Ammonite (2020)

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Francis Lees “Ammonite” versucht, zwei Seelen in einer Brust zu vereinen. Das wird dem englischen Regisseur fast zum Verhängnis. Dass er nicht stolpert, verdankt er vor allem seinem Kameramann Stéphane Fontaine.

Ammonite (2020)

Eine Filmkritik von André Pitz

Schrei durchs Megafon

Eine Dienstmagd wischt akribisch den in klaren quadratischen Formen gefliesten Boden. Doch dann wird die geometrische Ordnung gestört, ein paar Männer tragen etwas in den Raum und laufen dabei die Magd fast über den Haufen. Keine halbe Minute dauert diese Szene an, mit der “Ammonite” eröffnet wird. Kein Wort wird gesprochen. Und doch reicht dieser kleine Moment, um den Rahmen mit all seinen Implikationen, die Regeln dieser Welt im Viktorianischen England des 19. Jahrhunderts abzustecken. Es ist die Form von ausdrucksstarkem Minimalismus, der Regisseur Francis Lee (“God’s Own Country”) für den Rest des Films erfolglos hinterherjagt.

Der Dienstmagd ähnlich aus den geordneten Fugen geraten ist auch Charlotte Murchisons (Saoirse Ronan) Leben. Sie kämpft ganz offensichtlich gegen mindestens mal eine mittelschwere depressive Episode, ist blass wie ein Geist und wirkt so fragil, als ob sie der nächste Windzug davon wehen könnte und sie nicht einmal etwas dagegen einzuwenden hätte. Der Arzt hat ihr gegen die “Melancholie” viel Ruhe, frische Luft und Baden im Meer verschrieben. Also reist ihr Mann Roderick (James McArdle) mit ihr an die Südküste Englands – jedoch offensichtlich nur aus rein egoistischem Interesse, wie schnell klar wird.

Denn Roderick bewegt sich in London im Umfeld der geologischen Gesellschaft, ist fasziniert von Gesteinen und hat deshalb das verschlafene Nest im Süden der Insel nicht ganz zufällig ausgesucht. Denn dort arbeitet Mary Anning (Kate Winslet) als Fossiliensammlerin. Dabei ist sie offensichtlich eine Koryphäe, denn ihr Ruf eilt ihr bis nach London voraus. In Saus und Braus leben kann sie davon trotzdem nicht. Denn während von ihr zusammengetragene Skelettteile eines Sauriers sogar im British Museum ausgestellt werden, muss sie ein Leben voller Entbehrungen führen. Tagein, tagaus stapft sie über den schroffen Steinstrand an der Steilküste, lässt sich vom Sturm den Wind ins Gesicht und die brechenden Wellen gefährliche nahe heran peitschen, zum Essen gibt es ein paar wenige Löffel Eintopf und mit etwas Glück hat das Huhn ein verwertbares Ei gelegt.

Mary scheint sich mit diesem Trott abgefunden zu haben und nimmt deshalb nur widerwillig ein Angebot Rodericks an. Der will Charlotte bei Mary abladen, seine Frau könne sich ja bei gemeinsamen Spaziergängen am Meer erholen. Mary nimmt an, denn das Geld ist knapp und die versprochene Bezahlung verlockend. Während sich die beiden Frauen zuerst nur anschweigen und vorsichtig beäugen, brechen beide schon bald aus ihren gewohnten Mustern aus. Charlotte schafft es, die Schatten ihrer Depression mehr und mehr zu verdrängen, Mary lässt zunehmend Nähe zu.

Regisseur Francis Lee inszeniert die zaghafte Annäherung dieser beiden vermeintlich grundverschiedenen Frauen mit Hilfe einer visuellen Metapher nach der anderen. Da hackt eine Krähe am Wegesrand die harte Schale auf, um ans Innere der Nuss zu kommen. Da schnürt ein Korsett ihrem Mann gleich Charlottes Atemluft ab. Da kündigen singende Vögel und blühende Blumen bessere Zeiten an. Und da ist der große Stein, der ein seltenes Fossil verbirgt, der nur zu zweit mit vereinten Kräften aus dem Schlamm gezerrt werden kann.

Ist diese Metaphorik einmal durchblickt, lässt sie sich an jeder Ecke in Ammonites Universum wiederfinden. Lee spielt vor, ein im Subtext komplexes Drama ablaufen zu lassen, schreit bei genauerem Hinsehen jedoch über weite Strecken regelrecht in ein Megafon. Das zeugt von wenig Vertrauen in die eigenen Darstellerinnen und visuelle Ausdruckskraft. Dabei lässt Lee von Kameramann Stéphane Fontaine (Jackie) die fast schon lebensfeindlich anmutende Südküste Englands mit der poetisch-düsteren Anmut eines Gemäldes von William Turner einfangen, bietet den gewaltigen Bildern jedoch wie seinen Figuren nur wenig ausgeruhte Momente zum Sein. Es fehlt die Erotik der erst zögernden, dann immer länger verweilenden Blicke. Es fehlt das regelrechte Suhlen in Momenten der Verzweiflung, der Spannung, dem explosionsartigen Ausbruch der Gefühle. Es fehlt Freiraum, in dem das Publikum angemessen in die behauptete Gefühlswelt eintauchen, selbst ihre Luft atmen kann.

Ob das jedoch überhaupt Francis Lees Ziel war? Denn Ammonite erzählt letztlich viel klarer über den Kampf zweier Frauen um echte Selbstbestimmung und -verwirklichung – und von den schmerzlichen Opfern, die auf diesem Weg mitunter zu erbringen sind. Das Problem: Das steht in permanentem Kampf um Aufmerksamkeit mit der durch ein Megafon geschrienen Liebesgeschichte zwischen Mary und Charlotte. Was scheinbar als zwei symbiotische Stränge erdacht wurde, sind im Ergebnis zwei Standpunkte, die sich gegenseitig Stöcke in die Speichen werfen. Das tut deren für sich stehende Aussagekraft nur bedingt Abbruch, jedoch leben zwei Seelen in der Brust von Ammonite, die Lee vorher besser hätte zusammenführen sollen.

Ammonite (2020)

Im 19. Jahrhundert, mitten im viktorianischen Zeitalter, arbeitet die gefeierte, aber nicht anerkannte Fossiliensammlerin Mary Anning allein an der rauen Südküste Englands. In den Tagen ihrer berühmten Entdeckungen sucht sie nach Fossilien, die sie an Touristen verkaufen kann, um sich und ihre kranke Mutter zu ernähren. Als ein wohlhabender Kunde Mary mit der Pflege seiner Frau Charlotte betraut, kann sie es sich nicht leisten, sein Angebot abzulehnen. Trotz einer anfänglichen Distanz zwischen den beiden Frauen und aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen Klassen und Persönlichkeiten, entwickelt sich zwischen ihnen eine zunehmend intensive Bindung. Sie müssen die wahre Natur ihrer Beziehung bestimmen.

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Meinungen
wignanak-hp · 03.03.2022

Es stimmt, dass der Film eigentlich zwei Geschichten erzählt und wenn die eine, die um den Kampf um Selbstbestimmung, noch einigermaßen glaubhaft wirkte, so war für mich die Liebesgeschichte aufgesetzt. Wie schon in der Besprechung geschrieben, fehlte die langsame Annäherung, fehlte die Glaubhaftigkeit des Begehrens.
Der offene Umgang mit dem nackten Körper ist übrigens ahistorisch. Man hatte Sex unter der Bettdecke oder im Nachthemd. Nacktheit war verpönt. Das Zeigen des nackten Fußes – wie im Film auch sehr schön angedeutet – war schon etwas Frivoles. Wie kommt eine so verknöcherte Frau wie Mary plötzlich dazu, so freizügig Sex zu haben? Das ist unglaubwürdig oder es hätte viel stärker vorbereitet werden müssen. Es gab sehr viele schöne Einstellungen, vor allem die Naturszenen waren exzellent und die Mutter-Tochter-Szenen waren eindrücklich. Aber insgesamt hat mich die Geschichte nicht überzeugt.

Felix Alt · 10.11.2021

Ein stiller Film - aber absolut sehenswert mit außergewöhnlichen Schauspielerinnen
#,kinopremieren

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