Little Girl (2020)

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Sébastien Lifshitz will mit seinem Film vor allem eins: Erklären, dass Transidentität nicht erst mit der Pubertät entsteht oder nur mit Sexualität zu tun hat, sondern dass sie auch für ganz kleine Menschen eine Rolle spielen kann. So für Sasha, ein achtjähriges Mädchen in einem Jungenkörper.

Little Girl (2020)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Kleine Tochter, große Mutter

Sasha fühlt sich seit langem als Mädchen: Seitdem sie drei, vier Jahre ist, träumt sie davon, ein Mädchen zu sein. Was sie einmal werden wolle, wenn sie groß ist? Ein Mädchen, ganz klar. Als Mutter Karine ihr eines Tages antwortet, dass das nicht gehen wird, dass Sasha nie ein Mädchen sein würde, stürzt für den kleinen, damals vierjährigen Jungen eine Welt zusammen. Der Mutter kommen noch heute die Tränen, wenn sie daran denkt. Man merkt, dass sie diesen Moment noch genau vor Augen hat. „Dort ist es gewesen“, erzählt sie. Und man spürt das Bedauern, den Schmerz und die Unsicherheit darüber, ab welchem Zeitpunkt sie das Falsche getan haben könnte.

Little Girl ist ein Film über die mittlerweile achtjährige Sasha, ein Kind, das sich fühlt wie ein Mädchen, aber im Körper eines Jungen geboren wurde. Mehr aber noch ist Sébastien Lifshitzs Dokumentation ein Film über die Familie eines Transgenderkindes, über die Eltern und vor allem über die Mutter von Sasha. Sie ist es, die erzählt, von ihren Ängsten, Sorgen, Zweifeln spricht. Und einmal mehr wird deutlich: Elternsein hat viel mit Entscheidungen zu tun und mit dem permanenten Zweifeln daran, ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

 

Als sie mit Sasha schwanger war, erzählt Karine, habe sie sich so sehr ein weiteres Mädchen gewünscht. Vielleicht sei das der Grund für Sashas unbändigen Wunsch, ein Mädchen zu sein. Immer und immer wieder formuliert sie diese Frage, die ihr seit Jahren Kopfzerbrechen zu bereiten scheint. Als sie mit Sasha dann endlich zu einer auf Transgender-Themen spezialisierten Psychologin geht, ist die Kamera von Lifshitz mit dabei und dokumentiert, wie die Ärztin in einem kurzen, aber klaren Satz sagt: „Nein“ – damit habe das nichts zu tun. Karine kommen die Tränen, man merkt ihr direkt an, wie der Ballast, den sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, von ihr abfällt. Sie hält das Weinen zurück, lächelt Sasha an, und doch merkt man, wie sehr das alles aus ihr herausbrechen möchte: das jahrelange Grübeln, Sich-Vorwürfe-Machen, der Kampf um ein möglichst unbeschwertes Leben für ihr Kind.

 

Die große Leistung von Lifshitz` Film ist, dass er in solchen Momenten dabei und sehr nah dran ist an seinen Figuren. Er fängt mit großer Vorsicht und liebevoller Rücksicht auf seine Protagonisten die Intimität der Familie ein, und man merkt dem Film an, dass der Regisseur das unbedingte Vertrauen der Familie gewonnen hat. Mit Bedacht portraitiert er die sechsköpfige Familie, die aus der Situation um Sasha einen großen Zusammenhalt entwickelt hat. Karine, eine Löwenmutter wie aus dem Buch, ist Vorbild auch für ihre anderen Kinder, die ihre Mutter, ihre Eltern unterstützen in jedem Moment, ihnen zureden und sie bestätigen, die aber auch Sasha schützen und verteidigen wollen. Sie halten zusammen und wollen hauptsächlich eins: Dass Sasha glücklich ist und ihr Leben so leben kann, wie es gut für sie ist.

 

Für die Familie ist der Film ein Wagnis, ebenso wie auch der Kampf gegen die Schule, die sich gegen das Mädchen Sasha sperrt. Immer geht es darum, sich zu erklären, für Offenheit und Toleranz zu werben und klarzumachen: „Sasha fühlt sich so, lasst sie doch bitte so sein!“ Little Girl begleitet die Familie über ein Jahr, registriert die Erfolge, aber auch die Niederlagen im Kampf gegen Inakzeptanz. Mit seinem Film wolle er vor allem erklären und verständlich machen, was Transidentität sei, erklärte Sébastien Lifshitz bei der Premiere des Films auf der Berlinale. Dass sie nicht erst mit der Pubertät entstehe oder mit Sexualität zu tun habe, sondern dass es Menschen wie Sasha gebe, die schon ganz früh merken, dass sie anders sein wollten. Aber alleine durch seine Begleitung gelingt Lifshitz natürlich mehr, unterstützt er Sasha, ihre Familie und all diejenigen, die eine ähnliche Situation erleben.

 

Ein wenig schade ist, dass man von Sasha selbst so wenig und daher nur indirekt über ihre Gedanken und Gefühle erfährt, aber das ist auch nicht verwunderlich. Man merkt schon in den wenigen Szenen, in denen das Kind selbst zu Wort kommt, wie schwer es ihm fällt, mit Außenstehenden über sich, über seine Situation, über seine Ängste und Wünsche zu sprechen. Wie es Sasha geht und was sie glücklich macht, kann man darüber hinaus anhand von kleinen Augenblicken entdecken, die der Film einfängt: Wenn sie ein Kleid trägt, wenn sie nicht mehr versteckt, sondern ganz offensichtlich als Mädchen gekleidet in die Schule gehen darf, und wenn sie tanzt. Mit Rock, Pferdeschwanz und Schmetterlingsflügel, ganz in sich und den Tanz versunken, hier sieht man dem Mädchen dabei zu, wie es mit sich im Reinen und ganz es selbst ist. Diese Szene an den Schluss zu stellen, hat natürlich eine große emotionale Wirkung, etwas früher im Film wäre sie aber noch wirkungsvoller gewesen. Dann hätten Karines Erzählungen noch mehr Kraft gehabt.

Little Girl (2020)

Das berührende Porträt der achtjährigen Sasha, die ihr Geschlecht in Frage stellt und damit zum Teil verstörende Reaktionen einer Gesellschaft hervorruft, die noch immer in einem biologistischen Junge-Mädchen-Denken verhaftet ist.

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