Kopfplatzen (2019)

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„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von gut und böse“ (Friedrich Nietzsche). Was aber, wenn diese Liebe zurecht geächtet wird, weil sie pädosexueller Natur ist? Savas Ceviz’ eindringlicher Diskursfilm Kopfplatzen reist mit Max Riemelt in der Hauptrolle ins Herz der sexuellen Finsternis. 

Kopfplatzen (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Was nützt die Liebe in Gedanken?

„Du verstehst das nicht… Es ist hier drin… Hier, hier, hier, hier. Überall in mir drin… Ich will das nicht!“ Nach einer fulminanten Stunde und einem einprägsamen Peter-Lorre-Gedächtnisauftritt platzt es aus dem furios aufspielenden Max Riemelt endlich heraus. Elendig zusammengekauert, nur mit einem Bademantel bekleidet und einem glasigen Blick in den Augen wurde ein Moment zuvor Markus’ geheimste Leidenschaft entdeckt: Er ist pädophil veranlagt, steht insgeheim auf kleine Jungs und kurz davor, mit dem Nachbarsjungen Arthur (Oskar Netzel) pädosexuell übergriffig zu werden. Gerade saß er noch mit ihm in der Badewanne. 

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Dafür hatte sich der blendend aussehende Junggeselle, der als Architekt arbeitet, kurze Zeit vorher mit gewieften Methoden an seine neue Nachbarin Jessica (Isabell Gerschke) – respektive ihren achtjährigen Sohn – herangepirscht. Doch die alleinerziehende Frau hatte zufällig beim Milchholen in dessen Singlewohnung mehrere Schubladen voller anrüchiger Fotografien entdeckt, während Markus (Max Riemelt) parallel mit ihrem Filius im Badezimmer zusammen planschte. Unter den neuesten Abzügen befindet sich auch eine kleine Portraitstrecke mit Arthur, die Markus mit ihm beim letzten gemeinsamen Schwimmbadbesuch geschossen hat. 

Überhaupt fotografiert der zurückgezogen lebende Endzwanziger, der sich seiner gefährlichen Neigungen vollkommen bewusst ist, seit Jahren klammheimlich unbekannte Jungs in öffentlichen Parks, auf Sportplätzen oder in der Nähe von Kindergärten und Schulen. Bisher spielte sich der Sex immer nur in dessen Phantasien ab, doch Markus hadert, von Max Riemelt eindringlich verkörpert, zunehmend intensiver mit seinem abseitigen Schicksal. In Savas Ceviz’ eindringlichem Pädophilendrama sucht er deshalb kurzerhand auch die Nähe zu einem resoluten Psychoanalytiker (Ercan Durmaz), der ihm bereits in der ersten Therapiesitzung erklärt, „dass es dafür keine Heilung gibt“. Er solle vielmehr lernen, damit zu leben. Nur wie? 

Regisseur Savas Ceviz, der auch das Drehbuch für Kopfplatzen verfasste, hat sich für sein überzeugend gespieltes Intensivdrama, das im vergangenen Herbst in Hof uraufgeführt wurde, in der Tat eines der letzten Tabuthemen unseren Gesellschaft vorgenommen: Pädosexualität, die in Deutschland gottlob als besonders amoralische Straftat gilt und in der Regel auch streng geahndet wird, wenngleich verschiedene Experten weiterhin von einer relativ hohen Dunkelziffer ausgehen. Zugleich schwankt sowohl die Anzahl offizieller „Outings“ und damit verbundener Selbstanzeigen wie die der offiziell gemeldeten Missbrauchsfälle pro Jahr gleich in mehreren Fachstatistiken, was im selben Zug sehr viel über dieses minenbehaftete Forschungsfeld aussagt, in dem selbst innerhalb der Fachdisziplinen (z.B. im Diskurs „Pädophilie vs. Pädosexualität“) nicht immer Einigkeit herrscht. 

Ceviz’ stringente Personenregie verharmlost nichts, schont niemanden – und irritiert mitunter sogar, wenn am Ende aus dem smarten (Noch-Nicht-)Täter Markus plötzlich ein familienintern stigmatisiertes Opferlamm wird, obwohl er (bisher) weder dem Nachbarsjungen Arthur noch anderen Familienmitgliedern etwas Fürchterliches angetan hat, das strafrechtliche Konsequenzen hätte. Hier transformiert sich dieses sehenswerte Pädophilendrama kurzzeitig in eine packende Passionsgeschichte mit durchaus offenem Ausgang, was dann auch manche arg plakativen Symbolbilder vergessen lässt. Denn in der Summe müsste man gar nicht so viele „ein-ruheloser-Mann-trifft-einen-einsamen-und-aggressiven-Wolf“-Einstellungen einfügen. Ebenso wenig müsste Markus andauernd in dunklen, gitterhaften Wohnungswinkeln hausen oder zur nächsten Autobahnbrücke rennen, um dort den Blick nach unten auf die Fahrbahn zu richten… 

Kopfplatzen brilliert in erster Linie durch die mitreißende Performance seines Hauptdarstellers Max Riemelt (Freier Fall/Im Angesicht des Verbrechens), dessen reduziert-vieldeutige Mimik jede Szene quasi im Alleingang trägt. Dessen doppelbödiges Spiel eines eigentlich sympathischen Unholds, der sich seiner eigenen Abgründe jederzeit bewusst ist und nun nach dem Exit sucht, kreiert auf diese Weise aus einem ambitionierten Fernsehformatstoff ein weitgehend erstklassiges Kinoabenteuer, das einem lange im Gedächtnis bleibt. Kurzum: So systemrelevant kann deutsches Indie-Kino sein, wenn es sich traut. Kopfplatzen ist in toto ein mutiges Langfilmdebüt voller Ambiguität, das im noch jungen Kinojahr absolut haften bleibt. 

Kopfplatzen (2019)

Markus ist 29, ein gutaussehender, sympathischer und angesehener Architekt. Und er ist pädophil. Er hasst sich dafür und führt einen ewigen Kampf gegen seine Triebe. Doch als in der Wohnung nebenan die alleinerziehende Mutter Jessica mit ihrem kleinen Sohn Arthur einzieht, wird es „eng“ für Markus. Er kämpft darum, den lauter werdenden Rufen in seinem Kopf zu widerstehen, die ihn drängen, endlich „mehr“ mit einem Jungen zu machen.

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