Freier Fall

Freier Fall

Eine Filmkritik von Holger Lodahl

Die Liebe zwischen zwei Polizisten

Im Jahr 2006 sorgte der Film Brokeback Mountain für erhebliches Aufsehen. Ang Lees Meisterwerk zeigt eine spröde und gleichzeitig intensive Liebe zwischen zwei Cowboys und beklagt durch das dramatische Ende die Homophobie in der Gesellschaft. Brokeback Mountain war ein überragender Erfolg. Merkwürdig aber, dass seither kein großer Film das Thema wieder aufgegriffen hat. War für die Filmemacher das Thema kommerziell ausgeschöpft, wollte sich niemand an Brokeback Mountain messen lassen, oder ist Schwulenfeindlichkeit und Diskriminierung noch immer ein Tabuthema?
Mit Freier Fall präsentiert Regisseur Stephan Lacant in der Berlinale-Reihe "Perspektive Deutsches Kino" nun seinen Film, der sich den Vergleich mit Brokeback Mountain gefallen lassen muss. Marc (Hanno Koffler) ist ein verheirateter junger Polizist. Sein Leben scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen. Seine Frau Bettina (Katharina Schüttler) erwartet ein Kind. Bei einer Fortbildung lernt Marc den Kollegen Kay (Max Riemelt) kennen. Die zwischen den beiden Männern entstehende Leidenschaft will Marc nicht wahrhaben. Er reagiert schroff, mit einem Faustschlag und mit einem Chaos seiner Gefühle. Beim gemeinsamen Lauftraining im Wald kommt es zum ersten Kuss. Nur widerwillig erkennt Marc, dass seine Zuneigung zu Kay nicht bloß vorübergehend ist. Die Männer beginnen eine heimliche Affäre – sich immer bewusst, wie brisant ihre Situation ist: brüchige Familienidylle hier, maskuliner und konservativer Polizeialltag da, und als geheimer Ort der Leidenschaft bleibt Kays Wohnung. Marc ist hin und hergerissen. Als Bettina immer misstrauischer wird und Kay mehr Zeit und Aufmerksamkeit einfordert, gerät Marcs Leben immer weiter aus den Fugen.

Für den Zuschauer ist die Story gut anzusehen, eine echte Überraschung bleibt bis dahin jedoch aus. Zu nah ist Freier Fall am Plot von Brokeback Mountain. Marc ist innerlich ähnlich zerrissen wie Heath Ledgers Figur Ennis del Mar in dem US-Film. Ebenso wie Ennis kann sich Marc nicht zwischen Familienleben und seinem Liebhaber entscheiden. Überzeugend sagt er: "Ich bin nicht schwul", und vermittelt dem Zuschauer glaubhaft, dass er Frau und Kind liebt. Parallelen gibt es auch zwischen Kay und Jack Twist (in Brokeback Mountain gespielt von Jake Gyllenhaal). Ebenso wie Jack bleibt auch Kay für den Zuschauer fremd. Woher Kay kommt, welche Freunde er hat und wo seine Familie lebt, bleibt unerwähnt.

Die Wende in Freier Fall kommt, nachdem sich Marc bei einer Mobbing-Attacke schützend vor Kay stellt und einen Faustschlag abbekommt. Im Krankenhaus beobachtet Marcs Mutter (Maren Kroymann), wie ihr Sohn seinen Kollegen küsst. Und so ist es die fassungslose Mutter, die das Drama in eine neue Richtung lenkt. Sie setzt Kay unter Druck, aus Marcs Leben zu verschwinden. Als schließlich Bettina ihren Mann verlässt, befindet sich Marc im freien Fall und weiß nicht mehr, was tun. Kann er sich zu Kay bekennen? Oder gibt er dem gesellschaftlichen Druck nach und versucht, mit Frau und Kind ein bürgerliches Leben zu führen?

Die anfängliche Ähnlichkeit zu Brokeback Mountain ist kein Nachteil für Freier Fall. Vor allem in der zweiten Hälfte seines Films gibt Lacant seiner Geschichte einen eigenen Charakter. Ein origineller Kunstgriff ist die Besetzung von Maren Kroymann als Marcs Mutter. Die Schauspielerin beklagte nach ihrem Coming Out vor einigen Jahren einen Karriereknick. Die Produzenten, so berichtete Kroymann, hätten ihr als lesbisch lebende Schauspielerin nicht mehr zugetraut, heterosexuelle Frauen zu verkörpern. Dass Kroymann nun die homophobe Mutter von Marc spielt, ist erfreulich. In der Filmwelt scheint die sexuelle Orientierung weniger bedeutend als noch vor wenigen Jahren. Bei der Polizei scheint dies nicht angekommen zu sein. Die Idee zu Freier Fall hatte Stephan Lacant, als ihm Karsten Dahlem, Mit-Autor des Drehbuchs, von Mobbing an homosexuellen Kollegen bei der Polizei berichtete. "Bei den Recherchen zu Freier Fall wurden wir nicht von der Polizei unterstützt", sagte Lacant nach der Premiere bei der Berlinale 2013. "Auch die Genehmigung für Dreharbeiten erhielten wir nicht." Und wenngleich das Ende von Freier Fall kein bedingungslos glückliches ist, so gibt der Film dem Zuschauer doch das Gefühl, dass Diskriminierung und Intoleranz rückläufig sind.

Freier Fall

Im Jahr 2006 sorgte der Film "Brokeback Mountain" für erhebliches Aufsehen. Ang Lees Meisterwerk zeigt eine spröde und gleichzeitig intensive Liebe zwischen zwei Cowboys und beklagt durch das dramatische Ende die Homophobie in der Gesellschaft. "Brokeback Mountain" war ein überragender Erfolg. Merkwürdig aber, dass seither kein großer Film das Thema wieder aufgegriffen hat. War für die Filmemacher das Thema kommerziell ausgeschöpft, wollte sich niemand an "Brokeback Mountain" messen lassen, oder ist Schwulenfeindlichkeit und Diskriminierung noch immer ein Tabuthema?
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Meinungen
Tim · 04.09.2013

Eine konfliktbeladene Liebesgeschichte. Ich habe auch eine. Hier ist sie et voilà: Ein Mann und eine Frau, beide in sexueller Hinsicht selbstbewußt und erfahren, die selten andere treffen, die genauso erfahren sind. Beide von einer plötzlichen Abneigung gegeneinander ergriffen, ein Gefühl, das sich, als sie es analysiert haben (und sie sind selbstanalytisch im höchsten Grade) als Abneigung gegen die eigene Person entpuppt. Sie haben ihre Spiegel gefunden, sehen sich genau an, schneiden eine Grimasse, verlassen einander. Wenn sie sich treffen, dann mit einer Art verzerrter Anerkennung, sie werden auf dieser Basis gute Freunde. Aber die Liebe ist ihnen verwehrt, wegen der ersten kalten Erfahrung, einer Erfahrung ohne Gefühl.

Josef Steinhuber · 15.08.2013

Film war superklasse und qulitativ hochwertig gemacht. Kompliment den Schauspelern.

Kommentare

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