Das Mädchen und der Kommissar

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In Claude Sautets „Das Mädchen und der Kommissar“ versucht Michel Piccoli, Romy Schneider zu manipulieren. Ein französischer Kriminalfilm, oftmals gefeiert als Meisterwerk des französischen Film noir. Und doch überzeugt er nicht vollends.

Das Mädchen und der Kommissar

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Hybris und Abscheu

Frustriert ist Max Pelissier (Michel Piccoli), immer wieder muss er Verbrecher laufen lassen, weil die Beweise fehlen. Früher war er Richter, nun will er es als Kommissar besser machen, damit die Schuldigen auch hinter Gittern kommen und dort bleiben. Sie auf frischer Tat zu ertappen, ist zu seiner fixen Idee geworden. Doch nun ist er wieder zu spät an dem Tatort eines Banküberfalls. Menschen starben, weil er auf einen unverlässlichen Informanten gehört hat. Dieser ist nun tot, die Bankräuber immer noch auf freiem Fuß. Dennoch gibt Max nicht auf, er folgt einer eigentlich unscheinbaren Spur zu einem Autohändler. Dort bemerkt er Abel (Bernard Fresson), mit dem er einst beim Militär war. Er inszeniert ein zufälliges Treffen, erfährt, dass Abel als Schrotthändler in Nanterre tätig ist und gelegentlich mit dem Diebstahl von Metall sein Einkommen erhöht. Beiläufig erwähnt Max, Abel solle nach Größerem streben – und nimmt sich vor, sich selbst zu einem großen Coup zu verhelfen, indem er Abel dazu bringt, einen Banküberfall zu begehen.

Das Mädchen und der Kommissar ist angelegt als eine Studie desillusionierter Charaktere, die durch Momente der Hybris zu Fall kommen. Offensichtlich ist es bei Max, der im Grunde genommen jedes Arbeitsethos verrät, indem er den an sich harmlosen Abel dazu bringen will, einen Banküberfall zu begehen. Hierfür manipuliert er Abels Freundin Lily (Romy Schneider), die als Prostituierte arbeitet. Sie hat nicht viel Glück gehabt im Leben, aber mit Abel läuft es gut, er behandelt sie gut, sie scheinen glücklich. Doch Max interessiert dies nicht, er will ein Zeichen setzen, er will einen Erfolg, deshalb gaukelt er Lily vor, er sei ein Bankier – und bringt sie dazu zu glauben, sie würde ihn manipulieren. Leider bleibt „das Mädchen“ hier ein Spielball, Eigenständigkeit wird mehr suggeriert als gezeigt. Denn sobald Lily ihrerseits versucht, Max zu manipulieren, ist er ihr einen Schritt voraus. Dagegen kann auch die Liebe nichts machen, die Max plötzlich für sie empfindet.

Dabei ist Max eine typische Gestalt des Film noir: ein desillusionierter Cop, der eine Gruppe Verbrecher zu einer Tat anstiftet und sich dann in die Freundin von dessen Anführer verliebt. Jedoch weiß Claude Sautet nur wenig mit ihr anzufangen. Max ist kontrolliert und distanziert, aber ihm fehlt jegliche Gebrochenheit – die bspw. bei Melville zu finden ist. Vergleich man Das Mädchen und der Kommissar aus dem Jahr 1971 mit dem ein Jahr zuvor entstandenen Vier im roten Kreis, so wird offenbar, dass Max‘ Motivation mit seiner Hybris weitaus einfacher gefasst ist. Sicherlich wird angedeutet, dass Max sich wünschen könnte, das einfache Leben von Abel und Lily zu zerstören. Immerhin propagiert er gegenüber Lily Sätze wie „Mit 40 muss man es geschafft haben, sonst ist es wirklich bitter“. Oder auch „Glück ist meistens eine Ausrede für Bequemlichkeit“. Doch Max hat es im Grunde genommen schon geschafft, lebt er doch vom Geld seiner Familie, kennt keine Sorgen – und braucht demnach auch kein Glück, sondern kann sich Bequemlichkeit leisten.

Deshalb erstaunt die Einschätzung als „Meisterwerk“ des Film noir im Rückblick durchaus – aber vielleicht hängt sie mit Romy Schneider zusammen. Offensichtlich genießt sie es, die Prostituierte Lily zu spielen und damit weiter gegen ihr in Deutschland verbreitetes Image des unschuldigen Mädchens anzuspielen. In Zusammenarbeit mit Claude Sautet gelingt es ihr, Lily davor zu bewahren, zu einer reinen Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Männer zu werden. Stets ist zu erkennen, dass sie weiß, was von ihr erwartet wird, welche Rolle sie nun spielen soll. Zugleich aber verkörpert sie eine Freiheit, die fast schon unanständig wirkt. In ihrem letzten Blick, den sie auf Max richtet, steckt so viel Abscheu und Vorwurf, dass er es ist, der vollends beeindruckt.

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