Alles außer gewöhnlich (2019)

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Die beiden französischen Erfolgsregisseure Éric Toledano und Olivier Nakache haben endlich ihr Herzensprojekt verwirklicht. In „Alles außer gewöhnlich“ geht es um zwei Männer, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, autistischen Kindern und Jugendlichen zu helfen. Doch der Organisation droht das Aus.

Alles außer gewöhnlich (2019)

Eine Filmkritik von Elisabeth Hergt

Der ganz normale Härtefall

„On devrait en faire un film“ „Man müsste einen Spielfilm daraus machen“. So hieß die 26-minütige Dokumentation, die Éric Toledano und Olivier Nakache zunächst über Stéphane Benhamou und Daoud Tatou gedreht haben. Seit über 20 Jahren nehmen die beiden Freunde über ihre Organisationen verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche auf, leisten intensive Betreuung und setzen sich für ein selbstbestimmtes Leben und die Förderung von Autisten in der Gesellschaft ein. Daraus hat das Regie-Duo nun tatsächlich einen Spielfilm gemacht. Mit „Alles außer gewöhnlich“ schließen sie gekonnt an ihre vergangenen Erfolgskomödien an und spannen den sozialen Bogen noch etwas weiter, indem sie die Figuren bewusst durchs Raster fallen lassen, um ein Strukturproblem aufzuzeigen.

Wieder einmal hat Joseph (Benjamin Lesieur) in der Bahn die Notbremse gezogen und den Verkehr lahmgelegt. Sein Betreuer Bruno (Vincent Cassel) eilt routiniert herbei und schafft es auch dieses Mal die Polizei zu besänftigen und seinen Schützling zu beruhigen. Joseph lehnt sich gerne an seiner Schulter an und fragt Bruno, ob er seine Socken sehen darf. Inzwischen trägt er sogar selbst welche und lässt sich eine Krawatte binden, um für seinen ersten Arbeitstag gut auszusehen. Vor allem auf seine Kollegin Brigitte möchte er schon bald Eindruck machen. Joseph ist Autist und in seinem Alltag tagtäglich auf Unterstützung angewiesen. Sein Verhalten ist oft unberechenbar und äußere Reize können ihm schnell zu viel werden. Werbevideos von Waschmaschinen beruhigen ihn dann wieder. Früher war er sehr aggressiv. Seine Mutter Hélène (Hélène Vincent) ist dankbar, dass es jetzt Bruno gibt, der stets hilft, so gut er kann.

Bruno hat sich auf die Arbeit mit Autisten spezialisiert, agiert allerdings im Rahmen seiner Organisation ohne offizielle Genehmigung und nicht alle seine Betreuer haben ein Diplom. Zwei Zuständige des Sozialamts, IGAS, müssen daher nun prüfen, ob er und sein Team ihre Arbeit fortführen können. Mit der drohenden Schließung im Hinterkopf holen er und sein Freund Malik (Reta Kateb) den jungen Valentin (Marco Locatelli) aus der Klinik. Valentin trägt einen Kopfschutz, wie man ihn vom Boxen kennt, weil er sich ständig selbst verletzen will. Er gilt als extremer Härtefall. Malik leitet ebenfalls einen Verein und bildet darüber hinaus Jugendliche aus, die aus Brennpunktvierteln stammen und eine Perspektive suchen. Gerade muss er sich mit Dylan (Bryan Mialoundama), seinem neusten und noch ungeschickten Lehrling rumschlagen. Der scheint jedoch der Einzige zu sein, dem es gelingt eine Verbindung zu Valentin aufzubauen.

Bruno und Malik sind immer in Bewegung. Sie ergänzen sich bei ihrer Arbeit, eilen zu Notfällen und haben kaum ein Privatleben. Für Romantik ist eigentlich auch keine Zeit. Das hält Kumpel Menahem (Alban Ivanov) natürlich nicht davon ab, es zu versuchen und Bruno mit spontanen Dates an die Frau zu bringen. Aber schon klingelt wieder das Telefon und er muss weg. Die Figur Bruno ist inspiriert von Stéphane Benhamou. Bereits seit 1996 leitet Benhamou seine Organisation Le Silence des Justes (dt.: „das Schweigen der Gerechten“). Zuvor hat er Feriencamps angeboten, bei denen zu diesem Zeitpunkt auch die Regisseure ehrenamtlich ausgeholfen haben.

Sein Engagement hat die jungen Filmemacher nicht mehr losgelassen und lange beschäftigt. Jahre später, bei einem gemeinsamen Image-Film für die Organisation, haben sie dann auch Daoud Tatou (Malik) kennen gelernt, der sich seit 2000 mit seinem Verein Le Relais Île-de-France um Menschen mit Behinderung kümmert und sich für soziale und berufliche Eingliederung einsetzt. So hat sich nach und nach alles zusammengefügt. Über zwei Jahre wurden sie bei ihrer Arbeit begleitet. Gedreht wurde mit den Autisten und Betreuern der Organisation.

Es ist schmerzlich bekannt, dass gerade auf sozialer Ebene, zwischen Gesetz und Umsetzung, Welten liegen. Etwa sieben Millionen Menschen in Europa sind Autisten. Unter dem Sammelbegriff der „Autismus-Spektrum-Störung (ASS)“ werden per Definition komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörungen zusammengefasst. Dazu gehören „Frühkindlicher Autismus“, „Asperger-Syndrom“ und „Atypischer Autismus“, sowie andere tiefgreifende Formen, die sich nicht konkret einordnen lassen. Hinzu kommen dabei die verschiedenen Grade und das Mehrfachauftreten seelischer, geistiger und körperlicher Behinderung, sodass Autismus in seiner Häufigkeit statistisch ungenau erfasst ist.

In Frankreich wurde Autismus im April 1995 seitens der Behörden offiziell als Problem im Gesundheitswesen anerkannt, jedoch hat sich auch bis heute noch keine umfassend wirksame Struktur etabliert. Am 11. Februar 2005 trat erstmals ein Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft, das die Selbstbestimmung fördern und Betroffenen eine umfassende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zusichern soll. Im Film mündet der Mangel an effektiven Maßnahmen in einem Dilemma der Zuständigkeiten. Es gibt klare Berührungsängste. Gerade im Hinblick auf die Problemfälle herrscht Resignation. Sie brauchen besondere Zuwendung, sind teuer und überhaupt sind sowieso alle Kapazitäten völlig ausgelastet. Wer übernimmt also die Verantwortung? Der wahre Härtefall, so viel wird klar, ist das System selbst.

Im Sinne des Genres der Sozialkomödie und in gewohnter Manier hätte die Geschichte dabei durchaus viel mehr Feel-Good liefern können, aber Toledano und Nakache weichen instinktiv davon ab. Alles wirkt diesmal sensibler, ruhiger und weniger überhöht, als noch in ihren Filmen zuvor. Vor allem der Humor ist feiner. Cassel und Kateb spielen souverän, unaufgeregt und mit viel Gefühl. Bruno und Malik sind vielleicht ziemlich beste Freunde, aber keine stilisierten Alltagshelden. Hinzu kommt ihr Glauben. Bruno ist Jude, Malik praktizierender Muslim. Das ist wichtig, aber Details zu ihrer Herkunft oder sonstige Ausschweifungen sind hier nicht zielführend. Das Wichtigste ist und bleibt die gemeinsame Arbeit, damit alle versorgt sind.

Es ist eine bewegende Szene, wenn sich Joseph und die anderen schließlich im geschützten Rahmen einer Tanz-Performance frei bewegen und bewusst auch mal aus der Reihe tanzen dürfen. Dabei entsteht ein übergreifendes Einverständnis zwischen allen Beteiligten, ein entspannter Moment, der sie kurz innehalten und hoffen lässt. Die Realität, der Alltag, ist dann wieder schnell, chaotisch, oft ernüchternd und nur vermeintlich normal. Alles außer gewöhnlich gelingt es eine ausgewogene Leichtigkeit zu transportieren und mit viel Feingefühl und Nähe in Ansätzen ein Spektrum abzubilden, das in seiner Vielfalt so endlos ist, wie die uneingeschränkte Hingabe der Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue für das Außergewöhnliche entscheiden.

Alles außer gewöhnlich (2019)

Im neuen Film des Erfolgsduos Eric Toledano und Olivier Nakache („Ziemlich beste Freunde“) geht es um Bruno und Malik, die sich seit 20 Jahren mit Kindern mit Autismus beschäftigen.

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