Ghost Tropic (2019)

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Erschöpft von der Arbeit als Putzfrau schläft Khadija in der Bahn ein und verpasst ihre Station. Und so landet sie ganz wo anders und weil keine Bahn mehr zurückfährt, beginnt für sie eine Reise durch die Nacht.

Ghost Tropic (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Nächtliche Odyssee

Bereits früh im Film kündigt sich an, was der Protagonistin Khadija (Saadia Bentaïeb) später widerfahren wird: „Get Lost“ verkündet die Anzeige eines Reisebüros und meint damit das Sichverlieren an weißen Stränden und unter blauen Himmeln. Das allerdings ist etwas, von dem Khadija nur träumen kann. Ihr „Get Lost“ geschieht nicht an einem tropischen Strand, allenfalls ein Aufenthalt in einem Fake-Urlaubsparadies, das in einem Industriegebiet von Brüssel bald entstehen wird, ist für eine wie sie drin. Ihre Abenteuer finden nicht in fremden Ländern statt, sondern während einer nächtlichen Odyssee durch Brüssel, zu der sie gezwungen ist, weil sie auf der Rückfahrt von der Arbeit eingeschlafen ist und so den Ausstieg an der richtigen Station verpasst hat. Und so landet sie weit draußen, am anderen Ende der Stadt, es fährt kein Bus mehr zurück und sie ist gezwungen, sich zu Fuß auf den Nachhauseweg zu machen, da sie auch nicht über genügend Bargeld für ein Taxi verfügt. Unterwegs auf dieser nächtlichen Reise begegnet sie allerlei Nachtgestalten, freundlichen Nachtwächtern, einem kranken Obdachlosen, dem sie vermutlich das Leben rettet, einem „Illegalen“, der in einem leerstehenden Haus lebt und der fast wie eine Geistererscheinung wirkt. 

Ghost Tropic ist der mittlerweile dritte Spielfilm von Bas Devos — und er markiert einen unübersehbaren Wechsel in Tonalität und Atmosphäre gegenüber dem Vorgänger Hellhole, in dem sich der Filmemacher mit den Wunden Brüssels nach den islamistischen Anschlägen des Jahres 2016 auseinandersetzte. Dennoch ist Ghost Tropic in gewisser Weise ähnlich, weil er sich mit den verlorenen Seelen der Stadt auseinandersetzt — hier allerdings deutlich wärmer, milder und optimistischer grundiert als in dem vorangegangenen Film.

Und so wirkt die Reise durch die Nacht zu keinem Moment wirklich gefährlich für Khadija, sondern eher friedlich, lyrisch, voller Neugier und Empathie für all die Verlorenen der Nacht, die aus verschiedensten Gründen dann, wenn alle anderen schlafe, die Straßen bevölkern — sei es, weil sie arbeiten müssen oder kein Obdach haben, weil sie sich nur im Schutz der Dunkelheit auf die Straßen trauen oder weil sie sich, wie Khadija selbst, einfach verirrt haben.

Zwar steht Khadija im Zentrum der Aufmerksamkeit des Films, doch Bas Devos und sein Kameramann Grimm Vandekerckhove schweifen immer wieder ab und finden Bilder und Objekte von bizarrer Schönheit, die sich nicht selten erst auf den zweiten Blick erschließt: Der Dampf der E-Zigarette eines Wachmanns, die verschwörerische Geste des Hausbesetzers, der Khadija zu schweigen bedeutet, die punktuellen Lichtquellen der Straßenlaternen — all das fügt sich zu einem Bildteppich zusammen, der begleitet von ruhiger Gitarrenmusik einen fast schon meditativen Sog erzeugt.

Ghost Tropic ist eher Zustandsbeschreibung und Wachtraum, manchmal auch Halluzination und weniger eine Geschichte im eigentlichen Sinne. Wie kleine Vignetten reiht sich hier Episode an Episode und es entsteht eine Ode an die Nacht voller Milde und Zugewandtheit, die voller Freundlichkeit auf die Nachtgestalten einer schlafenden Metropole blickt. Allerdings, und das soll auch nicht verschwiegen werden, ist das nächtliche Umherschweifen manchmal ein wenig spannungsarm geraten und wer sich diesen Film zu spät anschaut, dem könnte es beinahe ergehen wie der Protagonistin, von der er erzählt.

Ghost Tropic (2019)

Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag schläft die 58-jährige Khadija auf dem Nachhauseweg in der Bahn ein und ist gezwungen, von der Endhaltestelle aus den Weg nachhause zu Fuß anzutreten. Es beginnt eine nächtliche Reise, in deren Verlauf sie auf die Hilfe von anderen Passanten angewiesen ist, die ebenso ihrer Hilfe bedürfen.

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