Einsam Zweisam (2019)

Einsam Zweisam (2019)

Eine Filmkritik von Artemis Linhart

Zwei Nadeln im Heuhaufen auf der Suche - nach einander?

Mélanie (Ana Girardot) und Rémy (François Civil) leben im wahrsten Sinne des Wortes aneinander vorbei. Sie kaufen im gleichen Laden ein, nehmen die gleiche U-Bahn und teilen sogar eine Hauswand. Sie im geschmackvollen Altbau-Dachgeschoß, er im bescheidenen Neubau nebenan. Ob auf den Bildschirm oder vom Balkon aus in die Luft starrend, sie durchleben ihre Handlungsstränge Seite an Seite – und wissen dabei gar nichts von der Existenz der jeweils anderen Person.

Züge rollen dumpf donnernd, stetig an ihren Fenstern vorbei. Diese Monotonie der Flüchtigkeit umwölkt auch den Alltag der beiden. Ein Trott – trist und doch behaglich. Die drückende Schwermut ist eine Konstante in ihrem Leben. Da ist zwar diese Leere, das Nicht-Mehr-Schlafen (er) und das Nur-Noch-Schlafen (sie), die Richtungslosigkeit. Doch genauso reizlos scheint das Ausbrechen daraus. Beschwerlich, kompliziert, riskant.

Der Wind weht ihren Zigarettenrauch zu seinem Balkon hinüber. Die Kamera entfernt sich indes Stück für Stück von den angrenzenden Gebäuden, bis man die beiden Figuren auf den Balkonen aus den Augen verliert – wie auch Mélanie und Rémy sich selbst und ihre Bedürfnisse aus den Augen verloren zu haben scheinen. Beide haben Verluste zu bewältigen, denen sie nachhängen und die ihre Spuren im Hier und Jetzt hinterlassen. Öffnen können sie sich erst durch ärztliche Hilfe. Obwohl den ganzen Film hindurch alle verlegen um das Thema herumtänzeln und maximal die Rede vom Aufsuchen eines abstrakten “Jemand” ist, wird den Therapiesitzungen im Film eine Menge Raum gegeben.

Einsam Zweisam wirkt auf den ersten Blick wie eine Variation des argentinischen Films Medianeras – ein Eindruck, der sich auch auf den zweiten und dritten Blick nicht so ganz abschütteln lässt. Während Medianeras seine Liebesgeschichte in eine Kritik an der chaotischen Stadtentwicklung des krisengebeutelten, vielerorts unreguliert bebauten Buenos Aires einbettet, lässt Einsam Zweisam eine solche Kontextualisierung vermissen. Übrig bleibt aber immer noch eine gefühlvolle Erzählung über Einsamkeit, Entfremdung, prekäre Arbeit, Stagnation und psychische Erkrankungen.

Die scheinbar identen, parallelen Abläufe von Mélanie und Rémy weichen in vielsagenden Details voneinander ab. Bei Rémy dauert es, ehe die Emotionen in der Therapie aus ihm heraussprudeln, Mélanie trägt ihr Herz auf der Zunge. Die Kulissen spiegeln abermals die sozio-ökonomischen Hintergründe der beiden wider: Die gemütlich-stylishe Privatpraxis von Mélanies Therapeutin steht im Kontrast zur kargen Ausstattung der überlaufenen Institution, die Rémy besucht. Dabei wertet der Film keineswegs. Er zeigt Lebensrealitäten auf, indem er auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

Echt fühlen sich auch die Dialoge und Gebärden an. Hier fallen Writing und Schauspielerei trefflich zusammen. Die Authentizität des Films kippt allenfalls, wenn sie stellenweise minimal übersteuert, um cleverem, feinsinnigem Humor zu weichen.

Umso störender fällt die hartnäckige, deplatzierte Kritik des Films an der Social-Media-Kultur unserer Zeit auf. Diese wird bisweilen als die Wurzel der emotionalen Isolation und urbanen Malaise der beiden Hauptfiguren dargestellt. Nicht nur fühlt sich dieses Motiv altbacken und realitätsfern an, es ist vor allem auch nicht wirklich schlüssig. Zwar geht Mélanie auf das eine oder andere unbefriedigende Tinder-Date, Rémy hingegen hat jedoch noch nicht einmal einen Facebook-Account. Als Mélanies Therapeutin schließlich in eine verhaltene Hasstirade auf die Sucht nach sozialen Medien ausbricht, möchte man dem Film einfach nur zurufen: “OK Boomer”.

Nach und nach entrollen sich die Geschichten von Mélanie und Rémy und greifen ineinander. Rémys Schwester ist als Kind an Krebs verstorben, Mélanie arbeitet in der Krebsforschung. Lange bevor die beiden sich endlich bewusst begegnen, erfahren wir, dass ihre Therapeut_innen längst alte Bekannte sind. Und dann wäre da noch die Katze. In Anspielung auf sein Frühwerk … und jeder sucht sein Kätzchen lässt Cédric Klapisch den sonst so ernsten Rémy ein Katzenjunges aufnehmen, das ihn geradezu beschwingt und ihm sichtlich guttut. Doch es kommt, wie es kommen muss: Das Kätzchen entwischt – wie auch schon 23 Jahre zuvor sein Artgenosse – durch ein halb offenes Fenster. Wo es sein neues Zuhause findet, muss wohl nicht extra erwähnt werden…

Was zuerst wie ein Wink an sich selbst erscheint, stellt sich als Hommage an Renée Le Calm heraus, deren Filmfigur Madame Renée es zu verantworten hatte, dass 1996 jeder das Kätzchen gesucht hat. Im Rahmen des Möglichen hat Klapisch die mittlerweile 101-jährige Schauspielerin, die nur wenige Monate vor dem Kinostart des Films verstarb, auf einfallsreiche Art ein letztes Mal in seinen Film integriert.

Das Meet Cute, auf das der Film hinarbeitet, lässt bis zur vorletzten Minute auf sich warten und ist dann enttäuschend antiklimaktisch. Flach und überzogen zugleich, erscheint es geradezu lieblos – vor allem im Vergleich zur behutsamen Gestaltung des restlichen Films. Ehe man Zeit hat, den Unmut über diese Missachtung jeglicher filmischer Etikette (die zu erwarten wir uns nach Jahrzehnten des Konsums unterschiedlichster romcoms redlich verdient haben) in Richtung Leinwand zu bläken, läuft auch schon der Abspann.

Einsam Zweisam (2019)

Rémy und Mélanie sind beide um die Dreißig und leben im gleichen Bezirk von Paris. Während sie verschiedene Dates, die sie über die sozialen Netzwerke verabredet hat, immer wieder hat sausen lassen, kämpft er darum, sich endlich zu treffen. Beide sind sie Opfer ihrer Einsamkeit — und das ausgerechnet in einer Zeit, in der jeder mit jedem verbunden zu sein scheint. Werden sie sich irgendwann eines Tages doch begegnen?

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