Das Neue Evangelium (2020)

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Jesus als Aktivist, der sich für Migrant*innen einsetzt: In einer Verschränkung aus Dokumentarfilm und Drama bringt der Schweizer Regisseur Milo Rau eine Woche vor Weihnachten sein „Neues Evangelium“ heraus – zunächst nur als digitale Kinoauswertung.

Das Neue Evangelium (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ecce homines

Milo Rau ist für politisches Theater und Kino bekannt. In seinem neuen Projekt stellt er die Frage, wie Jesus und seine Jünger heute aussähen und welche Botschaft sie unters Volk brächten. Dabei kommt Rau zu naheliegenden Antworten. An einem dem Kinopublikum altbekannten Ort führt er seine Erkenntnisse auf aufregende Weise zusammen. 

Dieser Ort hat ein biblisches Alter. Die süditalienische Stadt Matera wurde 251 Jahre vor unserer Zeitrechnung gegründet. Und weil sich dort seither nicht viel verändert hat, ganz im Gegensatz zum biblischen Jerusalem, geben die uralten Gemäuer immer wieder die Kulissen für Bibelfilme ab. Pier Paolo Pasolini hat Das 1. Evangelium – Matthäus (1964) hier gedreht und Mel Gibson Die Passion Christi (2004). Jüngst wandelte Rooney Mara als Maria Magdalena (2018) durch Materas enge Gassen. Wenn der Schweizer Regisseur, Theaterautor und Essayist Milo Rau sich nun ebenfalls für diesen Drehort, dem auch schon James Bond und Wonder Woman einen Besuch abstatteten, entscheidet, hat das noch einen anderen Grund. Unweit des malerischen Städtchens befand sich während der Dreharbeiten eine große provisorische Geflüchtetenunterkunft. Hollywood-Glanz und das Elend der Ausgebeuteten – hier in Matera liegen sie nah beieinander.

Wer über Jesu Botschaft nachdenkt, kommt schnell zu dem Schluss, dass dieser antike Revoluzzer, der die Obrigkeit mit Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit herausforderte, sich wohl auch in unserer Gegenwart politisch engagieren würde. Dementsprechend hat Milo Rau seine Hauptrolle mit dem Aktivisten Yvan Sagnet besetzt. Sagnet stammt aus Kamerun und verdingte sich nach seiner Ankunft in Europa als Tomatenernter, bevor er 2011 ein Studium an der polytechnischen Universität von Turin aufnahm und begann, sich für die Rechte seiner Leidensgenoss*innen einzusetzen und „die mafiösen Strukturen in der Agrarindustrie“ zu bekämpfen, wie es Sagnet in einem Fernsehinterview formuliert.  

Sagnet zur Seite stehen Maia Morgenstern als Jesu Mutter Maria, die Morgenstern schon bei Mel Gibson spielte, und Enrique Irazoqui. Der im September 2020 verstorbene Italiener gab bei Pasolini die Hauptrolle und spielt bei Rau Johannes den Täufer. Wenn Pasolinis Heiland bei Rau nun seinen filmischen Nachfolger tauft, dann ist das einer von vielen gelungenen Einfällen dieses ambitionierten Unterfangens.

Raus Werke halten mit ihren Ambitionen nicht hinterm Berg. Das hat ihm nicht nur Bewunderung und Lob, sondern auch Kritik eingebracht. Gerade dieser Anspruch, die Probleme unserer Welt in knapp zwei Stunden nachzuzeichnen, das System dahinter zu hinterfragen und Lösungen aus der Misere aufzuzeigen, macht seinen neuen Film aber so sehenswert – zumal Rau die Konflikte während der Dreharbeiten und seine eigene Eitelkeit stets miterzählt. Narrativ wechselt Raus Film mühelos zwischen den Ebenen hin und her. Der Regisseur erklärt nichts, und das Publikum versteht doch alles. Dabei lernt es mal Amüsantes, etwa über die Selbstwahrnehmung von Politikern, wenn Materas Bürgermeister in Raus Film lieber Simon von Cyrene, den die Römer dazu zwangen, Jesu Kreuz zu tragen, als Pontius Pilatus spielt. Mal erhält das Publikum ernüchternde bis erschreckende Einsichten.

Das Neue Evangelium ist weit davon entfernt, ein perfekter Film zu sein. Doch gerade aus der Unvollkommenheit und Künstlichkeit seiner Mischform zieht er seine Kraft. Ein pulsierendes Stück Kino, in dem die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Inszenierung permanent verschwimmen. Einmal lässt Rau einen Bewerber bei einem Casting die Rolle als Jesu Folterer improvisieren. Was aus dem Mann herausbricht, ist besorgniserregend. All der Rassismus und die Menschenverachtung können in diesem Moment freilich nur gespielt sein. Doch wo nimmt ein Laie, der sich für die Rolle in einem Film bewirbt, all das auf Knopfdruck her? Dass Rau das Casting in einer Kirche abhält, setzt dem Ganzen die Krone auf. 

Die Botschaften, auf die Rau mit Szenen wie dieser abzielt, sind plakativ, verfehlen aber nicht ihre Wirkung. Zwischen Christi Lehre und den Taten derjenigen, die sich Christen nennen, klafft zwar nicht immer, aber eben allzu oft eine eklatante Lücke. (Wie viel Leid in Christi Namen über die Menschheit gebracht wurde, schwingt ganz nebenbei natürlich auch noch mit.) Die Botschaften, die Yvan Sagnet und seine Mitstreiter*innen von der „Rivolta della Dignità“ („Aufstand der Würde“) verbreiten, sind ebenso simpel. Sagnet und Co. wollen bessere Arbeitsbedingungen, bessere Unterkünfte, gerechte Löhne, endlich Papiere und Legalität, kurzum: dieselben Rechte wie diejenigen, für die sie auf den Feldern tagtäglich das täglich Brot produzieren. All das ist nicht neu. Aber vielleicht ist es nötig, dieses neue alte Evangelium in Europa, das sich so gern auf seine christlichen Wurzeln und Werte beruft, unermüdlich aufs Neue zu verkünden.

Das Neue Evangelium (2020)

Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Regisseur Milo Rau („Das Kongo Tribunal“) kehrt in der süditalienischen Stadt Matera zu den Ursprüngen des Evangeliums zurück und inszeniert es als Passionsspiel einer Gesellschaft, die geprägt ist von Unrecht und Ungleichheit. Gemeinsam mit dem Politaktivisten Yvan Sagnet, der Jesus verkörpert, erschafft Rau eine zutiefst biblische Geschichte. Nach Jesus‘ Vorbild kehrt Yvan als „Menschenfischer“ in das größte der Flüchtlingslager bei Matera zurück. Unter den dort Gestrandeten, findet er seine „Jünger“. Verzweifelte, die über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, um auf den Tomatenfeldern Süditaliens versklavt zu werden und dort unter unmenschlichen Bedingungen in regelrechten Ghettos hausen – allein in Italien sind das mehr als 500.000 Menschen. Gemeinsam mit ansässigen Kleinbäuerinnen und -bauern begründen sie die „Revolte der Würde“ („The Revolt of Dignity“), eine politische Kampagne, die für die Rechte von Migrantinnen und Migranten kämpft.

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