Résistance - Widerstand (2020)

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Ein Clown im Krieg: Der Schauspieler und Pantomime Marcel Marceau kämpft im zweiten Weltkrieg für die französische Résistance. Mithilfe von Verbündeten rettet er jüdische Waisenkinder über die Schweizer Grenze. Was nach einer grandiosen Geschichte klingt, gerät in den Händen von Regisseur Jonathan Jakubowicz zu einem fragwürdigen Mix aus Prestige- und Exploitation-Kino, so bieder wie anmaßend.

Résistance - Widerstand (2020)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Viel Lärm um den Künstler der Stille

„Résistance – Widerstand“ von Jonathan Jakubowicz ist ein ärgerlicher Film, so offenkundig missraten, dass die Funktion einer Kritik nur sein kann, das Ausmaß seines Scheiterns zu dokumentieren. Hier reichen sich Einfalt und Kitsch die Hand, um gemeinsam in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit zu stürzen. Erzählt wird aus dem Leben von Marcel Mangel, besser bekannt als Pantomime Marcel Marceau. Als weißgeschminkter Clown „Bip“ begeisterte er mehr als 50 Jahre lang Zuschauer in aller Welt. Seine Bühnenshows und Filme waren immer so schön wie rätselhaft. Sie offenbarten verlorene Welten, die erst durch die Gesten eines Mannes wieder aus dem Nichts gehoben wurden. „Résistance“ wirkt oft wie dieses Nichts: unvollendet, unspezifisch. Eine hilflose Sammlung ungeformter Gedanken, die nie ganz Gestalt annehmen.

Die mechanistische Dramaturgie einer Superhelden-Origin-Story trifft auf die Suspense-Szenen eines biedere Weltkriegs-Thrillers und rührselige Melodramatik. Als Rahmenhandlung dient ein Auftritt Marceaus vor den amerikanischen Truppen in Nürnberg im Jahr 1945. General Patton (Ed Harris) tritt vor eine Masse von abgekämpften G.I.s und erzählt die Geschichte seines Heldenmuts. Diese Perspektive rechtfertigt wohl auch die fragwürdige Entscheidung, alle Franzosen Englisch mit französischem Akzent sprechen zu lassen. (Wer Widerstand leistet, ist zumindest ein halber Amerikaner.) Dann springt der Film zurück ins Jahr 1938 und begleitet den späteren Weltstar durch die Straßburger Cabarets seiner Jugend, über den Untergrundkampf gegen das Vichy-Regime als Teil der Résistance bis zum Kriegsende. Im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, eine große Gruppe jüdischer Waisenkinder vor den Schergen Klaus Barbies (Matthias Schweighöfer — ja, wirklich!) in die Schweiz zu retten.

Jakubowicz glaubt an die unmittelbare Reproduktion der Geschichte, an ihre verlustfreie Vergegenwärtigung. Sein Film ignoriert all die originellen Formen, die Regisseure wie Radu Jude, Spike Lee, Nobuhiko Obayashi, Pedro Costa oder Christian Petzold zuletzt für die Darstellung noch lebendiger Vergangenheit gefunden haben. Jede Konvention wird bedient, jedes Klischee erfüllt, als würde der Regisseur eine Checkliste abarbeiten. Nazis bellen Halbsätze wie fiese Geisterbahn-Staffage, unschuldige Frauen und Kinder leiden fotogen und tapfere Helden ringen mit der Last der Geschichte wie besonders engagierte Schüler im Gemeinschaftskundeunterricht. Wo irgendeine Form von Bruch oder auch nur der Ansatz eines Gedankens entsteht, bügelt die aufdringliche Musik von Schmalz-Monster Angelo Milli alles nieder. Alles ist inspirierend, pausenlos, bis dann irgendwann alles gleichgültig wird. Endloser Lärm — in einem Film über den „Künstler der Stille.“

Bestimmte Inszenierungsmuster gefallen dem Regisseur derart gut, dass sie gleich mehrfach zum Einsatz kommen. So wird jeder Augenblick der Euphorie von neuen Vorstößen der Nazis untergraben. Sirenen aus der Ferne singen von der Flüchtigkeit des Glücks. Deutschland attackiert Polen und Marceau zaubert für seine Geliebte eine Papier-Rose hervor. Schönheit und Schrecken, Unschuld und Grausamkeit, das sind die Pole, zwischen denen die Dramaturgie sich besinnungslos hin- und herreißen lässt. In einer Parallelmontage singen die Waisenkinder Ave Maria, während Klaus Barbie Gefangene in einem leeren Swimmingpool exekutiert. Als wäre das eine Erkenntnis und kein halber Kalenderspruch — dass das Gute und das Böse gleichzeitig existieren können.

Mattias Schweighöfer spielt den „Schlächter von Lyon“ und schielt dabei in Richtung Joker, Hans Landa oder Bond-Schurke. In einer Szene sitzt er am Klavier und unterbricht sein Geklimper für gezielte Pistolenschüsse. Das Ergebnis ist unfreiwillig komisch, eine Möchtegern-Kultfigur, die nie ihre Schwiegersohn-Aura verliert. Mit großem Tamtam arbeitet er an einer Fassade kalter Dämonie. Wenn das eine Wirkung hat, dann um sichtbar zu machen, dass Schweighöfer schon durch seine RomComs oft stolziert, als wäre er Klaus Barbie in Lyon.

Natürlich wäre es unfair zu behaupten, Jesse Eisenberg würde immer aufs neue Mark Zuckerberg spielen. In diesem Film etwa spielt er Mark Zuckerberg mit französischem Akzent. Wenn er mit einem anderen Mitglied der Résistance über gefälschte Ausweise diskutiert, klingt er dabei, als würde er mit Peter Thiel über Risikokapital streiten. Am besten ist er, wenn er für die Kinder Clown spielt, wenn er ihrer Fantasie durch seinen Körper eine neue Realität verleiht. Am schwächsten ist er in allen übrigen Szenen. Etwa, wenn er mit seinem Metzger-Vater streitet, ob er Künstler werden soll. Später steht der Vater selbst auf der Bühne. Dass der Übergang vom Metzger zum Künstler fließend ist, beweist der Film mühelos.

Über Gilo Pontecorvos Film Kapo schrieb Jaques Rivette: „Das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass es schwierig ist, wenn man einen Film über ein solches Sujet […] machen will, sich nicht a prior bestimmte Fragen zu stellen; aber alles geschieht, als hätte Pontecorvo es aus Inkohärenz, Dummheit oder Feigheit unterlassen, sie sich zu stellen.“ Ein Urteil, das wohl auch für Résistance und Jonathan Jakubowicz gelten muss. Der Film stellt sich keine Fragen, stellt dem Publikum keine Fragen, weiß wohlmöglich nicht, was Fragen sind.

„Die Moral ist eine Sache der Kamerafahrten“, heißt es später im Text, und vielleicht denkt man an die alberne Kamera-Rotationen, die in zwei Szenen von Résistance zum Einsatz kommen, um Marceaus Angst und Überforderung erfahrbar zu machen. Es wirkt dann aber eher, als wäre die Kamera verzweifelt auf der Suche nach der Welt, in der das alles passieren soll. Diese Welt, die Texttafeln und Archivmaterial von Hitler-Reden die ganze Zeit behaupten. Als könnte das Auge, durch das wir blicken, selbst nicht glauben, was hier gezeigt wird. Marceau versucht sich als Feuerspucker und entzündet so einen Nazi-Schergen, der in Zeitlupe stürzt. Kunst und Kampf sind eins, Anmut rettet vor der historischen Tragödie – und so bietet Résistance keinen Widerstand, gegen nichts und niemanden.

Résistance - Widerstand (2020)

Während des 2. Weltkrieges verhelfen Marcel Marceau und sein Bruder Alain gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Freunden Hunderten jüdischen Waisenkindern über die deutsch-französische Grenze zur Flucht, wo sie sie vor den Nationalsozialisten verstecken. Marcel entdeckt hierbei die Kraft seiner Kreativität, die wertvoll und unentbehrlich für die Kinder und die Freunde wird. Als sich die politische Lage weiter anspannt, bringt die Gruppe die Kinder zunächst in sichere Obhut - und schließt sich dann der Résistance an.

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Meinungen
Hat das noch keiner bemerkt? · 14.08.2020

bringt die Gruppe zunächst die Kinder Richtung Süden in die UNSICHERE Obhut von Nonnen

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