Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war (2019)

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Palermo und die Mafia – eine unendliche Geschichte. Franco Maresco, selbst in Siziliens Hauptstadt geboren, spürt dem Verhältnis in seinem Dokumentarfilm nach. Sein Humor macht auch dieses Mal keine Gefangenen.

Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Absurdes Dokumentar-Theater

Franco Maresco ist ein Sarkast, ein berühmt-berüchtigter noch dazu. Die Fernsehserie Cinico TV, die er Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit Daniele Ciprì realisierte, ist Kult. Ihr Film „Totò, der zweimal lebte“ (1998) wurde in Italien verboten. Er war der Zensurbehörde vermutlich zu komisch (und nicht katholisch genug). Seit 2008 ist Maresco solo unterwegs und hat in den seither gedrehten Dokumentarfilmen das Lachen nicht verlernt. Auch bei Marescos neuem Film trifft es die Bezeichnung Dokumentar-Komödie aber eher.

Maresco wurde 1958 in Palermo geboren – im selben Jahr, in dem Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Leopard posthum erschien. Für seinen neuen Film ist Maresco ein weiteres Mal in die Stadt des Leoparden zurückgekehrt, um dem Einfluss der Mafia nachzuspüren. Die Ermordung der Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Während der Feierlichkeiten zum Gedenken an die zwei unermüdlichen Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen stürzt sich Maresco mitten ins Getümmel – und trifft dabei auf alte Bekannte.

Die Fotografin Letizia Battaglia ist eine davon. Sie ist nicht nur eine berühmte Tochter der Stadt, sondern auch eine Chronistin sizilianischen Lebens. Am einprägsamsten sind ihre Fotos über die Mafia und deren Opfer. Über den Zirkus, der für Falcone und Borsellino veranstaltet wird, schüttelt sie angewidert den Kopf und über den großen Rückhalt, den die Mafia in anderen Winkeln der Stadt bis heute besitzt, ungläubig. Der Rest sind wild hingeworfene Gesten und Beschimpfungen. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 83 Jahre jung, kommt Battaglia wie eine Naturgewalt über diesen Film. Mit bunt gefärbten Haaren reckt sie links wie rechts den Mittelfinger und fordert den Regisseur wiederholt auf, seine Zunge an ihren Allerwertesten zu heften, wofür sich dieser artig bei ihr bedankt. Es bleibt nicht das letzte angespannte Verhältnis, das für Erheiterung sorgt.

Wo in Palermo gefeiert wird, ist Francesco ‚Ciccio‘ Mira nicht weit. Der halbseidene Konzertveranstalter, der schon in Marescos Dokumentar-Komödie Belluscone, in der es eigentlich um Silvio Berlusconi gehen sollte, eine Hauptrolle einnahm, gerät abermals in den Fokus. Abseits des Stadtzentrums im Problemviertel ZEN (Zona Espansione Nord) stellt Mira ein Gedenkkonzert für Falcone und Borsellino auf die Beine. Doch weder ihm noch seinen Schlagersänger:innen kommt auch nur ein einziges kritisches Wort über die Mafia über die Lippen.

Der Regisseur macht sich fortan einen Spaß daraus, gebetsmühlenartig von allen Beteiligten zu fordern, sich vor seiner Kamera von der Mafia zu distanzieren. Die Ausflüchte reichen von hochnotpeinlich bis höchst amüsant. Dieses Verhalten wiederum reiche bis zu Homers Odyssee zurück, fantasiert Mira einmal schelmisch. Und ein anderes Mal gibt er eine Kindheitserinnerung zum Besten, die den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella, ebenfalls ein gebürtiger Palermiter, in kein gutes Licht rückt.

Franco Marescos neuer Film ist nicht ganz so wild wie Belluscone, aber erneut sehr sehenswert. Wie schon der Vorgängerfilm wechselt auch dieser jedes Mal von Farbe zu Schwarz-Weiß, wenn ‚Ciccio‘ Mira ins Bild kommt. Oder Mira sitzt als einzige farblose Figur inmitten seiner Schlagerriege, die eine unfreiwillig komische Welt für sich ist. Miras Star, der behauptet, nach einem Autounfall von niemand anderem als den verstorbenen Falcone und Borsellino aus dem Koma aufgeweckt worden zu sein, trifft seit seinem Unfall keinen Ton mehr. Das scheint aber weder ihn noch den Konzertveranstalter zu kümmern. Spätestens hier schüttelt auch das Kinopublikum ungläubig den Kopf.

Auch diesmal bietet Franco Maresco unzählige Szenen, die sich kein Gagschreiber besser hätte ausdenken können. Angesichts des ernsten Themas ist das eigentlich ein Trauerspiel, Marescos hartnäckiges Insistieren, unverschämtes Korrigieren und seine Lust, andere vorzuführen, machen daraus jedoch ein herrlich verrücktes Dokumentar-Theater.

Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war (2019)

An der Seite der Fotografin Letizia Battaglia und des Impressarios Ciccio Mira unternimmt der Film eine Reise nach Palermo, um dort zu erkunden, wie sich die Stadt unter dem Einfluss der Mafia und des Widerstands gegen sie geformt hat und wie sie dabei ist sich zu verändern.

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