Das Wunder im Meer von Sargasso (2019)

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Eine kaputte Polizistin, die wegen einer ernsthaften Bedrohungslage aus Athen in die tiefste Provinz versetzt wurde und dort ein langweiliges Leben als Polizeichefin fristet, untersucht den scheinbaren Selbstmord eines Schnulzensängers und stößt auf schmutzige Geheimnisse.

Das Wunder im Meer von Sargasso (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Kein(e) Wunder

Wunder sucht man in Mesolongi, einem kleinen Ort mit großer Vergangenheit im Westen Griechenlands, vergebens. Vom einzigen Wunder, das von hier ausgeht, informiert eine Wissenschaftssendung, die einmal im Fernseher zu sehen ist und die zumindest den Titel, wenn schon nicht den tieferen Sinn von Syllas Tzoumerkas‘ erratischem Antikrimi enthüllt: Die Aale, die in die örtlichen Lagune hausen, gehen wie ihre Artgenossen auf eine mehr als einjährige Wanderschaft, die sie vom Süßwasser ihrer Heimat in den Atlantik und in die Sargassosee nahe der Bahamas führt, wo sie laichen und dann sterben. Klar, dass dieses Erklärstück fortan metaphernschwer über dem Film lastet. Denn dass Flucht der einzige Ausweg aus dem todlangweiligen Provinzkaff ist, hat man auch so recht schnell kapiert. Nur ist genau das gar nicht so einfach.

Zehn Jahre ist es her, dass Elisabeth (Angeliki Papoulia) nach einem Einsatz gegen militante Linksradikale auf deren Abschussliste geriet und zu ihrer eigenen Sicherheit zusammen mit ihrem Sohn nach Mesolongi in den Westen Griechenlands versetzt wurde, an einen Ort, der einerseits für seine Aalzucht und andererseits durch eine bewegte Vergangenheit bekannt ist: Während einer Belagerung durch die Türken im Jahre 1825 beging die Bevölkerung, die von den Angreifern ausgehungert werden sollte, kollektiv Selbstmord. Ein Ereignis, das bis heute fest zur nationalen bis nationalistischen Erinnerungskultur des Landes gehört.

Was Elisabeth in ihrer Agonie macht, gleich eher einen Selbstmord auf Raten: Sie hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Arzt, trinkt viel zu viel und raunzt sich derart aggressiv durch die Gegend, dass es wohl nur ihrer Position zu verdanken ist, dass sie überhaupt noch gesellschaftlich akzeptiert wird. Erst der Todesfall des lokalen Schnulzensängers, Clubbesitzers  und Möchtegern-Crooners Manolis (Christos Passalis) reißt sie aus ihrer Lethargie und bringt sie mit Rita (Youla Boudali), der Schwester des Verstorbenen in Berührung, die auf einer Aal-Farm arbeitet und mit der sie sich auf eigenartige Weise verbunden fühlt. Doch je mehr Elisabeth den Umständen des Todes von Manolis auf den Grund geht, desto schmutziger werden die Geheimnisse und Abgründe, die sie zutage befördert.

Entfernt erinnert Mesolongi an David Lynchs Provinzkaff Twin Peaks: Hier wie dort lauern unter dem Deckmäntelchen des Kleinstädtisch-Provinziellen Abgründe aus Sex, Gewalt und Inzucht, gedeihen in dem Sumpf aus Gemeinschaft und Kontrolle seltsame Blüten des Depravierten und Perversen, gibt es Hoffnungslosigkeit, Depression und Fluchtinstinkte, die sich aber nie erfüllen, sondern die stets nur ein Sehnen, ein Wollen bleiben werden.

Irgendwo im Niemandsland zwischen konventionellem Krimi, Anleihen bei David Lynch und Greek Weird Wave verheddert sich Das Wunder im Meer von Sargasso im Metapherngestrüpp und bleibt unentschlossen zwischen Genre und Ambition, Anspruch und Wirklichkeit, kruden Realismus und mythologischer Sublimierung hängen. Ein Film mit einigem Potenzial, zum Schneiden dicker Atmosphäre und einem bedauerlichen Desinteresse, seinen Figuren auf den Grund zu gehen und ihre Beweggründe plausibel oder zumindest nachvollziehbar zu machen. Am Ende fühlt es sich so an, als sei es Tzoumerkas nicht gelungen, aus eigentlich für sich genommen guten und stimmigen Zutaten einen mehr als nur auf interessante Weise gescheiterten Film zu kreieren.

Das Wunder im Meer von Sargasso (2019)

In einer Kleinstadt, in der Moral und Gesetz an Gültigkeit verloren haben, müssen sich zwei Frauen am eigenen Schopf auf dem Sumpf ziehen, um endlich in Frieden leben zu können.

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