Futur Drei (2020)

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Ein Sohn iranischer Einwanderer, der offen queer und sorglos in den Tag hinein lebt — das ist die Ausgangslage für ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches Debüt. Denn Regisseur Faraz Shariat verlässt die ausgetretenen Pfade.

Futur Drei (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Postmigrantische Ménage-à-trois

Debüts leiden häufig unter etwas, das man als „Autobiografitis“ bezeichnen könnte: Weil die Neulinge zu wenig von der Welt kennen, erzählen sie lieber von sich selbst. Doch wer noch nichts erlebt hat, kann auch nicht viel erzählen. Die x-te Nabelschau wohlstandsverwöhnter Großstädter zwischen Spree und Elbe, zwischen Rhein, Main und Isar braucht kein Mensch. Wie gut also, dass Faraz Shariat, Jahrgang 1994, schon einiges durchlebt und -litten hat. Shariat ist das Kind von Einwanderern, Person of Color und queer. Zum Glück macht er daraus nicht das handelsübliche Coming-of-Age-Drama mit kulturellem Überbau, sondern eine formal verspielte, postmigrantische Ménage-à-trois.

Schmerzvolle Coming-outs, rückschrittliche Religionen und tödliche Familienkonflikte sucht man hier vergebens. Als die Handlung unvermittelt einsetzt, lebt deren Protagonist Parvis (Benjamin Radjaipour) längst offen und akzeptiert queer. Wie gut es ihm geht, dessen ist er sich indessen nicht immer bewusst. Erst als er wegen eines Ladendiebstahls zu 120 Sozialstunden in einer Unterkunft für Geflüchtete verurteilt wird, verschiebt sich sein Fokus.

Wie alles im Leben hängt auch der Blick auf die Welt von der Perspektive ab. In Relation zu den Geschwistern Banafshe (Banafshe Hourmazdi) und Amon (Eidin Jalali), die Parvis in der Geflüchtetenunterkunft kennen- und bald auf ganz unterschiedliche Weise lieben lernt, führt er ein sorgenfreies Leben. Schiefe Blicke und dumme Sprüche hin oder her. Der Blick auf diese zwei öffnet ihm die Augen. Bald denken die drei über Vergangenheit und Zukunft nach, darüber, wo sie heute sein könnten, wenn sie an einem anderen Ort geboren worden wären, und darüber, ob sie mit ihren Migrationsgeschichten nicht die Zukunft sind.

Der Einstieg in dieses Drama ist einsam und realistisch. Beim Versuch, sein Provinzleben in Hildesheim auf der Tanzfläche zu vergessen, wirkt Parvis wie das traurigste Wesen der Welt. Beim Anblick all der Geflüchteten ändert er instinktiv seine Körperhaltung und nimmt sich die Ohrringe ab. Unfreiwillig, vielleicht unbewusst stellt er seine Persönlichkeit ein Stück zurück. Simon Vus agile Kamera und Friederike Hohmuths Montage fügen diese ersten Minuten zu einem Bilderfluss zusammen, der ungemein dokumentarisch anmutet.

Je länger der Film dauert, je mehr die Lebenslust zurückkehrt und je tiefer sich die drei hervorragend gespielten Hauptfiguren in ihrem Dreieck aus Liebe, Sex und Freundschaft verlieren, desto wilder wird seine Form. Ein Spiel mit Farben, Zeitlupen, Überblendungen und Inszenierungen im Raum. Ab und an drängt sich die Kamera allzu sehr in den Vordergrund. Ansonsten fließt dieser unorthodoxe Mix mit all seinen Anleihen an unterschiedlichste Ästhetiken erstaunlich geschmeidig dahin. Besonders in den Szenen am frühen Morgen, wenn das Trio von durchtanzten Nächten heimkehrt und sich die ersten Sonnenstrahlen in das Vogelgezwitscher mischen, ist das Publikum den Figuren unheimlich nah.

Diese Nähe und Unmittelbarkeit entfalten eine enorme Wucht, Poesie und Intimität. Shariats und Paulina Lorenz‘ Drehbuch erklärt nicht viel. Wie die Menschen, die seit Generationen in diesem Land leben und sich dafür doch immer wieder rechtfertigen müssen, sind ihre Figuren einfach da. Fakten und Wendungen erzählen sich beinahe von selbst; szenisch, situativ. All das dient dem Ziel, konventionelle Erzählmuster über Migrant*innen aufzubrechen. Vielleicht bleiben so irgendwann die dummen Sprüche und die schiefen Blicke aus.

„Fast täglich werde ich von weißen deutschen Menschen gefragt, woher ich komme, wie lange ich schon hier bin“, hat Faraz Shariat in einem Interview geäußert. Seiner Meinung nach habe das viel mit einer Filmlandschaft zu tun, die selbst die Geschichten der zweiten Generation immer noch als Migrationsgeschichten erzähle und „zu Pointen multikultureller Versöhnung oder romantischen Darstellungen einer bedrohten Heimat“ verkürze. Shariats Debüt, das aus Studienkreisen an der Universität Hildesheim erwachsen und mit einem diversen Ensemble vor und hinter der Kamera entstanden ist, ist nicht der erste, aber ein wichtiger Schritt in eine andere Richtung.

Der Konflikt der Generationen verläuft bei ihm entlang einer anderen Grenze. Hier stoßen sich Vater und Mutter (übrigens von den Eltern des Regisseurs gespielt) nicht an der Sexualität ihres Sohnes, sondern daran, dass er zu wenig aus den von ihnen hart erarbeiteten Möglichkeiten macht. Vielen der eingangs erwähnten wohlstandsverwöhnten Großstädter dürfte das bekannt vorkommen.

Für dieses bemerkenswerte Debüt gab es bei der 70. Berlinale zwei Teddy Awards. Inzwischen ist die Welt eine andere. So wie die Waldbrände, die zum Kinostart von Futur Drei gerade in Kalifornien wüten, die letzten Leugner überzeugen sollten, dass der Klimawandel real ist, beweist dieser Film mit Leidenschaft und Feuer, dass die Zukunft des Kinos längst da ist.

Futur Drei (2020)

Parvis’ Leben kreist um Popkultur, Grindr-Dates und Raves. Durch die geflüchteten Geschwister Banafshe und Amon entdeckt der Deutsch-Iraner seine Vergangenheit neu. Ein Film über die erste Liebe und das Leben als Migrant*in in Deutschland.

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