Die Ausgrabung (2021)

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In seiner starbesetzten Romanverfilmung „Die Ausgrabung“ erzählt Simon Stone von einem historisch bedeutsamen archäologischen Fund in Ostengland – und von einer verbindenden, grenzüberschreitenden Leidenschaft.

Die Ausgrabung (2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Verborgenes zum Vorschein bringen

Freundschaft und Liebe, Sympathie und Zuneigung, Respekt und Bewunderung. Es haben sich im Laufe der über 125-jährigen Geschichte des Kinos viele Konventionen entwickelt, wie diese Gefühle in Bilder gefasst werden können. In Simon Stones „Die Ausgrabung“ wird die entstehende Nähe zwischen der jungen Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) und dem eigenbrötlerischen Archäologen Basil Brown (Ralph Fiennes) durch eine gemeinsame Begeisterung eingefangen: für die Möglichkeiten, unter der Erde etwas zu entdecken. Die Gesichter von Basil und Edith, die aus Gründen immer wieder von Traurigkeit und Verletzungen erzählen, glühen in all den Momenten, in denen die beiden über archäologische Funde sprechen. Und die Erdtöne, in die der Film das Geschehen taucht, lassen auch uns an dieser Wahrnehmung teilhaben.

Die Ausgrabung basiert auf dem 2007 veröffentlichten Roman The Dig von John Preston. Der Autor schildert darin eine wahre Begebenheit, die zur größten archäologischen Entdeckung auf britischem Festland führte. Im Jahre 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, beauftragt Edith Basil damit, die Hügelgräber auf ihrem Landsitz in Sutton Hoo zu untersuchen. Edith lebt dort mit ihrem kleinen Sohn Robert (Archie Barnes) und ahnt bereits, dass sie schwer krank ist. Basil gilt als unorthodox – und weiß um seinen Wert als guter Ausgräber. Bald stößt er auf Ediths Gelände tatsächlich auf Außergewöhnliches: ein vergrabenes angelsächsisches Schiff, das völlig neue Erkenntnisse über das frühe Mittelalter liefern könnte. Dies ruft auch das British Museum unter Leitung des snobistischen Charles Phillips (Ken Stott) auf den Plan.

Das Drehbuch von Moira Buffini nimmt die multiperspektivische Erzählweise von Prestons literarischer Vorlage auf, wodurch der Film zuweilen etwas unfokussiert anmutet. Während er sich zunächst ganz auf Basil und Edith konzentriert, rückt später die Museumsmitarbeiterin Peggy Piggott (Lily James) in den Mittelpunkt, die mit ihrem Gatten Stuart (Ben Chaplin) zu Phillips’ angereistem Team zählt. Die junge Frau, deren Vorbild Prestons Tante ist, durchlebt in den Tagen in Sutton Hoo eine Emanzipation. Der Konflikt zwischen Stuart und Peggy sowie die sprühenden Funken zwischen Peggy und Ediths attraktivem Cousin Rory (Johnny Flynn) sind klassischer Stoff für solides Historienkino, das sich gelegentlich in Kitsch-Gefilde wagt.

Über den Durchschnitt gediegener Unterhaltung wird Die Ausgrabung indes durch die anfänglich zentralen Figuren Basil und Edith gehoben. Der 1985 geborene Regisseur Simon Stone, der schon in seiner Henrik-Ibsen-Adaption Die Wildente ein Talent für die Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen demonstrierte, zeigt uns, wie das geteilte archäologische Interesse die Klassenunterschiede zwischen der wohlhabenden Witwe und dem Ausgräber vergessen lässt. Die womöglich aufflammenden romantischen Empfindungen werden eher subtil angedeutet. Als Edith erfährt, dass Basil das Abendessen mit ihr absagen muss, da überraschend dessen Ehefrau May (Monica Dolan) in Sutton Hoo aufgetaucht ist, verharrt die Kamera überraschend lange auf Ediths enttäuschtem Gesicht, während auf der Tonspur bereits ein Dialog zwischen Basil und May zu hören ist.

Dieses Spiel mit Bild und Ton kommt noch häufiger zum Einsatz. In Kombination mit der Weite der Landschaft, den goldgelben Feldern im Sonnenlicht und den zahlreichen Aufnahmen des Himmels könnten Erinnerungen an Terrence Malick (In der Glut des Südens, To the Wonder) erweckt werden. Die Ausgrabung bleibt aber entschieden bodenständiger. Die warmen Farben, die Schönheiten der Natur, die emotionalen Verflechtungen, sie verlassen doch nie die Wirklichkeit, die vom ausbrechenden Krieg geprägt wird. Auch ist Stones Werk nie nur ein hübsches historisches Ausstattungsstück. Der Alltag der Figuren, der Matsch, die Gefahr, all das ist spürbar – ebenso wie die Verdrängung des Einzelnen, wenn es plötzlich um Prestige geht. Nicht zuletzt weisen der Film und dessen Vorlage auf Basils Leistungen hin, die über mehrere Dekaden hinweg keinerlei Erwähnung fand.

Die Ausgrabung (2021)

Während der Zweite Weltkrieg auszubrechen droht, beauftragt eine vermögende Witwe (Carey Mulligan) einen Hobbyarchäologen (Ralph Fiennes) damit, die Hügelgräber auf ihrem Landsitz zu untersuchen. Als die beiden eine historisch bedeutende Entdeckung machen, hallt der Geist der britischen Vergangenheit angesichts einer ungewissen Zukunft nach.

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