Bungalow (2002) (WA)

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Das Leben ist eine Baustelle: Der stille Rekrut Paul bleibt einfach an der Raststätte sitzen, anstatt zu seinen Kameraden zurückzukehren. Ohne Pläne quartiert er sich in der Wohlstandsgruft seiner Eltern in der hessischen Provinz ein: dem titelgebenden „Bungalow“ in Ulrich Köhlers herausragendem Debüt.

Bungalow (2002) (WA)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

What’s the matter with you?

„Auf-sitz-eeen!“. Ein Dutzend junger erschöpfter Männer in Bundeswehruniformen quetscht sich auf die hintere Ladefläche eines dunkelgrünen Militärfahrzeugs. Zusammengepfercht, müde und wortlos sitzen sie eng aneinandergedrückt. Was folgt sind lange Einstellungen, ausschließlich natürliches Licht und mehrere Kreisbewegungen, bis der Trupp an einer Raststätte anhält und einer der Rekruten – Paul (Lennie Burmeister) – einfach dort sitzenbleibt und nicht mehr zu seinen Kameraden zurückkehrt. Kurz darauf öffnet jener scheue Mann die Tür zum titelgebenden Bungalow seiner Eltern, die gerade zur Sommerfrische in die Toskana aufgebrochen sind. Hier an diesem Nicht-Ort, der den sozialliberalen Mief der 1970er Jahre atmet und irgendwo verloren in der hessischen Provinz steht, scheint überhaupt die Zeit besonders langsam zu vergehen …

Bereits in den ersten fulminanten Minuten von Ulrich Köhlers frühem Meisterstück Bungalow entfaltet sich der ganze Zauber von Patrick Orths ebenso formvollendeter wie präziser Kadrage, die diesen vielleicht besten deutschen Debütfilm seit der Wiedervereinigung geradezu auf einer schwerelosen Ebene bis zum Ende hin trägt. Und das, obwohl (so gut wie) nichts passiert! Nach seiner Wiederaufführung in der Reihe „Panorama 40“ während der Berlinale 2019, auf der Köhlers Erstling 2002 auch seine umjubelte Uraufführung gefeiert hatte, kehrt dieses filmische Ausrufezeichen der „Berliner Schule“ nun nach über 15 Jahren erneut auf die deutschen Kinoleinwände zurück.

Mit diesem außerordentlichen Spielfilmdebüt erfolgte kurz nach der Jahrtausendwende der „Einbruch der Wirklichkeit in den deutschen Film“, wie es der Berliner (Schule-) Filmemacher und DFFB-Dozent Christoph Hochhäusler einmal treffend in Worte fasste. Was verschiedene Vertreter jener international als „Nouvelle Vague Allemande“ wahrgenommenen Gruppe von FilmemacherInnen eint, ist der filmische Blick für die „wirkliche Wirklichkeit“ der wiedervereinigten Wohlstandsinsel BRD genauso wie ein ausgezeichnetes Gespür für eine radikal nüchterne, nur selten ins Transzendente flüchtende Bildsprache. Die Dialoge sind ausgesprochen kurz, aber gewichtig gehalten, und die nicht selten fragmentierte Montage lässt genügend Raum für spezielle (Augen-)Blicke oder Räume, Gespensterfiguren wie auch quasi sprechende Topographien.

Der Erzählfluss befindet sich quasi selbst in den Ferien, ist weder lückenlos noch außerordentlich spannungsreich. Beinahe alles ist hier visuelle Form und narratives (Alltags-)Experiment, was in hohem Maße auch auf Ulrich Köhlers Bungalow zutrifft: Ein Schlüsselwerk jener „Berliner Schule“, die Georg Seeßlen als „Anti-Erzählmaschine“ charakterisiert und zutreffend als „Schule des Sehens“ im jüngeren deutschen Film begreift.

Ulrich Köhler hat zwar bisher nicht einmal eine Hand voll Langfilme gedreht, aber vor allem Bungalow (2002) als auch Montag kommen die Fenster (2006) wie partiell sein Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Schlafkrankheit (2011) gehören zusammen mit seinem Cannes-Erfolg In My Room (2018) trotzdem zweifelsohne zum Aufregendsten, was das hiesige Filmschaffen seit der Jahrtausendwende zustande gebracht hat. Zusammen mit seiner Lebenspartnerin Maren Ade (Toni Erdmann/Alle anderen), die eine ähnliche Karriere hingelegt hat, bildet Köhler im Verbund mit Filmschaffenden wie Angela Schanelec, Henner Winckler, Valeska Grisebach, Thomas Arslan, Benjamin Heisenberg und Christian Petzold die künstlerisch-kreative Speerspitze jener Filmbewegung, die zwar als begriffliches Konstrukt seit ihrem ersten Auftreten en gros schwammig geblieben ist, jedoch infolge starker AutorInnenhandschriften zunehmend auch international reüssieren konnte – und bereits jetzt Filmgeschichte ist.

„Psychologische Erklärungen“ interessierten ihn nicht, erklärte Köhler schon bei der Weltpremiere 2002 in Berlin. Der Filmemacher verortet seinen formal-ästhetisch vom mittleren Antonioni und Haneke bis zum frühen Wenders und Fassbinder durchdrungenen Debütfilm vielmehr als „verhindertes Roadmovie“. Denn seine Hauptfigur Paul, dem der Schauspiellaie und Profiskateboarder Lennie Burmeister einen grandios weltabgewandten, durch und durch überdrüssigen Blick verleiht, hätte zwar seit seiner Fahnenflucht genügend Gründe, sich weiter (oder überhaupt einmal ernsthaft) auf den Weg zu machen. Aber er schafft es einfach nicht – und ein Wilhelm Meister wird er so sicherlich nicht mehr … So gut wie alles scheint ihm zuwider zu sein: Gelangweilt onaniert er auf dem Bett. In Gedanken schweifend fährt er ziellos auf seinem Skateboard los. Und weder in der alten wie in der neuen Liebe zu seinem Bruder Max (Devid Striesow) und im Besonderen zu dessen Freundin Lene (Trine Dyrholm) übernimmt er wirklich die Initiative: Er dreht sich im Grunde nur weiter im Kreis.

Ulrich Köhlers phänomenaler Erstling Bungalow lässt sich zudem als kongenialer Kommentar zu den hedonistischen Spät-1990ern lesen. In jenem wiedervereinigten Deutschland war es schlichtweg sehr schwer geworden angesichts wachsenden Wohlstands und politisch weitgehend gesicherter Verhältnisse noch irgendwo anzuecken oder auf gravierende Widerstände zu stoßen: ennui und ein seltsamer Weltschmerz machen sich breit, der Blick richtet sich ins Leere und im Hintergrund blubbern betont coole Technoklänge aus dem Lautsprecher. Wer selbst in dieser Zeit groß geworden ist, kann sich mit jenem Antihelden Paul mehr als nur einmal identifizieren. Und wer Bungalow heute zum ersten Mal sieht, wird eine Bundesrepublik erleben, die es so schon längst nicht mehr gibt.

Bungalow (2002) (WA)

Um der Provinz zu entkommen, verpflichtet sich der 19jährige Paul bei der Bundeswehr. Schon bald nimmt er Reißaus und flüchtet sich in den leerstehenden Bungalow seiner Eltern. Dort trifft er auf seinen Bruder und dessen Freundin Lene. Prompt verliebt er sich in sie. Als die Militärpolizei auftaucht, holt ihn zum ersten Mal der Ernst des Lebens ein.

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