Die letzte Stadt (2020)

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Heinz Emigholz‘ neuer Film lief bei der Berlinale in der Sektion „Encounters“. Darin treten ganz unterschiedliche Figuren miteinander in den Dialog. Das Ergebnis sind wahrlich seltsame Begegnungen.

Die letzte Stadt (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Begegnungen der etwas anderen Art

Heinz Emigholz‘ Film feierte bei der Berlinale 2020 seine Premiere. Dort lief er in der neu geschaffenen Sektion „Encounters“, die beim Verfasser dieser Zeilen unweigerlich Assoziationen mit Steven Spielberg hervorruft. Dessen etwas reißerisch ins Deutsche übersetzter Science-Fiction-Klassiker „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ heißt im Original ja bekanntlich „Close Encounters of the Third Kind“. Bei Emigholz kommen zwar keine Außerirdischen vor, aber es wird munter über die Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen Lebens diskutiert. Und auch sonst hält dieser Film durchweg Begegnungen der etwas anderen Art bereit.

Im Grunde sehen wir einem 100-minütigen Traum zu, der mal zum Lust- mal zum Albtraum wird. Der Traumlogik folgend, sind Orte und Individuen austauschbar. Dementsprechend spielen die Darstellenden verschiedene Figuren verschiedener Nationalitäten, ohne dass das jemanden irritiert; höchstens uns im Publikum. Doch diese Irritation ist beabsichtigt. Mehr noch: Sie ist ein Faszinosum, das diesen Film vorantreibt und zu einem seltenen Erlebnis macht.

Los geht es in Israel. Inmitten einer Ausgrabungsstätte trifft ein Archäologe (John Erdman) auf einen Waffendesigner (Jonathan Perel). Die beiden kennen sich aus einem früheren Leben als Filmemacher und Psychoanalytiker. Zu sehen war diese Zusammenkunft in Emigholz‘ Streetscapes (Dialogue). Ihr Gespräch führen sie in Be’er Sheva fort, bevor die Handlung – wenn man sie denn überhaupt so nennen möchte – nach Athen wechselt, wo John Erdman, nun ein alternder Künstler, seinem jüngeren Ich (Young Sun Han) begegnet. In der nächsten Episode verkörpert Young Sun Han dann einen Priester, der mit seinem Bruder (Laurean Wagner), mit dem er auch ins Bett steigt, bei seiner Mutter (Dorothy Ko) in Berlin wohnt. 

Von Stadt zu Stadt wechselt jeweils ein/e Schauspieler*in Ort und Rolle. Auf die deutsche Hauptstadt folgt Hongkong. Hier gibt Dorothy Ko eine Chinesin, die eine von Susanne Sachße dargestellte Japanerin an die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnert. In São Paulo ist Sachße dann eine brasilianische Kuratorin, die sich mit dem in der ersten Episode auftretenden Jonathan Perel, nun ein Kosmologe, über die Möglichkeit außerirdischen Lebens unterhält. Das hört sich schräg an, funktioniert aber erstaunlich gut. Till Beckmanns und Heinz Emigholz‘ Kameraarbeit und flüssige Montage reißen uns beim Zusehen von der ersten Minute an einfach mit. 

Emigholz hat sich in seiner langen Karriere zuletzt verstärkt der Architektur gewidmet und wiederholt Gebäude und Städte in den Mittelpunkt seiner avantgardistisch anmutenden Bildmontagen gerückt. Im Traum einer seiner Figuren verschmelzen mehrere Städte zu einer einzigen, der letzten Stadt. In seinem Film setzt der Schnitt die fünf besuchten Städte Be’er Sheva, Athen, Berlin, Hongkong und São Paulo zusammen. So wie die Dialogpartner während ihrer Gespräche pausenlos die Plätze tauschen und die Orte wechseln, gleitet die Erzählung von einem Kontinent zum nächsten. Die Ansichten der fünf Städte könnten auch in einer einzigen, der letzten Stadt anzutreffen sein.

Abseits des Bilderflusses lebt dieser Film einmal mehr von Emigholz‘ pointierten Dialogen, die in einem den Raum und die Zeit überwindenden Gedankenstrom scheinbar völlig unvereinbare Themen zusammenführen. Es geht um Waffendesign und Psychoanalyse, um Religion und freie Liebe, um die Tücken und Lücken der Erinnerung bei der biografischen Selbstbetrachtung, um Kriegsverbrechen und Wurst und um die Weiten des Weltalls. Das ist garantiert nicht jedermanns Sache. Sich darauf einzulassen, stimuliert aber ungemein die grauen Zellen.

Die letzte Stadt (2020)

Ein Archäologe und ein Waffendesigner, die sich in einem früheren Leben als Filmemacher und als Psychoanalytiker gekannt haben, treffen sich in einer Ausgrabungsstätte in der Negev-Wüste und beginnen ein Gespräch über Liebe und Krieg, das sie in der israelischen Stadt Be’er Sheva fortsetzen. Dann beginnt der Film mit wechselnden Darstellern in wechselnden Rollen einen Reigen, der durch die Städte Athen, Berlin, Hongkong und São Paulo führt. Es treten auf: ein alter Künstler, der auf sein jüngeres Selbst trifft, eine Mutter, die mit ihren beiden erwachsenen Söhnen zusammenlebt — einem Priester und einem Polizisten, eine Chinesin und eine Japanerin, eine Kuratorin und ein Kosmologe. Die Dialoge der Protagonisten handeln von obsolet gewordenen gesellschaftlichen Tabus, Generationenkonflikten, Kriegsschuld und Kosmologien. Die Architekturen der fünf Städte dienen als dritter Partner im Dialog der Protagonisten und komplettieren ihre philosophischen und metaphysischen Reisen.

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