Maria und Joseph

Maria und Joseph

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Moderne Variationen auf die Heilige Familie

Wenn der französische Filmemacher Jean-Luc Godard einen Film realisiert, der mit Je vous salue, Marie eines der bekanntesten katholischen Gebete als Titel führt, dessen Hauptfiguren Marie und Joseph heißen und der sich mit einer jungfräulichen Schwangerschaft und Geburt auseinandersetzt, dann ist krude bis kriegerische Kritik von kirchlicher Seite sicherlich keine Überraschung.
Noch bevor dieses Drama mit dem deutschen Titel Maria und Joseph, zu dem auch der einführend vorangestellte Kurzfilm Das Buch der Maria von Anne-Marie Miéville gehört, im Wettbewerb der Berlinale 1985 lief, griffen Empörungen und Entrüstungen um sich, die in Protestaktionen in den Kinos bei der Vorführung des Films gipfelten. Sogar Papst Johannes Paul II. sichtete damals das moderne Stück mit biblischer Thematik und verurteilte es als Beleidigung und Verletzung von religiösen Empfindungen zuvorderst aufgrund der ausführlichen nackten Präsentation einer unangemessen und unwürdig dargestellten Maria. Dabei gab es durchaus auch entschärfende bis positive Betrachtungen kirchlicher Kreise, wie die eine Auszeichnung bei der Berlinale zeigte, die von einer ehrenvollen Erwähnung im Rahmen des OCIC-Preises einer katholischen Jury begleitet wurde. Dass ein derartiger Aufruhr die persönliche wie öffentliche Rezeption eines Films kräftig beeinflusst, ist unvermeidlich und verortet das Kino immerhin angelegentlich als bedeutsames Element im diskursiven soziokulturellen Raum.

Während Das Buch der Maria die Geschichte des elfjährigen Mädchens Marie (Rebecca Hampton) erzählt, dessen Eltern (Aurore Clément, Bruno Crémer) gerade im Begriff sind, sich zu trennen und das durch seine außergewöhnliche Affinität zu anspruchsvollen poetischen und musikalischen Werken auffällt, handelt Maria und Joseph von der jungen Frau Marie (Myriem Roussel), deren Vater eine Tankstelle betreibt, und ihrem Freund Joseph (Thierry Rode), einem Taxifahrer.

Die sportliche Marie hat noch keinen Sex mit Joseph gehabt, der sie liebt und sich danach sehnt, während er die eindeutigen Avancen der attraktiven Juliette (Juliette Binoche) ablehnt. Da chauffiert Joseph eines Tages zwei seltsame Wesen vom Flughafen zur Tankstelle, die offensichtlich auf der Suche nach Marie sind: Einen Mann (Philippe Lacoste) und ein kleines Mädchen (Manon Andersen), die sich als Erzengel Gabriel in himmlischer Begleitung entpuppen und in der Mission unterwegs sind, der jungfräulichen Marie zu verkünden, dass sie ein Kind erwartet ...

Marie im Sportverein, beim Gynäkologen, bei der Arbeit an der Tankstelle, in Krisengesprächen mit Joseph und in der irritierenden Intimität ihres nackten Körpers – das sind die Bilder zwischen Alltagsleben und Mysterium, die Jean-Luc Godard als filmische Collage seiner Variationen auf das berühmte wie brisante biblische Thema präsentiert, ein wenig zusammenhangslos flankiert von eingeschobenen Episoden eines Professors (Johan Leysen), der mit einem Bündel Studenten Fragen der Evolutionstheorie durchexerziert und schließlich mit der hübschen Eva (Anne Gautier) amourös anbandelt.

In Kombination mit Das Buch der Maria erscheint Maria und Joseph umso stärker wie ein fragmentarisches, abstraktes Konstrukt mit interessanten Ansätzen, Aspekten und einigem Analysepotenzial, das allerdings in seiner kühlen Art eher Distanzen als Annäherungen zu den Protagonisten produziert und den für Jean-Luc Godard typischen, beizeiten satirischen bis bissigen Humor vermissen lässt, dessen Intentionen zwar punktuell durchaus auszumachen sind, aber innerhalb der wenig berührenden Gesamtschau allzu vage bleiben. Dass die unerotische Nacktheit und Versunkenheit Maries in ihren Körper als anstößig empfunden wurde, ist nicht unverständlich, steht aber in keinem angemessenen Verhältnis zur damaligen Skandalisierung dieses ungewöhnlichen, doch kaum provokativ orientierten Films, der wie ein experimentelles Projekt im Probestadium anmutet und dessen mitunter starke Bildsprache eine Symbolhaftigkeit anreißt, die leider überwiegend unverbindlich verpufft.

Maria und Joseph

Wenn der französische Filmemacher Jean-Luc Godard einen Film realisiert, der mit "Je vous salue, Marie" eines der bekanntesten katholischen Gebete als Titel führt, dessen Hauptfiguren Marie und Joseph heißen und der sich mit einer jungfräulichen Schwangerschaft und Geburt auseinandersetzt, dann ist krude bis kriegerische Kritik von kirchlicher Seite sicherlich keine Überraschung.
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