Verräter wie wir

Verräter wie wir

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Amateure in den Bergen

Es ist eine für einen Spionagethriller fast klassische Ausgangslage: Ein Russe will zu den Engländern "überlaufen" und bietet im Austausch für die Einreise und Aufenthaltsgenehmigung Informationen an. Allerdings ist der Kalte Krieg vorbei und der Russe kein Spion, sondern der oberste Buchhalter der Vory, der "Diebe im Gesetz". Dahinter verbirgt sich – vereinfacht gesagt – die russische Mafia, eine Organisation verschiedener regionaler Verbände, deren Regeln und Codices auf die Zarenzeit und insbesondere die Stalin-Ära zurückgehen. Dima (Stellan Skarsgård) ist nun bereit, zum Verräter zu werden, um seine Familie zu schützen. Denn die Zeiten ändern sich auch bei den Verbrechern: Der russische Staat will mit den Vory zusammenarbeiten, dafür müssen sämtliche Verbindungen zu offensichtlichen Verbrechern beseitigt werden. Dimas Vertrauter wurde bereits ermordet – und er weiß, dass auch er sterben wird, sobald er alle Unterschriften zur Übergabe der Geldwäsche-Konten geleistet hat.
Das ist ein moderner Ansatzpunkt für einen Spionagethriller, ein Fall, der auf die Vermischung von Geheimdiensten, Verbrecherbanden und Politik hinweist. Damit der Einstieg in diese Welt einfacher fällt, gibt es den unbeteiligten Helfer, mit dem der Film Verräter wie wir beginnt: Das englische Ehepaar Gail (Naomie Harris) und Perry (Ewan McGregor) urlaubt in Marrakesch – und gerät wie schon das Ehepaar McKenna in Hitchcocks Der Mann, der zuviel wusste zwischen die Fronten. Während eines Abendessens in einem Restaurant streiten sie sich, Gail verlässt das Restaurant, weil sie noch arbeiten muss, Perry wird von Dima angesprochen, begleitet ihn auf eine Party und verabredet sich am nächsten Tag zu einem Tennis-Match. Hier erfährt er, dass er Dimas einziger Ausweg ist: Selbst streng bewacht von organisationsinternen Gegenspielern, soll Perry die Information an den MI6 übermitteln.

Es erfordert schon ein gewisses Maß an gutem Glauben, dass Perry so bereitwillig mit den stark angetrunkenen Männern an dem Abend weiterzieht, auf der Hochglanz-Party inmitten von Prostituierten, Koks und Alkohol immer noch nicht ahnt, wo er mit wem gelandet ist – und dann auch noch mit nur wenigen Blessuren davonkommt, als er einen hochrangigen Vory-Gangster verprügelt, weil dieser eine Frau vergewaltigt. Auch reicht es anscheinend aus, bei der Passkontrolle zu sagen, man wolle mit dem MI6 sprechen, um Kontakt zu bekommen. Schon das ist in der gleichnamigen Vorlage von John Le Carré um einiges schwieriger und raffinierter, dort wird beispielsweise an die alte Spionagetradition der Rekrutierung an Elite-Colleges angeknüpft. Aber diese Ausgangssituation ist nur der Auftakt zu einer Reihe von Einfällen des Drehbuchs von Hossein Amini, die den Plot unnötig schwächen: Finstere Gestalten schauen zwar die gesamte Zeit misstrauisch in den Rückspiegel, Gespräche im Wagen werden aber nicht abgehört – oder Aufenthalte geortet. Auf der Flucht und in dem geheimen Versteck von Dima und seiner Familie kommt weder jemand auf die Idee, den Kindern die Handys wegzunehmen, noch scheint der Gegenseite eingefallen zu sein, dass es nicht schwer ist, Handys zu orten. Auch lassen sich Gail und Perry ohne Weiteres überreden, in einem Pariser Banlieue auszusteigen, weil im Wagen zu warten unsicherer wäre. Diese Sequenz hat indes nur die Funktion, einen Wandel in der Beziehung zwischen Perry und Gail einzuläuten. Es ist eine scheinbare Modernität, die hier Einzug gehalten hat: Gail verdient als Strafverteidigerin nämlich mehr Geld als Perry, der Poetik an der Londoner Universität lehrt. Deshalb wird er nicht nur von dem Russen Dima belächelt, sondern auch sein Selbstwertgefühl ist angeknackst. Doch sie ist eindeutig die taffere und cleverere von beiden: Immerhin kommt sie wenigstens auf die Idee, das Papier durchzulesen, das sie auf Geheiß des MI6 unterschreiben sollen. Aber Perrys Selbstwertgefühl wird nun auf dem denkbar einfachsten Weg wieder hergestellt: Er verteidigt Frauen! Nicht seine Ehefrau, sondern die Frauen, die von den bösen Russen misshandelt werden. Und als seine Ehefrau sieht, wie heldenhaft ihr Mann einschreitet, wird auch sie wieder daran erinnert, welch Gentleman er ist. Dass er sie mit einer seiner Studentinnen betrogen hat, gerät ins Hintertreffen.

Diese Darstellung einer scheinbar progressiven Beziehung sowie die Schwächen des Plots sind an sich schon ärgerlich, hinzu kommt aber, dass sämtliche Änderungen, die im Vergleich zum Buch vollzogen wurden, den Film altmodischer und einfacher erscheinen lassen. Das Tennisspiel, durch das alles eingefädelt wird, wird im Buch mehrfach aufgegriffen, im Film ist es ein bloßes Ereignis, das abgehakt werden muss. Die MI6-Agenten Hector (Damian Lewis) und insbesondere Luke (Khalid Abdallah) haben bei Le Carré eine Vergangenheit und Gegenwart, die nicht erst mit dem Kennenlernen von Perry und Gail beginnt, sondern in ihren Karrieren spiegelt sich die Wandlung der Geheimdienste. Im Film geht es letztlich um eine persönliche Abrechnung. In der Beziehung zwischen Gail und Perry ist nicht eine Affäre der Verrat, vielmehr entpuppt sich Wissen und Nicht-Wissen als entscheidendes Vertrauensquell. Natürlich musste das Erzählprinzip des Buches aufgelöst und verändert werden, auch musste die über 400 Seiten lange Handlung gestrafft werden. Aber wie schon in Corbijns Le-Carré-Verfilmung A Most Wanted Man geschieht es auf Kosten der Komplexität, die hier zugunsten einer Hauptfigur geopfert wird, deren Identifikationspotential allenfalls behauptet wird.

Verräter wie wir

Es ist eine für einen Spionagethriller fast klassische Ausgangslage: Ein Russe will zu den Engländern "überlaufen" und bietet im Austausch für die Einreise und Aufenthaltsgenehmigung Informationen an. Allerdings ist der Kalte Krieg vorbei und der Russe kein Spion, sondern der oberste Buchhalter der Vory, der "Diebe im Gesetz".
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