Bruno (2019)

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Ein Mann führt seinen Hund in einem Park spazieren. Er lehnt sich an einen Baum, wartet wie jeden Tag, dass die Stunden vergehen. Es gibt kein Zuhause, das ihn ruft, nur ein Spielplatz zieht ihn immer wieder magisch an. Dort begegnet er eines Nachts einem Jungen, der weggelaufen ist. 

Bruno (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Zwei Gestrandete auf dem Spielplatz

Wenn Daniel (Diarmaid Murtagh) durch die Straßen Londons geht, wirkt sein Blick in sich gekehrt oder gar völlig abwesend. Der bärtige Mann trägt die Kapuze seines Anoraks wie einen Schutz, der ihm Anonymität sichert. Am liebsten streift er durch einen Park, hält sich in der Nähe eines bestimmten Spielplatzes auf, den er nachts auch betritt. Die Bleibe, die ihm jemand in einer Art Lagerraum gegeben hat, muss er wieder räumen. Nur Bruno, sein reinrassiger Jagdhund, passt nicht ganz zu Daniels Status eines Wohnungslosen. Dieser Mann hat vermutlich, vielleicht sogar vor nicht allzu langer Zeit, eine gutbürgerliche Existenz gehabt.

Manchmal führt schon der Verlust eines Arbeitsplatzes, einer Beziehung oder beides dazu, dass Menschen plötzlich ohne Wohnung dastehen. Wer von einer Krise, einem Schicksalsschlag einmal so gründlich aus der Bahn geworfen ist, findet vielleicht auch kein Dach mehr über dem Kopf. Das auf einem wahren Schicksal basierende Drama Bob, der Streuner von 2016 zeigte, wie schwer es gerade in London für einen Obdachlosen sein kann, eine Sozialwohnung zu bekommen. Dem jungen, drogenabhängigen Straßenmusiker James gab ein Kater namens Bob neuen seelischen Halt. Auch sicherte ihm das Tier Aufmerksamkeit und Sympathien der Passanten, die auf einmal mehr Geld in seinen Hut warfen. 

Was es mit Daniels Obdachlosigkeit auf sich hat, lässt das Drama Bruno des Regisseurs und Drehbuchautors Karl Golden lange im Dunkeln. Klar ist lediglich, dass auch Daniel sehr an seinem tierischen Begleiter hängt. Als Daniel von jungen Rowdies auf dem Spielplatz zusammengeschlagen wird und für kurze Zeit in einer Klinik landet, verschwindet der Hund. Daniel irrt fortan seinen Namen rufend durch den Park. Nachts trifft er auf dem Spielplatz einen Jungen. Seinen Namen verrät Izzy (Woody Norman) ihm erst viel später. Daniel gibt ihm seinen Schlafsack und stellt am nächsten Morgen fest, dass Izzy ihm folgt. Der Junge will nicht nach Hause, sondern bei der Suche nach Bruno helfen. 

Daniel fühlt sich nicht wohl als Betreuer eines weggelaufenen Jungen, und er versucht auch, ihn bei einem Sozialdienst, der von Obdachlosen kontaktiert wird, abzugeben. Aber die Bürokratie lässt ihn scheitern, und zur Polizei geht Daniel nicht. Warum? Die direkteste Antwort ist wohl, weil das Drama einen Hang zur Naivität, zum Entrückten besitzt. Die Handlung schwebt ein wenig über der harschen Realität, wie leicht betäubt oder weichgezeichnet vom diffusen Wunsch nach einer Parallelwelt. 

Daniel und Izzy helfen sich gegenseitig: Der Erwachsene muss sich um das Kind kümmern, erhält die Chance, sich zu bewähren und der Gesellschaft einen Schritt weit anzunähern. Weil Izzy gerne die Stadt von oben sehen möchte, lässt sich Daniel sogar widerstrebend auf einen kurzen Kontakt mit einem ehemaligen Kollegen auf einer Baustelle ein. Gesprächen aber geht er konsequent aus dem Weg. Auch Malik (Seun Shote), der Daniel freundschaftlich behandelt, bekommt kaum etwas aus ihm heraus. Der Migrant betreibt eine chemische Reinigung und gibt Daniel Geld für gebrauchte Radios, die er ihm repariert. Malik erzählt Daniel einmal von der Schuld, die er in seiner Heimat auf sich geladen hat. Er erfährt aber nicht, ob die Last, die Daniel so offensichtlich mit sich herumträgt, auch eine Schuld ist. 

Als Daniel schließlich anfängt zu reden, ist der Film schon fast zu Ende. Der Ire Diarmaid Murtagh verleiht ihm aber schon während der wortkargen Phase eine starke Ausstrahlung, die unterschiedliche Facetten seines Wesens erkennen lässt. Mal droht Daniel vor lauter Anspannung schier zu bersten, mal wirkt er wie betäubt in Gedanken versunken. Wenn er ziellos durch die Straßen geht, ist seine Müdigkeit auch eine innere. Manchmal erinnert einen der Charakter an den depressiven Lee Chandler aus Manchester by the Sea

Aber beinahe unmerklich naht der Moment, an dem Daniel merkt, dass er für das Sichtreibenlassen, für das Abdriften einen hohen Preis zahlt. Murtagh spielt sehr überzeugend, wie sich Daniels Bewusstsein schon allein während einer simplen Duschszene verändert, weil sie für ihn mit enormer Bedeutung aufgeladen ist. Nur wer solchen Komfort täglich genießt, hält ihn für banal, spürt nicht mehr, wie er das Selbstwertgefühl zu heben und zu stützen vermag.   

Die Fährten, die der Film legt, folgen oft nicht den Klischees eines Sozialdramas. So wird beispielsweise Izzys Geschichte ganz anders aufgelöst, als zu erwarten war. Auch wenn dem Film die Nähe zu Realität nicht so wichtig ist wie atmosphärischer Zauber, verleiht ihm die Zeichnung seines Hauptcharakters Glaubwürdigkeit und Relevanz. Mit Daniel lässt sich nachempfinden, wie sehr sich das Lebensgefühl eines aus der Gesellschaft gefallenen Menschen von dem der Bürger*innen unterscheidet, die täglich seinen Weg kreuzen.

Bruno (2019)

Die Suche nach einem Hund verknüpft die Schicksale eines Obdachlosen und eines kleinen Jungen in einem ergreifenden Roadmovie, das durch die Straßen von London führt. Daniel (Diarmaid Murtagh) ist ein Mann ohne Zuhause. Er lebt auf der Straße und beobachtet heimlich aus der Ferne sein altes Leben. Daniels einziger Begleiter ist sein Hund Bruno. Als das Tier bei einer nächtlichen Auseinandersetzung verschwindet, macht sich Daniel verzweifelt auf die Suche – und findet Izzy (Woody Norman), einen kleinen Jungen, der von seiner Familie weggelaufen ist. Die beiden ungleichen Heimatlosen brechen zu einer gemeinsamen Reise durch die Stadt auf, die sie Stück für Stück näher nach Hause bringt.

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