Lupin (TV-Serie, 2021)

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Auf den Spuren der Romanreihe rund um den Meister- und Gentlemandieb Arsène Lupin von Maurice Leblanc wandelt die Netflix-Serie auch ein wenig auf den Spuren des Sherlock-Hypes und bietet charmante Unterhaltung im zeitgenössischen Gewand.

Lupin (TV-Serie, 2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Assane, nicht Arsène

Zugegeben: Wer die Geschichten rund um den Meisterdetektivs Arsène Lupin aus der Feder von Maurice Leblanc kennt, hat sich den vielleicht ganz anders vorgestellt, als das in der Netflix-Serie Lupin der Fall ist. Die Insignien Lupins jedenfalls – Zylinder und Monokel, dazu gerne ein eleganter Frack und den unvermeidlichen Spazierstock – entstammen dem Geist der Belle Epoque, der Dieb ist bestens erzogen, kommt aus vermögender Familie und gehört zur Elite der Grande Nation.

In der Serie nun, die bei Netflix auf Rang 1 der derzeit beliebtesten Neuerscheinungen ist, hat sich das alles gewandelt, was sicherlich auch daran liegt, dass Lupin keine Literaturadaption im eigentlichen Sinne ist, sondern viel eher eine Hommage an eine Romanreihe, die in Frankreich in jedem guten Bücherschrank steht – und damit in gewisser Weise auch eine Ode an das Lesen und darüber, wie die Literatur das Leben inspiriert und formt.

Im Mittelpunkt der Serie steht Assane Diop (Omar Sy), der als Teenager miterleben musste, wie sein aus dem Senegal stammender Vater als Bediensteter eines reichen Herrn fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt wurde und sich daraufhin später das Leben nahm. Nun, viele Jahre später, steht das damals entwendete und in der Zwischenzeit wieder aufgetauchte Collier, das einst Marie Antoinette gehörte, zur Versteigerung. Assane hat seine ganz eigenen Pläne, wie er seinen Vater rächen will – und das geschieht ganz im Sinne der Literatur und steht nicht nur im Geiste der Literatur von Maurice Leblanc, dessen erster Roman Das Halsband der Königin den Ausgangspunkt der Serie bildet, sondern erinnert auch an den Rachefeldzug von Edmond Dantès in Alexandre Dumas’ Der Graf von Monte Christo. Wie jener setzt sich auch Assane auf die Spur derer, die verantwortlich für den Tod seines Vaters waren, führt sie ihrer gerechten Strafe zu und deckt so ein Verbrechen auf, das 25 Jahre zurückliegt.

Die Geschichten um Arsène Lupin sind nicht nur ein echter Klassiker der französischen Literatur – und so ist es überhaupt nicht seltsam, wenn die Bücher immer wieder in der Netflix-Serie auftauchen. Sie gehören einfach in den Bücherschrank eines bibliophilen Haushaltes in Frankreich. Ebenso bemerkenswert sind auch die zahlreichen Verfilmungen der Stoffe rund um den Meisterdieb, die weit in die Filmgeschichte zurückreichen. So entstand 1910 im deutschen Kaiserreich bereits ein serielles Format mit dem Titel Arsène Lupin contra Sherlock Holmes, das darauf verwies, dass Maurice Leblanc ein großer Bewunderer des genialen Detektivs von Sir Arthur Conan Doyle war und in seinen Büchern immer wieder ein Aufeinandertreffen der beiden Giganten des Verbrechens (wenngleich von beiden Seiten des Gesetzes) inszenierte – und der britische Kontrahent aus rechtlichen Gründen dort den Namen „Herlock Sholmes“ trug. Danach folgten zahlreiche filmische Bearbeitungen und Neuauflagen, die zum Teil sogar Inspiration für japanische Anime-Serien und Comicverfilmungen wurden.

Die nun von den beiden Autoren George Kay (Criminal) und François Uzan verantwortete Serie ist ein zeitgemäßes und überaus erfrischendes Update der Vorlage, das – anders als etwa bei Sherlock – nicht etwa die Figuren in die Gegenwart versetzt, sondern vielmehr eine durchaus stimmige Metaebene einzieht: Abgesehen von der Namensähnlichkeit ist Assane nicht deckungsgleich mit Arsène, sondern lässt sich vielmehr von diesem als Fan inspirieren. Lupin spinnt so ein feines Netz von Querverweisen und Andeutungen von kleinen Hommagen und schönen Details, durch die Leblancs Schöpfung immer wieder ins Spiel gebracht wird, ohne deshalb hoffnungslos verstaubt zu wirken.

Abgesehen von der im Louvre gedrehten Auftaktfolge, in der der Protagonist das Collier Marie Antoinettes entwendet, geht es in Lupin weniger um spektakuläre Raubzüge, sondern vielmehr um die Ermittlungen zu dem zurückliegenden Verbrechen – und das wiederum bedeutet, dass hier viel mit Rückblenden gearbeitet wird. Das mag vielleicht diejenigen stören, die der Erwartungshaltung erlegen sind, Lupin könnte eine Variation des „Ocean’s Eleven“-Franchise sein – das ist sicher nicht der Fall. Stattdessen trifft Diop auf eine Investigativjournalistin (gespielt von der wunderbaren Anne Benoît), gerät an einen Polizisten, der ebenfalls ausgewiesener Lupin-Fan ist (Soufiane Guerrab), muss sich mit dem skrupellosen Geschäftsmann Pellegrini (Hervé Pierre) herumschlagen und trifft auf dessen Tochter Julliette (Clotilde Hesme), mit der er einst eine Affäre hatte. Außerdem sind da noch Assanes Ex-Frau Claire (Ludivine Sagnier) und der gemeinsame Sohn Raoul (Etan Simon) – und man merkt schnell, dass die beiden Geschiedenen noch längst nicht voneinander losgekommen sind.

Statt Eleganz und Raffinesse ist Lupin also vielmehr von ganz gegenwärtigen Problemen geprägt, zu denen sich immer wieder Verweise auf den Alltagsrassismus gesellen, denen sich Diop ebenso ausgesetzt sieht wie wie der Polizist Youssef. Beide sind aufgrund ihres Aussehens unsichtbar und werden immer wieder übersehen, was zumindest Diop aber zu seinem Vorteil nutzen kann.

Es sind diese kleinen Details und Beobachtungen sowie die sehr warmherzigen Figurenkonstellationen, die Lupin zumindest nach den ersten fünf Folgen zu einem erstaunlich leichtfüßigen Sehvergnügen machen, das zwar nicht vor Spannung und lauten Knallleffekten sprüht, sondern vielmehr auf fast altmodische Weise – und da passt Lupin dann eben doch hervorragend zum Geist des literarischen Vorbilds – wohltuend unaufgeregt erzählt und unterhält.

Lupin (TV-Serie, 2021)

Als Assane Diop ein Jugendlicher war, wurde sein Leben auf den Kopf gestellt: Sein Vater starb, nachdem man ihn eines Verbrechens beschuldigt hatte, das dieser nicht begangen hatte. 25 Jahre später diente ihm „Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner“ als Inspiration, um seinen Vater zu rächen.

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