Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist (2020)

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Bereits 2020 bei der Berlinale, aber erst im August 2021 im Kino: Zum Glück hat es Sabine Herpichs Dokumentarfilm noch dorthin geschafft. Hinter dem ungewöhnlichen Titel verbirgt sich große Kunst.

Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im Auge des Betrachters

Es gibt Filme, die ihre volle Wirkung erst allmählich entfalten. Sabine Herpichs Dokumentarfilm über die Berliner Kunstwerkstatt Mosaik, einem Atelier für Menschen mit Behinderung, sickert beim Betrachten ganz langsam ein. Auf den ersten Blick scheinen weder die gezeigte Kunst noch Herpichs filmische Herangehensweise beachtlich. Am Ende war es ein Erlebnis, den Künstler:innen gemeinsam mit der Regisseurin bei ihrer täglichen Arbeit über die Schulter geblickt zu haben.

„Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst“, wusste schon Johann Nestroy. Und vermutlich hat jeder bei einem Museumsbesuch schon einmal in dieselbe Richtung gedacht. „Das könnte ich auch“, sagt sich’s dann lapidar. Selbst zum Pinsel greifen und es besser machen, käme einem trotzdem nie in den Sinn. Bei der Rezeption von Sabine Herpichs Film könnte man auf ähnliche Gedanken kommen. Die eingangs gezeigten Bilder sehen auf den ersten Blick wie Kinderzeichnungen aus, bevor sich sukzessive offenbart, was hinter ihnen steckt.

Die Kunst und deren Produzenten sind Herpich vertraut. Mit David (2016) und Ein Bild von Aleksander Gudalo (2018) hat die Filmemacherin bereits zwei Künstlerporträts vorgelegt. In ihrem neuen Film nimmt sie eine ganze Gruppe und deren Arbeitsumfeld in den Blick. Die Kamera, von Herpich selbst geführt, fungiert als stiller Beobachter. Sie lässt den Porträtierten Luft zum Atmen. Sie nimmt sich Zeit für lange Einstellungen. Ihre Ruhe erzeugt eine meditative Qualität. Die Konzentration auf den kreativen Prozess wird nur ab und an unterbrochen, wenn Herpich etwas aus dem Off fragt oder wenn die Protagonist:innen von sich aus ein Gespräch mit ihr beginnen.

Nach und nach schälen sich Routinen und Kontinuitäten heraus. Herpich kehrt zu sechs Protagonist:innen zurück, zwei Künstlerinnen, zwei Künstlern und zwei Betreuerinnen, eine davon die Leiterin der Kunstwerkstatt. Die prominentesten darunter sind Adolf Beutler und Suzy van Zehlendorf, die beide bereits mehrfach ausgestellt haben und deren Werke gute Preise erzielen. Denn auch darauf kommt es an. Wie andere Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist auch diese darauf angewiesen, ihre Produkte zu verkaufen. Dafür bedarf es Assistenz, die oft schon damit beginnt, Ablenkungen zu vermeiden und mit sanftem Nachdruck den Fokus zu schärfen.

Beutler und van Zehlendorf könnten kaum unterschiedlicher sein. Während der über 80-Jährige kaum mit der Außenwelt kommuniziert, sprudelt es aus der Enddreißigerin nur so heraus. Und während Beutlers Bilder akribisch ausgearbeitete, abstrakte Wunderwerke sind, nimmt van Zehlendorf die Kunstgeschichte und deren hochheilige Stätten ganz konkret auf die Schippe. Ihr aktuelles Werk beschäftigt sich mit dem Berliner Bode-Museum. Van Zehlendorf hasst das Gebäude so abgrundtief, dass sie es als „Skulpturen-Gefängnis“ im Miniaturformat nachbaut. Ihre bekanntesten Bilder zeigen Hähne, die sich anstelle der Menschen in berühmte Gemälde schleichen. Van Zehlendorf redet nicht nur, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sie malt auch so.

Schon das Thema dieses Films ist spannend. Seine Dramaturgie macht ihn zu einem intensiven Erlebnis. Alle Zusammenhänge ergeben sich beim Zusehen. Und der Werdegang einiger Protagonist:innen, den sich Herpich für den Schluss aufgespart hat, trifft einen mit voller Wucht. Unerwartete Ansichten und Einsichten in eine Welt, die vielen bislang verborgen war.

Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist (2020)

„Kunst kommt aus dem Schnabel, wie er gewachsen ist. Kunst wirkt entgiftend. Kunst kann man nicht umarmen. Kunst heißt der Hahn.” – schreibt Suzy van Zehlendorf auf die Frage, was für sie Kunst ist. Suzy van Zehlendorf ist eine von 16 KünstlerInnen, die ich in der Spandauer Kunstwerkstatt für Menschen mit Behinderung kennengelernt habe. Von Montag bis Freitag arbeiten sie dort – und Arbeit definiert sich hier als Lohnarbeit. Denn die Kunstwerkstatt ist Teil einer ganzen Palette von Werkstätten: zu normalen Arbeitszeiten und gegen Entgelt werden hier Tische hergestellt, Kabel konfektioniert und Auftragsarbeiten für die Industrie erledigt. In der Kunstwerkstatt wird Kunst hergestellt – zu denselben Bedingungen. Kunst zu machen ist hier eine gleichberechtigte Arbeit, und die Aufgabe der MitarbeiterInnen der Kunstwerkstatt ist es, den KünstlerInnen assistierend zur Seite zu stehen. Weil sich die KünstlerInnen mittlerweile einen Namen gemacht haben, agiert die Kunstwerkstatt zugleich wie eine Agentur und ist damit Teil des Kunstmarkts, in dem international mit Kunstwerken gehandelt wird.

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Meinungen
Tobias Büchner · 18.02.2020

Ein wunderschöner Film über Kunst und wie sie entsteht.

Kommentare

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