefen der amerikanischen Gesellschaft werfen und einen solchen Helden damit ringen lassen, wie man ihn sonst im zeitgenössischen Kino kaum mehr antrifft. Ging es in First Reformed um Klimawandel und den Kampf gegen die Umweltzerstörung durch Großkonzerne, so ist es hier der „Krieg gegen den Terror“, der Wunden in Familien über mehrere Generationen schlägt. Schrader spart dabei auch Folterszenen nicht aus, inszeniert sie als Abu-Ghraib-Albtraum mit verzerrter Fischaugenoptik, dazwischen schneidet er Originalaufnahmen aus Nachrichtensendungen über die Folter durch US-Soldaten.

Dass dies nicht in Gewaltpornographie abdriftet, wie sie andere Filme im Wettbewerb um den Goldenen Löwen in Venedig zeigen (im von der ukrainischen Regierung mitfinanzierten Film Reflexion sieht man minutenlanges Gemetzel mit Bohrmaschinen), liegt zum einen daran, dass sie hier nicht um des reinen Gemetzels willen zu sehen sind, sondern politisch einen Punkt unterstreichen und im Gesamtkunstwerk des Films durchaus einen Sinn ergeben, denn Schraders Geschichte will auf die alten Konflikte zwischen Rache und Vergebung hinaus.

Zudem setzt Schrader der Brutalität Schönheit entgegen, seine Bilder lassen an Gemälde alter Meister denken. Die Spieler an einem Pokertisch werden arrangiert und ausgeleuchtet wie Leonardo da Vincis Letztes Abendmahl. Am Ende bewegen sich in der schönsten Szene des Films die Finger eines Liebespaares in Detailaufnahme aufeinander zu, erinnern an Michelangelos Die Erschaffung Adams — nur dass hier kein Gott im Spiel ist und das Paar durch eine Glaswand getrennt bleibt.

Vor allem aber fesselt dieser Film bis zur letzten Auflösung des Plots an den Kinosessel, weil Isaacs Talent alles überstrahlt. Jede Geste Wilhelm Tells, jede Szene dieser Figur spricht von der Beherrschung, die diesen Mann unter Strom setzt. Durch Isaacs Performance zieht sich knisternde Energie, deren Spannung sich entladen will. So etwas spielte sonst Robert de Niro. Hat man es in seinen früheren Rollen nur geahnt, so weiß man es nun mit Sicherheit: Oscar Isaac gehört zur A-Liga der Charakterdarsteller.

The Card Counter (2021)

William Tell ist ehemaliger Soldat und heute ein Spieler. Er zieht von einem Casino zum anderen, als er eines Tages von Cirk angesprochen wird. Er nimmt den jungen Mann unter seine Fittiche, und gemeinsam planen sie, die World Series of Poker in Las Vegas zu gewinnen.

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