Eye in the Sky (2015)

Eye in the Sky (2015)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Keine leichte Entscheidung

Töten per Knopfdruck, während man in Sicherheit vor einem Monitor sitzt. Seit Einführung der Drohnentechnik erinnern reale Kriegsschläge zunehmend an Aktionen aus einem Computerspiel. Bloß, dass am Ende tatsächlich Menschen sterben. Nicht selten unschuldige Zivilisten, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Diesem in der Politik heiß diskutierten Dilemma wendet sich der südafrikanische Schauspieler und Regisseur Gavin Hood (Ender’s Game – Das große Spiel, X-Men Origins: Wolverine) mit dem programmatisch betitelten Thriller-Drama Eye in the Sky zu. Einem starbesetzten, packend inszenierten und von Colin Firth produzierter Spielfilm, der nahezu in Echtzeit anhand einer einzigen Militäroperation viele drängende Fragen stellt und unterschiedliche Positionen auslotet. Umso bedauerlicher, dass es hierzulande nur zu einem Heimkinostart gereicht hat. Auch auf der großen Leinwand hätte sich dieser spannende Blick auf den Drohnenkrieg sicher gut gemacht.
Als die internationalen Geheimdienste den Hinweis erhalten, dass sich schon bald führende Mitglieder der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab – darunter auch eine britische Konvertitin – in einem Haus in Nairobi treffen, laufen die Vorbereitungen für eine Festnahme umgehend auf Hochtouren. Angeführt wird die durch diverse Behörden unterstützte Mission von Colonel Katherine Powell (Helen Mirren), die in einer Einsatzzentrale auf englischem Boden Kontakt zu den übrigen Beteiligten hält. Luftbilder des Einsatzareals in der kenianischen Hauptstadt liefert der Drohnenpilot Steve Watts (Aaron Paul), der mit seiner Kollegin Carrie Gershon (Phoebe Fox) in einem Bunker im US-Bundesstaat Nevada sitzt. Vor Ort in Nairobi wartet eine militärische Einsatztruppe auf den Befehl zum Zugriff, während der Spezialagent Jama Farah (Barkhad Abdi) mit kleinen Vogel- und Insektendrohnen in das Schlupfloch der Terroristen eindringt. In einem Konferenzraum in London verfolgen Lieutenant General Frank Benson (Alan Rickman), der Generalstaatsanwalt und einige Politiker über Video das Geschehen und tauschen sich wiederholt mit Powell über die Entwicklungen aus. Hektisch wird es, als auf den Bildern zu sehen ist, dass im überwachten Gebäude zwei Männer mit Sprengstoffwesten ausgestattet werden. Um einen verheerenden Anschlag zu verhindern, drängt die Einsatzleiterin darauf, die von den Amerikanern gesteuerte, mit Raketen versehene Drohne für einen sofortigen Angriff zu nutzen. Zwischen Benson und seinen Gesprächspartnern entbrennt allerdings eine Diskussion, da niemand die endgültige Verantwortung tragen will. Irgendwann erhält Powell dennoch grünes Licht, muss plötzlich aber mit ansehen, wie die kleine Alia (Aisha Takow) die Todeszone betritt, um am Straßenrand Brote zu verkaufen.

Das Szenario, das Drehbuchautor Guy Hibbert hier entwirft, wirkt wie eine präzise durchdachte Versuchsanordnung, die uns sorgsam alle möglichen Argumente für und gegen den Drohnenkrieg präsentiert. Was schnell zu einem spröden Thesenfilm hätte verkommen können, entwickelt sich, nicht zuletzt dank Gavin Hoods versierter Inszenierung, jedoch zu einem schweißtreibenden Thriller mit echten Emotionen. Schön zu sehen ist dabei vor allem, dass es keinen großen Actionhokuspokus braucht, um den Zuschauer 100 Minuten lang zu fesseln. Durch den ständigen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Schauplätzen etabliert der Regisseur eine mitreißende Dynamik, während der kammerspielartige Charakter des Geschehens für eine konstant beunruhigende Stimmung sorgt.

Diverse militärische und politische Entscheidungsträger befinden sich in schmucklosen Innenräumen und reiben sich in nervenzehrenden Diskussionen auf. Darf die als Festnahme deklarierte Mission aufgrund der akuten Anschlagsgefahr in eine Tötungsoperation umgewandelt werden? Müssen höhere Instanzen die Änderung absegnen? Oder sollte man so schnell wie möglich zuschlagen? Kann man für die Rettung vieler guten Gewissens ein Menschenleben opfern? Und wie steht es um die Außenwirkung eines Raketenabwurfs, sollten Zivilisten getroffen werden? Das sind nur einige der spannenden Fragen, die im Verlauf der Ereignisse in den Fokus geraten. Einfache Antworten – daran lässt Eye in the Sky keinen Zweifel – gibt es dabei nicht. Jede Haltung hat in der beschriebenen Situation irgendwie ihre Berechtigung, auch wenn der militärische Pragmatismus, den Powell und Benson an den Tag legen, mitunter erschreckend herzlos erscheint. Besonders deutlich wird dies, wenn die vorausschauende Katherine die von Steve Watts vorgebrachten Bedenken aushebeln will, indem sie die Wahrscheinlichkeit für Kollateralschäden einfach herunterrechnen lässt.

Selten stößt man auf einen Spielfilm, der schon mit seinen Dialogen eine unglaubliche Spannung erzeugt. Kommen wie in diesem Fall auch noch fähige Darsteller hinzu, die die Frustrationen, die moralischen Zweifel und die Ungeduld der Figuren glaubwürdig transportieren, entsteht eine Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. Will man etwas kritisieren, könnte man dem Thriller-Drama vorwerfen, dass es die US-amerikanischen Politikakteure durchweg als hemdsärmelige Krawallmacher darstellt, die keine Zurückhaltung kennen. Viel mehr zu meckern gibt es allerdings nicht. Im Gegenteil, Eye in the Sky zeigt pointiert und packend zugleich, wie moderne Kriegsführung aussieht, und schenkt auch den leidtragenden Menschen im Einsatzgebiet die nötige Aufmerksamkeit.

Eye in the Sky (2015)

Töten per Knopfdruck, während man in Sicherheit vor einem Monitor sitzt. Seit Einführung der Drohnentechnik erinnern reale Kriegsschläge zunehmend an Aktionen aus einem Computerspiel. Bloß, dass am Ende tatsächlich Menschen sterben. Nicht selten unschuldige Zivilisten, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
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