The Prom (2020)

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Ryan Murphy lässt Meryl Streep, James Corden, Nicole Kidman und Andrew Rannells als geltungsbedürftige Broadway-Stars in die Provinz einfallen – mit Tanz, Gesang und reichlich Aplomb.

The Prom (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Plastic hearts are bleeding

Kann etwas durch und durch Artifizielles tief berühren? Kann in den künstlichsten Posen etwas Wahrhaftiges liegen und im höchsten Grad der Übertreibung etwas allzu Echtes erreicht werden? Aber sicher doch! Der stets hingebungsvolle Schräggesang der selbsternannten Operndiva Florence Foster Jenkins beweist dies ebenso wie manches vor Leid und Leidenschaft zerberstende Kitsch-Melodram. Die Feier schriller Künstlichkeit hat etwas Subversives – und sie vermag inmitten von hochtourigem Glitzer-Glamour etwas aufrichtig Schönes zu entdecken.

Das Genre des Musicals ist für diese Strategie besonders geeignet. Nichts ist verrückter als Menschen, die plötzlich anfangen, zu singen und zu tanzen, als sei das Leben eine Bühne. Mit Jazz hands und expressiver Mimik wirbelt das Personal von Musicals durch Straßen und Gebäude; der triste Alltag erfährt eine Choreografie, und das triviale Sprechen weicht der Performance. Der überwiegend im Serienbereich tätige Tausendsassa Ryan Murphy hat sich bereits in der Serie Glee (2009-2015) jene Möglichkeiten zunutze gemacht, um von der empowernden Wirkung von Tanz und Gesang im Highschool-Milieu zu erzählen. Gewiss war darin alles völlig over the top – doch im Kern ging es um junge Menschen, die sich ausgegrenzt fühlten.

Ähnlich ist es nun in Murphys neuer Regiearbeit The Prom, die auf dem gleichnamigen Broadway-Musical aus dem Jahre 2018 basiert. Darin wird ein Abschlussball in der Provinz von Indiana auf Drängen der konservativen Elternbeiratsvorsitzenden Mrs. Greene (Kerry Washington) abgesagt, da die lesbische Schülerin Emma (Jo Ellen Pellman) ihre noch ungeoutete, geheime Freundin Alyssa (Ariana DeBose) mitbringen wollte. Der liberale Schuldirektor Tom (Keegan-Michael Key) setzt sich für Emma ein, hatte bisher allerdings noch keinen Erfolg damit.

Dies ruft unerwartet ein Broadway-Quartett auf den Plan: Die preisgekrönte Diva Dee Dee Allen (Meryl Streep), ihr noch unterschätzter Kollege Barry Glickman (James Corden), der Juilliard-Absolvent Trent Oliver (Andrew Rannells) und die ewige Nebendarstellerin Angie Dickinson (Nicole Kidman) reisen aus New York an, um für Emmas Rechte zu kämpfen. Nicht etwa aus purer Gutherzigkeit, sondern weil sie dringend Publicity brauchen. Dee Dee und Barry haben gerade einen gewaltigen Flop mit einem Musical über Eleanor Roosevelt hingelegt, während sich Trent auf einen einstigen Sitcom-Part reduziert fühlt und sich als Barkeeper durchschlagen muss und Angie in der zweiten Reihe immer übersehen wird.

Dass diese vier Figuren in erster Linie narzisstisch sind und wir wirklich erst lernen müssen, sie zu mögen, gehört zu den inhaltlichen Stärken von The Prom. Zudem führt jener Umstand zur besten Nummer It’s Not About Me, in der Dee Dee sich als Retterin in der Not in Szene setzt, der es natürlich absolut nicht um das eigene Ego, sondern einzig und allein um Emma geht. Jo Ellen Pellman verkörpert Emma sehr sympathisch – und deren Weg zu einer couragierten Aktivistin ist schön anzusehen. Die Wichtigkeit, für sich selbst und füreinander einzustehen, kommt ebenso an wie die Bedeutung von Inklusion. Letztlich übernimmt die Dramaturgie des Films indes die anfängliche Denkweise des Broadway-Quartetts: Obwohl es hier um den Kampf einer 17-Jährigen um Gleichberechtigung geht, gilt das Hauptinteresse dann doch den vier Paradiesvögeln aus der großen Stadt.

Dass sich dabei in all dem Pomp etwas Anrührendes ergibt, ist vor allem einer Person zu verdanken – und dies dürfte wenig überraschen: Meryl Streep sorgt (wie so oft) für die bemerkenswertesten Momente in The Prom. Dee Dees Freundschaft zu Barry, die sich etwa in einem gemeinsamen RomCom-Freitag ausdrückt, oder auch die Liebesanbahnung zwischen Dee Dee und Tom funkelt dank wunderbarer Chemie viel heller, als es das Skript womöglich hergibt. Streep würde selbst Plastikherzen zum Bluten, selbst Kunstblumen zum Erblühen bringen.

The Prom (2020)

Dee Dee Allen (Meryl Streep) und Barry Glickman (James Corden) sind prominente Stars der New Yorker Bühnenszene und stecken derzeit in einer Krise: Ihre neue und teure Broadway-Show hat sich als großer Flop erwiesen und sorgt für einen Karriereknick. Zur gleichen Zeit erlebt die lesbische Schülerin Emma Nolan (Jo Ellen Pellman in ihrem Filmdebüt) in einer Kleinstadt in Indiana ihr eigenes ganz anderes Debakel: Obwohl sie ihr Schuldirektor (Keegan-Michael Key) unterstützt, verbietet ihr die Leiterin des örtlichen Eltern-Lehrer-Verbands (Kerry Washington) die Teilnahme am Abschlussball, zu dem sie mit ihrer Partnerin Alyssa (Ariana DeBose) gehen will. Als Dee Dee und Barry gerade beschlossen haben, dass der Fall Emma für sie perfekt ist, um ihr Image in der Öffentlichkeit wieder aufzupolieren, lernen sie Angie (Oscar-Gewinnerin Nicole Kidman) und Trent (Andrew Rannells) kennen, die ebenfalls auf der Suche nach einer beruflichen Verbesserung sind. Doch der egozentrische Aktivismus der vier Promis läuft ins Leere und sie merken, wie sich bei dem Versuch, Emma eine Nacht zu ermöglichen, in der sie ganz sie selbst sein kann, auch ihr eigenes Leben zu verändern beginnt.

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Meinungen
Anschütz · 13.12.2020

Hallo,
dieser Film wird nur Amerikanern gefallen.
Leider gelang mir das nicht.

Achim G. · 28.12.2020

Klar, uns Teutonen kann das ja eigentlich auch wirklich nicht gefallen, aber trotzdem, ich fand den Film gut

Kommentare