The Truth (2019)

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Fabienne (Catherine Deneuve) ist ein großer französischer Schauspielstar und sieht dem Ende ihrer Karriere entgegen. Die Autobiografie ist schon geschrieben, aber mit der Wahrheit hat sie es nicht so. 

The Truth (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Im Herzen der Kino-Poesie

Die Wahrheit liegt bekanntlich immer im Auge des Betrachters und in Hirokazu Kore-edas neuem Film „The Truth“ ist die Wahrheit deshalb eine ganz schöne variable Angelegenheit. Denn Fabienne (Catherine Deneuve) ist eine der ganz großen Diven, eine der letzten legendären französischen Schauspielerinnen, die weiß, dass die Wahrheit eigentlich niemanden interessiert. Vielmehr ist es das Magische, das Poetische, angereichert hier und da mit einem Funken Ehrlichkeit, die die Geschichten — egal ob im Kino oder im Leben — spannend machen.

The Truth ist Hirokazu Kore-edas erster Film, den er nicht in Japan und auf japanisch gedreht hat. Schuld daran ist unter anderem Juliette Binoche, die, als wäre Catherine Deneuves Mitwirken nicht schon Grund genug, deren Tochter Lumir spielt. Binoche war es, die Kore-eda einlud in Frankreich und mit ihr zu drehen. Und dieser hatte schon eine Idee in der Tasche, die hervorragend passen sollte: Eine große Schauspielerin ist am Ende ihrer Karriere angekommen und lässt diese noch einmal Revue passieren. Ihre Biografie ist soeben erschienen und zum Entsetzen ihrer Tochter, ihrer Freunde und zahlreicher Liebhaber hat sie ihr Leben darin in Sachen Wahrheit sehr freizügig beschrieben.

Eine tolle Mutter war sie, eine großzügige Kollegin und treue Ehefrau. Zumindest auf dem Papier. Doch nun trifft sich die ganze Familie in ihrem Haus in Paris, um sich doch ein bisschen mehr der Wahrheit zu widmen und Fabienne bei den Dreharbeiten zu ihrer wahrscheinlich letzten Rolle zu unterstützen. Und schon das Haus ist so wunderbar als Metapher für Fabiennes Leben. Die große Villa aus Stein mit dem voluminösen Garten ist ein Traum. Doch schaut man genauer hin, liegt sie zwar in Paris, aber mitten zwischen der Metro und einem riesigen Gefängniskomplex, der nur von einer Mauer abgeschirmt wird. Sobald im Herbst die Blätter fallen, enthüllt sich diese eher missliche Lage des ehemaligen Prunkbaus, ganz so, wie Fabienne auch ihre Blätter langsam fallen lässt.

Vor allem durch ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche), die liebevoll aber eindringlich darauf beharrt alte Erinnerungen noch einmal neu zu evaluieren, kommen nach und nach Bruchteile der Wahrheit zum Vorschein. Aber nicht nur Fabiennes, sondern die der ganzen Familie.

The Truth ist Ensemblestück der intimen Art, ganz so wie Kore-eda gern arbeitet und es zuletzt äußerst erfolgreich in The Shoplifters (Goldene Palme 2018) tat. Meist im Haus oder am Set erlaubt er seinen Figuren sich in aller Ruhe und mit viel emotionaler Tiefe den Feinheiten und Verwicklungen des Lebens zu widmen und diese zumindest ein Stück weit aufzuarbeiten. Doch der Film geht inhaltlich über die Familiengeschichte weit hinaus.

Kore-edas Werk ist auch eine stille, liebevolle und oftmals sanft-humorige Kontemplation über das Kino selbst. Was macht die Poesie des Kinos eigentlich aus? Es ist, soviel ist klar, nicht die Wahrheit, die sie antreibt, sondern der Schein. Es ist das Betrachten des Lebens auf eine ganz bestimmte, leicht entrückte Art, das den kleinen Momenten des Lebens einen Mehrwert poetischer Art verleiht und sie zu Metaphern macht, die Bilder mit sich bringen mit denen man in seiner Fantasie zu fliegen vermag. Genau damit spielt The Truth auf kluge Art und Weise. Ein bisschen Wahrheit, ein bisschen Deneuve, die sich selbst spielt — aber dann wieder ein Schein, eine Geschichte, die aus Realität Fantasie macht, die mehr bedeutet, mehr berührt, die universell ist und Menschen zu bewegen vermag.

Und gleichsam ist diese Doppelbödigkeit, die hier behutsam kreiert und nie versteckt wird, auch ein Geschenk an das Kino und an das Publikum, denn selten erlebt man einen Film, den man als Film genießen kann und dabei gleichzeitig zwei so großartigen Schauspielerinnen wie Deneuve und Binoche dabei zuzusehen vermag, wie sie ihr Handwerk und ihr Können nutzen, um sich gegenseitig augenzwinkernd die Bälle zuzuwerfen. Und dies so gekonnt eingefangen von Kore-eda selbst, dass man nahtlos von der Admiration des Schauspiels in ein Lachen und Weinen übergehen kann, das von den Figuren und nicht den berühmten Interpretinnen herrührt, die in das Spiel ein- und wieder auftauchen, wie es ihnen gefällt.

Kurzum: The Truth ist ein Phänomen, gleich Film und Hommage an den Film und seine poetische Kunst.

The Truth (2019)

Catherine ist ein Star des französischen Kinos. Sie herrscht über die Männer, die sie bewundern und sie lieben: ihren neuen Partner, ihren früheren Ehemann, ihren Agenten. Als sie ihre Memoiren veröffentlicht, kehrt ihre Tochter Juliette mit ihrem Ehemann und ihrem Kind aus den USA zurück, wohin sie eigentlich geflohen war, um ihrer dominanten Mutter zu entkommen. Doch das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter wird schnell unangenehm, weil schnell jede Menge Wahrheiten und alte Rechnungen sowie Verletzungen auf den Tisch kommen.

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