Montag kommen die Fenster

Montag kommen die Fenster

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Minimalistisch

Sicher, kommen die Fenster am Montag, aber es sind die falschen. Der vordergründig belanglose Titel bringt das Sujet des Films allegorisch auf den Punkt: Ein neues Haus in einer neuen Stadt, es könnte ein glücklicher Moment sein im Leben einer Kleinfamilie. Die Ärztin Nina (Isabelle Menke) hat ein paar Tage Urlaub genommen. Ehe- und Hausmann Frieder (Hans Jochen Wagner) verlegt Fliesen. Tochter Charlotte (Amber Bongard) spielt nebenan. Doch Nina zweifelt, steht entfremdet in den halbleeren Räumen und lässt ihre Familie ohne Nachricht zurück. Sie besucht ihren Bruder im Ferienhaus der Eltern, streift ziellos durch eine surreale Mittelgebirgslandschaft und landet bei einem alternden Tennis-Star in einem Sporthotel, einer bizarren Bausünde aus den 70igern, in der Kukident-Vertreter tagen oder Vorwerk-Handelsreisende nach einem günstigen Abendessen und einer Frau für die Nacht Ausschau halten…

Es ist ein film verité, der auf seine Bilder setzt. Einer, der Stimmungen zeigt statt Handlungen und dazu nicht viele Dialoge braucht. Lange, ruhige Einstellungen und wenige Schnitte prägen den Stil des gesamten Films.
Ninas Ausbruchsversuch gipfelt nicht in existenzialistischer Revolte, sondern in der flüchtigen Begegnung zweier Menschen, die sich nicht mehr heimisch fühlen in ihrer Welt. Wie eine Schlafwandlerin kehrt sie Schritt für Schritt zu ihrer Familie zurück.

„Auf einmal wird aus der netten Mittelstandstochter Nina mit ihren sanften Rehaugen eine Rabenmutter, die den gesellschaftlichen Konsens, ihre Aufgabe als Mutter, Ehefrau, Schwester und Ärztin, aufkündigt. Dafür liefert Köhler keine herkömmlichen Gründe, wie sie etwa im Elternhaus, in ehelichen Dissonanzen zu finden wären“, sinnierte die Zeit in ihrer Online-Ausgabe.

Regisseur Ulrich Köhler, für sein Spielfilmdebüt Bungalow mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet, setzt hier wieder mehr auf Gesehenes, als Geredetes: In seinem zweiten Film ist Ninas wortlose Flucht aus dem Alltag als surrealer Traum zu deuten. Ein Film, der auf die laute Stummheit der Stimmungen setzt. Er favorisiert große Bildlichkeit kleiner Worte, statt kleine Sprachlichkeit großer Bilder. Daher die extremen und langen ruhigen Einstellungen mit spartanischen Dialogen und asketischen Schnitten, allesamt bildsprachliche Stilmittel, eine atmosphärische Einsamkeit im Kollektiv zu fokussieren.

„Was mich besonders interessiert, sind schon alltägliche Ereignisse, aber ich glaube, dass sie für die Betroffenen, für meine Figuren und auch für Menschen, die was Ähnliches in ihrem Leben erleben, große Dramen sind. Die meisten Menschen werden eben nicht entführt oder rauben eine Bank aus“, philosophierte der Marburger Filmemacher auf der diesjährigen Berlinale.

Daher drehte Köhler keine Tragödie; denn nichts ist eine Tragödie im Leben von Nina und Frieder, nicht mal Frieders heillose Flucht ins Bett einer Exfreundin. Die Tragödie ist, daß Nina dies durchschaut, aber so wenig daraus ausbrechen kann wie Flusspferd aus der Sahara. Es ist ihr schlafwandlerischer Zustand, der Vermutungen mit Tatsachen, wichtiges mit unwichtigem vermischt. So ist alles easy und ewig. „Ich hab lang gewartet und nachgedacht, hatte viele Träume und jetzt bin ich wach“, sagt sie einmal, jedoch kann sie aufwachen, weil sie nicht geträumt hat.

(Jean Lüdeke)

Montag kommen die Fenster

Sicher, kommen die Fenster am Montag, aber es sind die falschen. Der vordergründig belanglose Titel bringt das Sujet des Films allegorisch auf den Punkt.

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